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Reaktionen auf neues Papst-Lehrschreiben "Ein radikales Dokument"

Wie groß ist der Einfluss des neuen päpstlichen Lehrschreibens in Kirche und Politik? Drei Experten geben Auskunft - eine Theologin, ein Klimaschützer und ein Freund von Franziskus.
Papst Franziskus' neue Enzyklika - für Kardinal Marx ein bedeutsamer, hochaktueller Text

Papst Franziskus' neue Enzyklika - für Kardinal Marx ein bedeutsamer, hochaktueller Text

Foto: Filippo Monteforte / AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Sonntag hat Papst Franziskus seine Enzyklika "Fratelli tutti - Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft" veröffentlicht. In dem über 300.000 Zeichen langen Text widmet sich der Pontifex den großen Herausforderungen unserer Zeit: der Corona-Pandemie, der Klimakrise, Populismus, Migration, Krieg und Frieden. Thematisch ein bisschen zu viel von allem, inhaltlich mal generalisierend, mal sehr konkret.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, würdigte das Schreiben als eindringlichen Appell für weltweite Solidarität. Kardinal Reinhard Marx sprach von einem bedeutsamen, hochaktuellen Text, der zur rechten Zeit komme, um die laufenden Debatten zu prägen.

Wie interpretiert man den Text, der ebenso moralischer Kompass wie Imperativ ist? Drei Experten geben eine Einschätzung - eine Theologin, ein Klimaschützer und ein Freund des Papstes.

Der Agnostiker: "Der Papst setzt Dialog gegen Beleidigungskultur"

Carlo Petrini

Carlo Petrini

Foto: Stefano Guidi / Getty Images for Polito di Torino

Der Gastronom und Soziologe Carlo Petrini gründete vor 30 Jahren die einflussreiche Nachhaltigkeitsbewegung Slow Food. Mehrmals traf der 71-jährige Ex-Kommunist und Agnostiker den Papst, um mit ihm über die Zukunft des Planeten zu sprechen, daraus ist das Buch "Terrafutura" entstanden.

"Die neue Enzyklika ist ein großes, radikales Dokument über den Zustand unserer Gesellschaft, sie ist ein Schrei nach einer besseren Politik. 'Fratelli Tutti' markiert einen Paradigmenwechsel: Allein werden wir Probleme wie die Klimakatastrophe oder die Coronakrise nicht lösen können. Wir müssen radikal umdenken, müssen universelle Brüderlichkeit und Freundschaft voranbringen.

Unsere Welt ist geprägt von verbaler Boshaftigkeit, das Fernsehduell zwischen Donald Trump und Joe Biden ist nur ein Ausdruck einer allgemeinen Beleidigungskultur, die Einzug gehalten hat. Ich hoffe sehr, dass das Lehrschreiben des Papstes dazu beiträgt, dass wieder echte Gespräche geführt werden.

Franziskus ist ein Meister des Dialogs, er hat die herausragende Fähigkeit, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die anders denken als er. Er respektiert unterschiedliche Meinungen.

Wir haben als Reaktion auf die 2015 erschienene Öko-Enzyklika des Papstes, 'Laudato Si', überall in Italien Gemeinschaften gegründet, in denen Gläubige und nicht Gläubige sich für Umweltschutz engagieren, Verstöße publik machen und anzeigen. Das ist unsere Art, die Agenda des Papstes konkret umzusetzen.

Jeder kann etwas tun. Er kann die Verschwendung von Lebensmitteln einstellen, seinen Konsum zurückschrauben und seine CO₂-Bilanz verbessern. Man muss nicht gläubig sein, um nach Lösungen zu suchen, die die Welt besser machen.

Für uns ist Biodiversität ein Riesenthema - für den Papst ist die zu bewahrende Vielfalt nicht nur biologisch, sondern immer auch spirituell und kulturell. Von allen Führungsfiguren in der Welt ist Francesco ohne Frage die inspirierendste. Politiker aller Parteien sollten seine Enzyklika lesen."

Der Umweltschützer: Relevant, aber nicht revolutionär

Foto: Jens Krick / picture alliance / Flashpic

Christoph Bals ist Theologe und Geschäftsführer bei der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch

"Mit 'Fratelli Tutti' legt der Papst eine Enzyklika vor, die einer Welt, in der sich die Reichen zunehmend hinter Mauern abschotten, die Vision einer Weltgemeinschaft entgegensetzt, die geschwisterlich die Kluft zwischen Arm und Reich, Gesundheitskrisen oder die Klimakrise angeht. Es ist ein dringender Aufruf nicht nur für die eigene Kirche, sondern auch ein Gesprächsangebot für die Welt.

