Neue Enzyklika von Papst Franziskus Mehr politische Nächstenliebe, bitte!

Mit seinem neuen Lehrschreiben will Papst Franziskus aufrütteln: die Trägen, die Regierungsverantwortlichen, die Egoisten. Nur gemeinsam könnten die Probleme unserer Zeit bewältigt werden - oder gar nicht.
Papst Franziskus: Brüderlichkeit und soziale Gerechtigkeit

Papst Franziskus: Brüderlichkeit und soziale Gerechtigkeit

Foto:

Andreas SOLARO / AFP

"Es ist möglich, einen Planeten zu wünschen, der allen Menschen Land, Heimat und Arbeit bietet", schreibt Papst Franziskus in seiner neuen Enzyklika "Fratelli tutti" , in der es um Brüderlichkeit und soziale Gerechtigkeit geht.

Auf rund 150 Seiten lässt der Pontifex kaum ein Thema aus, das derzeit gesellschaftspolitische Relevanz hat: die Corona-Pandemie, Kapitalismus, Populismus, Migration, Armut, Egoismus. Franziskus schreibt über den Traum von einer gerechten und friedlichen Gesellschaft, der ihm selbst "wie eine Utopie aus anderen Zeiten" erscheint - die er jedoch wiederbeleben und konkret umsetzen möchte.

Allmachtsfantasien und ein hinterhältiger Individualismus

Auf dem Weg dorthin seien Hindernisse zu überwinden. Eine "bequeme, kalte und weit verbreitete Gleichgültigkeit" habe Einzug gehalten, eine Ernüchterung, "die sich hinter einer trügerischen Illusion verbirgt, zu glauben, dass wir allmächtig sind, und zu vergessen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen", schreibt er.

Es ist das dritte Lehrschreiben des Papstes aus Argentinien. Zuletzt hatte er vor fünf Jahren die viel beachtete Öko-Enzyklika "Laudato Si'" über die Ausbeutung von Mensch und Natur vorgelegt.

Damals wie im aktuellen Schreiben beklagt der Papst einen "hinterhältigen" Individualismus, der außer Acht lasse, dass der Mensch ein soziales Wesen sei, dem es ohne ein breiteres Beziehungsgeflecht nicht möglich wäre, "sich selbst zu verstehen". Es sei dringend notwendig zu erkennen, dass "wir die Probleme unserer Zeit nur gemeinsam oder gar nicht bewältigen werden". Das Schreiben setzt Solidarität gegen Egoismus - auch im Falle der Pandemie.

Corona ist keine göttliche Strafe

Die Coronakrise sei keine göttliche Strafe, betont Franziskus, sondern "die Wirklichkeit selbst, die seufzt und sich auflehnt". Es sei zu befürchten, dass nach überstandenem Gesundheitsnotstand alles beim Alten bleibe und wie so oft niemand aus der Geschichte lerne. Das "Rette sich wer kann" würde dann zu einem "Alle gegen alle" - "und das wird schlimmer als eine Pandemie sein".

Franziskus' Utopie eines neuen Miteinanders bezieht sich auf alle Menschen, gläubige Katholiken ebenso wie Agnostiker oder Angehörige anderen Glaubens.

Gleich mehrfach verweist Franziskus auf ein Dokument aus dem Jahr 2019, das er mit dem Großimam von Kairo, Ahmed al-Tajib, in Abu Dhabi unterzeichnet hat ("Die Brüderlichkeit aller Menschen - Für ein friedliches Zusammenleben in der Welt"). Der Papst nennt außerdem US-Bürgerrechtler Martin Luther King, den südafrikanischen Anglikaner Desmond Tutu und Mahatma Gandhi als Inspirationsquellen.

"Verbohrte, übertriebene, wütende und aggressive Nationalismen"

Zur Unterzeichnung der Enzyklika reiste der 83-jährige Papst am Samstag in die Geburtsstadt seines Namensgebers, des heiligen Franz von Assisi. Dass das päpstliche Schreiben auch weit über Kirchenkreise hinaus Beachtung findet, zeigt die Tatsache, dass ihm dorthin unter anderem der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte folgte. Der lobte die "außerordentliche Modernität" der Enzyklika und erklärte, die Pandemie habe die Italiener tatsächlich gelehrt, dass sie "alle Geschwister sind".

