Entscheidung zur Zukunft des Kardinals Papst hält Woelki in der Schwebe

Der Papst lässt Kardinal Woelki im Amt, verordnet ihm aber eine mehrmonatige Pause. Die große Frage: Wie soll es danach weitergehen?
Kardinal Woelki im Garten des Erzbischöflichen Hauses in Köln: im Kreuzfeuer

Kardinal Woelki im Garten des Erzbischöflichen Hauses in Köln: im Kreuzfeuer

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Rolf Vennenbernd / picture alliance/dpa

Um kurz nach halb eins an diesem Freitagmittag tritt der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki in den Garten seiner Residenz in Köln. »Tag zusammen«, sagt er und schaut sich erst mal um. »Wo soll ich hin?«, fragt er in die Runde. Wenige Sekunden später hat er seinen Platz unter einer Kiefer gefunden, vor ihm stehen knapp 20 Journalisten.

Er habe vergangene Woche länger mit Papst Franziskus gesprochen, sagt Woelki. »In dem Gespräch hat mir der Heilige Vater deutlich gemacht, dass er sehr auf mich zählt, dass er auf mich baut.« Der Papst habe seine Entschiedenheit bei der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs gewürdigt. Doch Woelki räumt selbst ein: »Natürlich habe ich Fehler gemacht bei der Aufarbeitung, Fehler mit Blick auf die Kommunikation.«

Mit dem Papst sei er überein gekommen, sein Bischofsamt für mehrere Monate ruhen zu lassen. »Diese Zeit werde ich mir etwa von Mitte Oktober an bis zum Beginn der österlichen Bußzeit nehmen«, also bis März 2022.

Woelki hat vorerst kein Wörtchen mehr mitzureden

Zur gleichen Zeit veröffentlicht der Vatikan sein lang erwartetes Diktum in der Causa Woelki. Schnell wird deutlich: Eine wirkliche Entscheidung sieht anders aus. Das Schreiben aus Rom ist ein Sowohl-als-auch. Papst Franziskus beruft Erzbischof Woelki zwar nicht von seinem Posten ab, verordnet ihm aber eine mehrmonatige Denkpause. Er lobt den Kardinal für die Aufarbeitung des Missbrauchs, kritisiert ihn aber für seine schlechte Krisenkommunikation.

»Das hat wesentlich dazu beigetragen, dass es im Erzbistum Köln zu einer Vertrauenskrise gekommen ist«, heißt es in der Mitteilung des Heiligen Stuhls. Es sei »offenkundig, dass Erzbischof und Erzbistum einer Zeit des Innehaltens, der Erneuerung und Versöhnung bedürfen.«

Woelki darf sich zwar weiterhin Erzbischof nennen, hat in seiner Diözese aber vorerst kein Wörtchen mehr mitzureden. Bis zu seiner Wiederkehr soll der als moderat geltende Weihbischof Rolf Steinhäuser das Erzbistum administrativ führen.

Schon jetzt hat der Kampf um die Deutungshoheit über das päpstliche Schreiben begonnen. Kardinal Woelki setzt darauf, seine mehrmonatige Abberufung als freiwillige »Auszeit« zu verkaufen. Für kritische Kölner Katholikinnen wie Maria Mesrian ist die Mitteilung aus Rom aber eher Beleg für einen »Dissens« zwischen Vatikan und Erzbischof. Die Mitbegründerin der Reformbewegung Maria 2.0 spricht von einer »verordneten Bedenkzeit« für Woelki.

Mesrian zeigt sich aber auch erleichtert über die Entscheidung des Papstes: »Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass er Woelki im Amt belässt.« Gleichzeitig kritisiert sie, dass der Vatikan den innerkirchlichen Umgang mit sexuellem Missbrauch angesichts der jahrzehntelangen Vertuschung im Erzbistum noch immer viel zu milde bewerte.

Das Schreiben des Papstes bildet den – vorerst – letzten Schlussakkord zu einer historischen Krise im Kölner Erzbistum, die seit Monaten fast apokalyptische Züge trägt. Der Zoff begann 2020, als Woelki ein Gutachten zur sexuellen Gewalt aus Datenschutzgründen nicht veröffentlichte. Und er setzte sich auch nach einer neuen Studie im März fort.

Woelki ging aber nun wirklich auch keinem Streit aus dem Weg, ob er nun die kleine Katholische Hochschulgemeinde betraf oder sein eigenes Personal. Führende Priester des Erzbistums beschreiben ihn als herrisch, unreflektiert und entrückt. Ein hochrangiger Kölner Kleriker sagte dem SPIEGEL vor wenigen Monaten: »Als Führungskraft ist der Kardinal eine Nullnummer.«

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Der Heilige Vater entsandte Visitatoren in die Domstadt

Woelki sah sich zunehmend im Kreuzfeuer. Er verwies immer wieder auf seine Bemühungen bei der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs. Die Christen in seinem Erzbistum stimmten derweil mit den Füßen ab. Allein in der ersten Jahreshälfte 2021 traten in der Stadt Köln 9000 katholische und evangelische Christen aus der Kirche aus – mehr als im gesamten Jahr 2020.

Normalerweise herrscht jenseits der Alpen, in der Parallelwelt des Vatikans, bei römischen Kirchenoberen kaum Verständnis für die Probleme deutscher Katholikinnen und Katholiken, die sich angesichts einer überkommenen Sexualmoral, eines misogynen Weltbilds und eines epochalen Missbrauchsskandals von ihrer Kirche abwenden. Doch nachdem das Kölner Erzbistum fast schon implodiert war, sah sich der Heilige Stuhl dann doch bemüßigt, einzugreifen.

Anfang Juni entsandte der Heilige Vater zwei Apostolische Visitatoren in die Domstadt. Die beiden sollten sich vor Ort ein Bild von der Lage machen und mögliche Fehler Woelkis im Umgang mit Missbrauchsfällen untersuchen. Papst Franziskus habe die »Ergebnisse der Apostolischen Visitation aufmerksam zur Kenntnis genommen« und sie zur Grundlage seiner Entscheidung gemacht, heißt es in dem päpstlichen Schreiben vom heutigen Tage.

Der Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken, einer der einflussreichsten Kleriker des Erzbistums, begrüßte das Schreiben aus dem Vatikan. Die gewährte Auszeit sei für Kardinal Woelki eine Chance, so Picken. Schließlich seien die vergangenen Monate der Auseinandersetzungen und der Ungewissheit auch für den Erzbischof kräftezehrend gewesen. »Das Erzbistum befindet sich seit längerer Zeit, besonders seit der Ankündigung der Visitation, in einer Art Schwebezustand. Kölns Kirche hängt in der Luft.«

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, kritisierte dagegen die Entscheidung des Papstes: »Das Instrument einer Auszeit ist nicht genug. Es ist völlig unklar, was am Ende einer solchen Auszeit stehen kann, und sie ist nicht geeignet, um verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen.«

Auch Woelki scheint sich noch kaum Gedanken gemacht zu haben, wie er die vielen Wunden im Erzbistum heilen will. Am Ende des Pressestatements im Garten möchte eine Reporterin von ihm wissen, wie er nach seiner Auszeit das Vertrauen der Gläubigen wiedergewinnen wolle. Woelki lächelt nur, breitet die Arme aus und geht weg.

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