Papst-Fan im Olympiastadion Der Herr ist mit den Sündern

Zehntausende feierten Papst Benedikt XVI. im Berliner Olympiastadion wie einen Popstar. Auch Hannes, ein ehemaliger Techno-DJ und Barkeeper, der inzwischen Theologie studiert hat und Priester werden will. Geschichte einer unglaublichen Wandlung.

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Keinen religiösen Tourismus hatte Papst Benedikt XVI. für seinen Besuch in Deutschland angekündigt, und noch weniger eine Show. Im Berliner Olympiastadion bekam er sie trotzdem. Fahnenschwenkende Jugendgruppen, Verbindungsstudenten in Uniformen, Messdiener und Pilger - sie alle feierten den Pontifex wie einen Popstar.

Hannes blickt von Sitz 2 in Reihe 7 im Block P des Berliner Olympiastadions auf die Leinwand zu Benedikt XVI., der dem deutschen Parlament die Leviten liest. Er schmunzelt, als der 84-Jährige von Bundestagspräsident Norbert Lammert zum richtigen Mikrofon geführt werden muss. Er ist eben doch ein Mensch, der Heilige Vater.

Jeder sei fehlbar, sagt Hannes und klemmt seine lederne Umhängetasche zwischen die Knöchel. Der 35-Jährige hat an der Theologischen Hochschule des berühmten Stiftes Heiligenkreuz bei Wien eine theologisch-philosophische Ausbildung absolviert. Zurzeit widmet er sich dem Studium der von Papst Johannes Paul II. entwickelten Theologie des Leibes. Er kann sich vorstellen, Mönch zu werden oder gar katholischer Pfarrer.

Der Papst lässt sich Kinder reichen und segnet sie im Fahren

Als das Papamobil unter der gigantischen Altarinsel ins Stadionrund einfährt, jubeln die Massen, viele Polen und Kroaten sind da. Mütter stürmen die Ränge nach unten, wedeln mit ihren Babys wie Michael Jackson einst am Fenster des Berliner Hotels Adlon. Einige Kinder lässt sich der Papst reichen und segnet sie im Fahren. Eine Frau, deren Tochter nicht auserwählt wird, bricht weinend zusammen, Leibwächter müssen sie davon abhalten, der Kolonne zu folgen.

Benedikt XVI. winkt und lächelt und segnet weiter. Er war nie der Mann der großen Gesten, aber Kirche lebt von der Inszenierung, Kirche braucht starke Bilder. Ministranten aus der ganzen Republik in weißen Gewändern mit rotem Talar säumen den Weg, sie machen Luftsprünge und kreischen vor Freude, wenn der Papst an ihnen vorüberfährt. Ein Mann stürmt auf die blaue Tartanbahn, wirft sich auf die Knie und küsst minutenlang den Boden, den das Papamobil gerade befahren hat.

Im Beisein von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit trägt sich Benedikt XVI. in das Goldene Buch der Stadt ein, das ausnahmsweise vom Roten Rathaus ins Stadion gebracht wurde. Eine seltsame Begegnung: Wowereit, der sich offen zu seinem Schwulsein bekennt, und das Oberhaupt der katholischen Kirche, die homosexuelle Beziehungen für Sünde hält. Die Menge johlt und applaudiert.

Vom Ministranten in Vorarlberg zum Bar-Chef auf Sylt

Momente, die Hannes mit seinem iPhone festhält. Er ist aus seiner Heimat Vorarlberg nach Berlin gekommen, um dem Papst zu begegnen. Es ist nicht das erste Mal, aber es bedeutet ihm viel. "Christus ist der Weg", sagt Hannes, "aber man kann ihn nur gehen, wenn man ihn in sein Leben lässt und in sein Herz."

Die Erkenntnis hat Hannes noch nicht lange. Nach der Hotelfachschule verließ er Österreich und jobbte rund um den Globus, lebte in Bangkok und auf Bali, in Hamburg und Zürich. Er war DJ in großen Techno-Clubs, legte auf Partys in alten Fabrikhallen in Berlin auf, arbeitete jahrelang als Barkeeper auf Sylt.

