Ein Jahr Papst Franziskus Der nette Weltpfarrer

Dieser Mann mischt die katholische Kirche auf: Seit einem Jahr ist Papst Franziskus im Amt. Der 77-Jährige ist kein Revolutionär, aber er will die Kirche menschlicher machen. Aber stehen jenseits seiner Worte und Gesten auch Taten?

AFP Photo / Osservatore Romano

Auch seinen ersten Jahrestag, den 13. März, feiert Papst Franziskus natürlich ganz eigen: Er packt seine Kurienkardinäle und andere geistliche Herren, 80 an der Zahl, in einen großen Bus und fährt fünf Tage zum gemeinsamen Fasten und Beten in ein einsames Exerzitienhaus, 30 Kilometer jenseits der vatikanischen Landesgrenze. Dienstpersonal und Assistenten darf keiner mitnehmen, das karge Zimmer muss jeder selber zahlen. Ach, das Leben im Kirchenstaat war schon angenehmer!

Seit genau einem Jahr heißt der Papst Franziskus - und mit ihm hat sich das Leben bei Hofe radikal geändert: Man trägt schlichten Look statt Ornat in Gold und Seide, geht zu Fuß oder fährt im Bus statt im Dienstwagen. Consultants aus München und McKinsey-Experten untersuchen vertrauliche Akten. Die herrschaftlichen päpstlichen Gemächer sind dunkel und leer - der Hausherr wohnt lieber im vergleichsweise luxusfreien Gästehaus. Da sei er den Menschen näher, meint er.

Die Menschen revanchieren sich mit Begeisterung und Bergen von Briefen, meist mit der Bitte um Hilfe. Mit manchen telefoniert Franziskus, wenn er gerade ein paar Minuten Zeit hat. Eine 80-jährige Witwe die ihren Sohn verloren hat, ruft er seit einer Weile wöchentlich an. "Ich mache den Pfarrer", sagte er im Interview mit der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera", "das gefällt mir".

"Rasch, rasch"

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Franziskus: "Ich mache den Pfarrer, das gefällt mir"
Binnen eines Jahres wurde aus Jorge Mario Bergoglio, einem international eher unbekannten Bischof aus Buenos Aires, der "Weltpfarrer" Franziskus. So taufte ihn sein Sekretär Alfred Xuereb. Der neue Papst wurde quasi über Nacht zum Superstar. Bei seinen Auftritten drängen sich die Menschen auf dem Petersplatz. Franziskus habe durch seine Amtsführung, so der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, allerorten gleichsam einen "Schock der Authentizität" ausgelöst.

Dabei habe er überhaupt kein Konzept für das hohe Amt gehabt, gestand Franziskus. "Mit diesem Übergang von einem Bistum ins andere" habe er ja nicht gerechnet. Also griff er das auf, was schon vor dem Konklave kritisch diskutiert worden war. Und im übrigen "warte ich darauf, dass mir der Herr die Inspiration gibt".

Da diese bekanntlich nicht vorhersehbar ist, überrascht Franziskus seine Umgebung tagtäglich - nicht immer zu deren Wohlgefallen. Spontan beschloss er nach Lampedusa zu fliegen, um dort "die toten Flüchtlinge zu beweinen" und "mit den Überlebenden zu sprechen". Seine Entourage muss alles "rasch rasch" regeln. Spontan fällt ihm ein, den Gottesdienst in einer x-beliebigen römischen Kirche zu zelebrieren, Sicherheitsbedenken sind ihm ebenso gleichgültig wie das Verkehrschaos, das seine Fans verursachen. Ständig hat er Besuch - und neue Ideen. Die verkündet er gern öffentlich, seine Berater erfahren es aus den Medien.

Manchen ist der alte Muff lieber

Frischen Wind hat er in die verstaubte Kirche gebracht. Aber manchen dort ist der alte Muff lieber. "Es gibt im Vatikan auch Strömungen", offenbarte der deutsche Kardinal Walter Kasper diese Woche im Radio-Vatikan-Interview, "die wollen das, was der Papst will, sabotieren". Kein Wunder, die alten Machtstrukturen zerbröseln unter dessen Regiment.