Giuseppe Conte bei seiner Ankunft in Assisi: "außerordentlich modern"

Giuseppe Conte bei seiner Ankunft in Assisi: "außerordentlich modern"

Foto: Gian Matteo Crocchioni/EPA-EFE/Shutterstock

Mit Politikern und Populisten geht Franziskus gleichwohl scharf ins Gericht. "Verbohrte, übertriebene, wütende und aggressive Nationalismen" lebten wieder auf, jedes Geschichtsbewusstsein sei offenbar vergessen. Die beste Methode, zu herrschen, bestehe darin, Hoffnungslosigkeit auszusäen und ständig Misstrauen zu wecken.

Dies manifestiere sich auch in der digitalen Kommunikation. Auch Christen seien nicht davor gefeit, im Netz "schamlos aggressiv" und fanatisch zu agieren: "Sogar in katholischen Medien können die Grenzen überschritten werden; oft bürgern sich Verleumdung und üble Nachrede ein, und jegliche Ethik und jeglicher Respekt vor dem Ansehen anderer scheinen außen vor zu bleiben." Kein Vorbild für Geschwisterlichkeit, ein "primitiven Spiel der Abqualifizierungen".

Wie geht politische Nächstenliebe?

Franziskus mahnt eine "politische Nächstenliebe" an, die sich auf das Gemeinwohl konzentriere und bessere Institutionen und solidarische Strukturen schaffen könne. "Vor allem wer Regierungsverantwortung trägt, muss zu Verzichten bereit sein, damit Begegnung möglich wird." Niemals dürfe sich die Politik der Wirtschaft unterwerfen - "und diese nicht dem Diktat und dem effizienzorientierten Paradigma der Technokratie". Die Zerbrechlichkeit der weltweiten Systeme in der Pandemie habe gezeigt, dass nicht alles durch den freien Markt gelöst werden könne.

Privatbesitz ist nicht absolut

Aus seiner antikapitalistischen Grundhaltung hat der Pontifex schon in "Laudato Si'" keinen Hehl gemacht. Im dritten Kapitel von "Fratelli tutti" betont er ganz unumwunden, dass Privatbesitz nicht absolut sei und allenfalls ein sekundäres Naturrecht. Unter Berufung auf Johannes Paul II. schreibt er, die christliche Tradition habe stets die soziale Funktion jeder Form von Privateigentum betont. "Das Prinzip der gemeinsamen Nutznießung der für alle geschaffenen Güter ist das Grundprinzip der ganzen sozialethischen Ordnung, es ist ein natürliches, naturgegebenes und vorrangiges Recht." Hier zeigt der Pontifex eine geradezu radikale Vorstellung von gesellschaftlichen Besitzverhältnissen.

Flüchtlinge - mehr von allem, bitte!

Brüderliche Verantwortung müsse auch für Flüchtlinge gelten, schreibt Franziskus. Hier hat der Papst sehr konkrete Vorschläge: Er fordert unter anderem mehr Visaausstellungen, einfachere Antragsverfahren, die Einrichtung humanitärer Korridore, angemessene Unterkünfte, konsularische Betreuung, uneingeschränkten Zugang zur Justiz, die Möglichkeit der Eröffnung von Bankkonten, Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen.

Frauen sind kaum Thema

Schon der Titel der Enzyklika hatte in Deutschland für Unverständnis gesorgt: "Fratelli tutti", "Alle Brüder", schließe die Hälfte der Gläubigen aus, meinten viele katholische Frauen.

Der päpstliche Mediendirektor Andrea Tornielli erklärte daraufhin, es sei "absurd" dies zu unterstellen, Franziskus wolle sich "an alle Schwestern und Brüder, an alle Männer und Frauen guten Willens" wenden. In der am Sonntagmittag publizierten deutschen Fassung lautet der Titel dann "Fratelli tutti - über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft", auch im Text tauchte häufiger "Geschwisterlichkeit" auf.

In der Enzyklika sind die Frauen gleichwohl kaum Thema. Die Gesellschaften auf der ganzen Erde seien "noch lange nicht so organisiert, dass sie klar widerspiegeln, dass die Frauen genau die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben wie die Männer", heißt es. Die Gesellschaft der Katholischen Kirche offenbar eingeschlossen.

Franziskus' neue Enzyklika formuliert Träume und Utopien, die längst vergessen schienen, aber in der Krise eine neue Relevanz bekommen haben. Sie prangert massive gesellschaftliche Fehlentwicklungen an, die es dringend zu korrigieren gilt. Sie setzt auf Tugenden wie Ehrlichkeit, Solidarität und Verantwortungsbewusstsein. Nichts ist naiv im Gedankenkosmos des Mannes aus Argentinien. Er fordert jeden Mann und jede Frau zum Gegenhalten auf, zu konkretem Handeln. Lokal, überregional, global oder universal. Jeder wie er kann.