Acht Jahre lang verdiente er als Saisonarbeiter viel Geld, das er nach acht Monaten Nonstop-Maloche hinter der Theke auf Reisen verprasste. Je weiter es ihn forttrieb, desto näher rückte die europäische Kultur und mit ihr sein verschütteter Glauben.

Als Bar-Chef einer Szenekneipe in Kampen auf Sylt hatte er Einblicke in ein Leben, das so ganz anders war als das, was ihm die Eltern in seiner österreichischen Heimat vorgelebt hatten, wo er Ministrant war und wenigstens ab und an in die Kirche ging.

Im Kloster findet er zum Gottvertrauen zurück

Da saßen 14-jährige Mädchen in knappsten Hotpants an seiner Theke, das Louis-Vuitton-Täschchen auf dem Schoß, die Langeweile ins Gesicht gemeißelt. Abends kamen deren Mütter, geliftet und mit Botox bearbeitet, die Rolex am Arm. Nach Mitternacht dann die dazugehörigen Väter, am Arm ein Urlaubsflirt. Auf den Toiletten wurde gekokst, manchmal meldete sich ein Gast aus dem Auto und fragte, ob sich auf den Barhockern schon genügend "Hühner" eingefunden hätten. Einsichten und Aussichten, die Hannes geprägt haben.

"Diese Menschen haben alle Sehnsucht nach Liebe und nach der Wahrheit", sagt er, "sie hecheln einem Bild hinterher, und erst dadurch spürte ich, dass ich mich so annehme, wie ich bin." Der Wunsch, diesen Schatz, wie er ihn nennt, festzuhalten, ist bis heute mit einer Sehnsucht nach Ruhe verbunden. Auf Sylt marschierte er deshalb viermal in der Woche in die katholische Kirche in Westerland. Vergangenen Sommer lebte er für drei Monate im Kloster der Legionäre Christi in Bad Münstereifel, einem in Mexiko gegründeten, sehr konservativen Orden.

"Ich habe dort Menschen kennengelernt, die so erfüllt und glücklich waren", sagt Hannes, "einen krasseren Kontrast zu den Schönen und Reichen auf Sylt gibt es nicht." Dort hat er das Vertrauen in Gott, sich hundertprozentig auf ihn verlassen zu können, erneuert. Er wisse nun, sagt Hannes, dass er nur glücklich wird, wenn er sich auf diesen Gott einlässt. Zölibat hin, Zölibat her. Er habe kein Problem damit, eine Ehe mit Gott zu führen.

Von Krise der Kirche will er nichts hören, von Reformen schon gar nicht

Ausgerechnet er, der in Sachen Alkohol, Drogen und Frauen exzessive Erfahrungen machte, der von sich selbst sagt, er sei kein Unschuldslamm gewesen. "Ich bin kein Paulus, der vom Ross gefallen ist", sagt er mit Nachdruck. Es sei ein gelebtes Leben, das er nicht missen wolle, aber das nun nicht mehr so stattfinden könne. Seine Freunde haben ihn belächelt für seinen Lebenswandel. Ach, der Hannes, erst war er DJ, jetzt rennt er zum Papst. Doch so langsam merken sie, der Hannes meint es ernst.

Die Visitenkarten, die ihm jeden Sommer hinter dem Tresen zugesteckt wurden, von angeblichen Freunden, hat er in einen Schuhkarton gestopft und verbrannt. Die Frauen, mit denen er sich amüsierte, hat er aus seinem Gedächtnis verbannt.

"Mein Leben ist durch die Kirche größer geworden, reicher", sagt Hannes. Von Krise will er nichts hören, von Reformen schon gar nicht. Die Priesterweihe für Frauen beispielsweise ist kein Thema für ihn. "Die Frau hat ihre Rolle in der Kirche, und die ist nicht minderbewertet, Gott weiß, was richtig ist." Die Missbrauchsfälle seien schockierend, ja, aber kein Grund für ihn, der Kirche den Rücken zu kehren, sagt Hannes. Wie gesagt, der Mensch sei fehlbar.