Andere Kritiker zweifeln, ob jenseits der Worte auch Taten stehen. Franziskus gründete zwar mehrere Kommissionen. Aber welche der großen Probleme, fragen sie, habe er denn schon richtig angepackt?

  • Die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals? Die brachte schon Vorgänger Benedikt XVI. auf den Weg. Und es gibt noch viel zu tun, wie die Uno unlängst kritisierte.

  • Der Umbau der skandalträchtigen Vatikanbank zu einer schlichten Spar- und Girokasse des Kirchenstaats? Auch das ist vom Vorgänger in Auftrag gegeben worden, Franziskus verschaffte dem Vorhaben freilich neue Durchsetzungskraft. Und er installierte neue Finanzkontrollgremien.
  • Der kirchliche Umgang mit Geschiedenen? Dazu hat der Papst zwar eine Diskussion eröffnet, aber sogleich gewarnt, es sei "ein langer Weg, den die Kirche zurücklegen muss".
  • Der Streit um die Geburtenkontrolle? Da will Franziskus weniger die starre Lehre der Kirche ändern, als den Umgang mit den "Sündern". Nach der Devise: mehr "Barmherzigkeit und Aufmerksamkeit für die konkreten Lebenslagen".

"Barmherzigkeit" ist das Schlüsselwort zum Verständnis dieses Papstes. Er ist kein Revolutionär, er will weder die Welt noch die katholischen Dogmen umstürzen, er will sie nur menschlicher machen. Nicht die Definition der Sünde, sondern den Umgang mit dem Sünder will er ändern. Für manche Katholiken wird das zu wenig sein. Für andere ist es schon zu viel.

Nach seiner scharfen Kapitalismuskritik empörten sich US-amerikanische Milliardäre über den päpstlichen "Marxismus" und stellten Spenden in dreistelliger Millionenhöhe in Frage. Unverzüglich versicherte der Erzbischof von New York, Kardinal Timothy Dolan, dass der Papst nicht nur Armen zugetan sei. "Er liebt auch die reichen Leute".