Besonders beeindruckt hat mich, wie entschieden sich Franziskus auf die Seite derer stellt, die in der Corona- und Klimakrise oder durch Mauern um Europa und die USA an den Rand oder darüber hinausgedrängt werden.

Die Katholische Kirche ist mit 1,3 Milliarden Gläubigen weltweit eine durchaus relevante Größe. Schon die letzte Enzyklika 'Laudato Si' hat großen Einfluss etwa auf das Zustandekommen des Pariser Klimaabkommens oder gesellschaftliche Debatten. Nicht nur Theologen, auch Philosophen und Wissenschaftler haben sich damit auseinandergesetzt. Auch in anderen Religionen hat sie Widerhall gefunden, etwa im Islam. Das jetzt vorgelegte Lehrschreiben 'Fratelli tutti' wird die Welt nicht komplett verändern, aber es ist relevant.

Die katholische Kirche in Deutschland ist derzeit vor allem mit sich selbst beschäftigt. Mit der recht halbherzigen Aufarbeitung der Missbrauchsskandale, mit dem Synodalen Weg, mit der Frauenfrage und der Rolle der Laien. Da tritt der Einsatz für den Schutz der Lebensgrundlagen in den Hintergrund. Einige Bistümer wie etwa Hildesheim, Limburg oder München-Freising haben sich mit Botschaft und Auftrag von 'Laudato Si' beschäftigt, aber insgesamt ist nicht genug passiert."

Die Theologin: "Der Papst hinterlässt eine theologische Leerstelle"

Theologin Juliane Eckstein

Theologin Juliane Eckstein

Foto: LMU München

Die Theologin Juliane Eckstein forscht an der Philosophisch-Theologischen Universität St. Georgen in Frankfurt und hat an der LMU München promoviert.

"Die Enzyklika 'Fratelli tutti' behandelt zahlreiche Themen, die seit Langem auf der Agenda des Papstes stehen. Dennoch meine ich an einigen Stellen eine besondere Betroffenheit Franziskus' herauslesen zu können, etwa in der langen Passage, in der er die Todesstrafe verurteilt.

Schon im August 2018 hatte der Papst ein klares 'Nein' der katholischen Kirche zu staatlichen Exekutionen im Katechismus festschreiben lassen. Damit ist er vielen - auch christlichen - Verfechtern der Todesstrafe in den USA auf die Füße getreten.

Jetzt erneuert Franziskus seine Kritik und fordert alle Christen und Menschen guten Willens auf, für die Abschaffung der Todesstrafe zu kämpfen - 'ganz gleich, ob diese legal oder illegal ist'. Totalitäre und diktatorische Regime nutzten die Todesstrafe als Mittel zur Unterdrückung politischer Opposition oder religiöser wie kultureller Minderheiten. Dieser Hinweis hat traurige Aktualität: Belarus, wo derzeit Zehntausende Menschen gegen das Regime Lukaschenko demonstrieren, ist der einzige Staat in Europa, der weiterhin die Todesstrafe vollstreckt - zuletzt zweimal in 2019.

Dass 'alles miteinander verbunden ist', dass Ökologie und Menschenrechte, Politik und Glauben nicht unabhängig voneinander agieren, hat der Papst schon auf der Amazonassynode und in seiner Öko-Enzyklika 'Laudato Si' klar umrissen. Die Corona-Pandemie ist der Extremfall, der dies bestätigt. Aber der Papst inszeniert sich nicht als Prophet. Er betont, dass Covid-19 keine Strafe Gottes ist, sondern die Wirklichkeit, 'die seufzt und sich auflehnt'.

Damit hinterlässt der Papst eine theologische Leerstelle, die es in den kommenden Jahren zu füllen gilt. Denn dahinter stehen elementare Fragen, die etwa mithilfe der Prozesstheologie beantwortet werden: Ist Gott allmächtig oder könnte Gott eingreifen, tut es aber absichtlich nicht? Ist er vielleicht in der Welt und leidet mit? Franziskus lässt diese Fragen offen.

Noch stecken wir mittendrin in der Pandemie. Aber wir wissen: Im Alten Testament haben Katastrophen immer zu einer Weiterentwicklung des Gottesbildes geführt. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir anders aus der Krise herausgehen müssen, als wir hineingekommen sind. Für die Kirche bedeutet das, dass sie ein Narrativ finden muss, als Deutungsmuster und als Motivation für christliches Handeln. Was heißt Umkehr? Warum und wie müssen wir uns ändern?"