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Seite 1
Antje Technau, 22.09.2011
1. frauenfeindlich von Anfang an
Zitat von sysopZehntausende feierten Papst Benedikt XVI. im Berliner Olympiastadion wie einen Popstar. Auch Hannes, ein ehemaliger Techno-DJ und Barkeeper, der inzwischen Theologie studiert hat und Priester werden will. Geschichte einer unglaublichen Wandlung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,787936,00.html
die richtige Einstellung hatte er schon vorher: Sollte Hannes, der Priester, sich mal wieder mit einer Frau amüsieren und ihn die Kirche hinterher strafversetzen, weg von der Frau, weg von den biologischen Folgen, auch Kinder genannt, dann wird Hannes kein Problem damit haben. Denn: "Die Frau hat ihre Rolle in der Kirche, und die ist nicht minderbewertet, Gott weiß, was richtig ist."Die Missbrauchsfälle seien schockierend, ja, aber kein Grund für ihn, der Kirche den Rücken zu kehren, sagt Hannes. Wie gesagt, der Mensch sei fehlbar.
Bärchen09 22.09.2011
2. Ein interessanter Bericht
Auch wenn ich als Protestantin mit Zölibat nichts anfangen kann, dieser Bericht ist so autentisch und echt, den finde ich gut. Und hoffe, dass Hannes weiter seinen Weg mit Jesus geht. Denn letztendlich ist nicht die Kirche das wichtigste, sondern Jesus selbst. Der uns aber auch an unseren Platz im Leben stellt. Und wenn er Hannes als Priester haben will, dann wünsche ich ihm viel Segen.
Bärchen09 22.09.2011
3. Es gibt Bewahrung
Zitat von Antje Technaudie richtige Einstellung hatte er schon vorher: Sollte Hannes, der Priester, sich mal wieder mit einer Frau amüsieren und ihn die Kirche hinterher strafversetzen, weg von der Frau, weg von den biologischen Folgen, auch Kinder genannt, dann wird Hannes kein Problem damit haben. Denn: "Die Frau hat ihre Rolle in der Kirche, und die ist nicht minderbewertet, Gott weiß, was richtig ist."Die Missbrauchsfälle seien schockierend, ja, aber kein Grund für ihn, der Kirche den Rücken zu kehren, sagt Hannes. Wie gesagt, der Mensch sei fehlbar.
Liebe Frau Technau, genau das muss aber nicht passieren. Als Protestantin ist mir ein Zölibat zwar nicht ganz einleuchtend, aber wenn ein Mensch das wählt, sollte er darin ehrlich sein. Nicht andere verletzen. Ich habe genug Priester kennen gelernt, die so konsequent lebten. Obwohl das heute sicher schwerer wird, weil es zu wenige gibt und darum die Gemeinschaft untereinander oft fehlt, dafür aber zu viele Aufgaben. Nicht immer das Negative erwarten, sondern für Hannes hoffen, dass er seinen Weg geht.
detektuv 22.09.2011
4. Also doch
Zitat von Bärchen09Auch wenn ich als Protestantin mit Zölibat nichts anfangen kann, dieser Bericht ist so autentisch und echt, den finde ich gut. Und hoffe, dass Hannes weiter seinen Weg mit Jesus geht. Denn letztendlich ist nicht die Kirche das wichtigste, sondern Jesus selbst. Der uns aber auch an unseren Platz im Leben stellt. Und wenn er Hannes als Priester haben will, dann wünsche ich ihm viel Segen.
größer und reicher!
capitain_future 22.09.2011
5. Weltoffenheit-Fragezeichen
Zitat von sysopZehntausende feierten Papst Benedikt XVI. im Berliner Olympiastadion wie einen Popstar. Auch Hannes, ein ehemaliger Techno-DJ und Barkeeper, der inzwischen Theologie studiert hat und Priester werden will. Geschichte einer unglaublichen Wandlung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,787936,00.html
Nach 1000 Jahre Wissenschaftsverachtung und Mord an vielen Menschen (z.b. Sterben lassen, Hexen Verbrennung) hat diese Kirche ,kein Recht überhaupt einen von Moral zu erzählen. Die Welt hat mehr als 1000 Jahre minus in Sachen Wissenschaft! Der Papst persönlich sollte nach Afrika geschickt werden,um den Menschen Tonnen von Lebensmittel und Maschinen zum Ackerbau zu bringen. Als Staaten von Europa könnten wir dazu Technik und Bildung bringen. Warme Worte helfen niemand.
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