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
emporda 13.03.2014
1. Der Anfang vom Ende
Je besser Menschen sich in eine Wissens- und Leitungsgesellschaften integrieren und die Fähigkeiten für Beruf und Leben beherrschen, je verbreiteter sind Wohlstand, Rechtssicherheit, soziale und medizinische Versorgung bei rückläufigen paranoiden Kulten. Neben einer freien Wissenschaft ist die Wertung von wissenschaftlicher Arbeit und Aufwand wichtig, ohne dass sich analphabetische Einfaltpinsel beleidigt fühlen, ständig Sonderrechte auf der Grundlage von bronzezeitlichen "Weisheiten" fordern und die Menschenrechte mit persönlichen Freiheiten negieren. Religiöse parasitäre Parallel-Gesellschaften als Staat im Staate mit speziellem Recht können nur so existieren, mehr begreifen ihre Religioten nicht. Eine Integration aller Unfähigen und Lernunwilligen der Welt in unser soziales Netzwerk senkt das BIP der Gesellschaft von 50.000 US$/Jahr/Einwohner auf 7.000 US$/Jahr/Einwohner, alles jemals durch Fleiß und Arbeit Erreichte geht verloren mit dem Endziel einer Gesellschaft tumber Ziegen- und Kamelhirten.
jakubus 13.03.2014
2. emporda
neben der Eingleisigkeit des mechanischen Denkens, das dem Normierten den Vorrang gibt und sich sich selbst als allwissend darstellt, benötigen wir sehr wohl Denkstrukturen aller Art, die diesem verkalkten und bedingungslos fortschrittsgläubigen Menschen Widerstand entgegensetzen und zum Nachdenken anhalten. Die Stufe der einseitig denkenden technischen Zeitgenossen bringt außer Machtgier nichts. Obiger bevorzugt offensichtlich geschliffene abgerundete Menschen, die dem Gelderwerb, den Berieben etc. durch selbsbewusstes Denken nicht schaden.
sitiwati 13.03.2014
3. vergleicht
Zitat von sysopDPADieser Mann mischt die katholische Kirche auf: Seit einem Jahr ist Papst Franziskus im Amt. Der 77-Jährige ist kein Revolutionär, aber er will die Kirche menschlicher machen. Aber stehen jenseits seiner Worte und Gesten auch Taten? http://www.spiegel.de/panorama/papst-franziskus-ein-jahr-im-vatikan-frischer-wind-fuer-katholiken-a-958217.html
man die RKK mit anderen Religionen, stellt man fest, dass das ein straff organisierter Verein ist, wie man bei Siemnes ausdrückte, eine Bank mit einem Elektrounternehmen, natürlich hält jeder Papst, Kardinal, Bischof erst mal an den Grundsätzen fest- die Gläubigen haben zu gehorchen-pasta-ob der Papst nun volkstümlich ist, oder mit dem Bus fährt ist egal, er wird nicht von den Grundsätzen abweichen, dafür sorgen schon seine Zuträger, auch der Herr Marx ist nicht anders gepolt-ein bischen neuen Anstrich macht ein Haus auch nich anders bewohnbar !
peter_1974 13.03.2014
4.
Zitat von empordaJe besser Menschen sich in eine Wissens- und Leitungsgesellschaften integrieren und die Fähigkeiten für Beruf und Leben beherrschen, je verbreiteter sind Wohlstand, Rechtssicherheit, soziale und medizinische Versorgung bei rückläufigen paranoiden Kulten. Neben einer freien Wissenschaft ist die Wertung von wissenschaftlicher Arbeit und Aufwand wichtig, ohne dass sich analphabetische Einfaltpinsel beleidigt fühlen, ständig Sonderrechte auf der Grundlage von bronzezeitlichen "Weisheiten" fordern und die Menschenrechte mit persönlichen Freiheiten negieren. Religiöse parasitäre Parallel-Gesellschaften als Staat im Staate mit speziellem Recht können nur so existieren, mehr begreifen ihre Religioten nicht. Eine Integration aller Unfähigen und Lernunwilligen der Welt in unser soziales Netzwerk senkt das BIP der Gesellschaft von 50.000 US$/Jahr/Einwohner auf 7.000 US$/Jahr/Einwohner, alles jemals durch Fleiß und Arbeit Erreichte geht verloren mit dem Endziel einer Gesellschaft tumber Ziegen- und Kamelhirten.
Ich bin selber Atheist und sicher kein Freund religiös begründeter Sonderrechte, aber was Sie da bringen, unterscheidet sich doch auch kein bisschen vom Geblubber irgendwelcher Zwangsbeglücker. Als wäre Atheismus ein Garant für Bildung und beruflichen Erfolg... oder jeder religiöse Mensch ein Ziegenhirte. Das ist doch lächerlich! Zum Thema: Was soll der Mann groß ändern? In einer Organisation, die geistige Versteinerung als Kontinuität verkaufen will? Und auch wenn der aktuelle Papst einen sympathischen Einruck macht, aber außer in einer bescheidenen Lebensweise sehe ich ehrlich gesagt keine großen Unterschiede zu dem vorherigen. Besonders progressiv oder reformorientiert scheint mir der Mann auch nicht zu sein. Wieso erwarten so viele Menschen auf einmal drastische Veränderungen in der RKK? Nur weil der Mann vlt. ein kleineres Auto fährt?
caecilia_metella 13.03.2014
5. Der alte Muff
Ich schwanke bei diesem Papst ebenso wie bei seinem Vorgänger zwischen Bewunderung und Mitleid. Zum einen ist er sehr mächtig, zum anderen so hilflos wie kein anderer, wenn es darum geht, seine Schäfchen so zu erziehen, wie es in den Geboten steht.
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