Rücktrittsforderungen gegen den Papst So radikalisiert sich die katholische Kirche

Die frontale Attacke des früheren Erzbischofs Viganò gegen Papst Franziskus zeigt: In der katholischen Kirche tobt ein regelrechter Bürgerkrieg, besonders heftig in den USA.
Papst Franziskus während einer Messe (Archivbild)

Papst Franziskus während einer Messe (Archivbild)

Foto: Stefano Rellandini/ dpa

"Ruhig und gelassen" sei der Papst, verbreitete vor wenigen Tagen dessen wichtigster Mitarbeiter, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. Ruhig und gelassen, trotz der Anschuldigungen des früheren Vatikan-Nuntius in den USA. Aber das glaubt selbst im Vatikan, wo Glauben Pflicht ist, kaum jemand.

Wie auch? So brutal ist kaum je ein Papst aus den eigenen Reihen beschuldigt und beschimpft worden.

In einem elf Seiten langen Schreiben wirft der 77-jährige Erzbischof Carlo Maria Viganò, von 2011 bis 2016 Nuntius, also Botschafter des Kirchenstaates in der US-Hauptstadt Washington, seinem obersten Dienstherrn Ungeheuerliches vor.

Franziskus habe "die abscheulichen und frevelhaften Verhaltensweisen des ehemaligen Erzbischofs von Washington, Theodore McCarrick" lange Zeit gedeckt. Dieses "schwere, befremdliche und sündhafte Betragen von Papst Franziskus" führe dazu, dass viele Gläubige nun "versucht sind, die durch so viel Schande verunstaltete Kirche zu verlassen". Durch die Zusammenarbeit mit McCarrick habe der Papst "das Böse vervielfältigt" und "die Wölfe ermutigt, weiterhin die Schafherde Christi zu zerfleischen", schreibt Viganò. Viele Kardinäle und Bischöfe müssten ihren Hut nehmen, weil sie sich schuldig gemacht haben. So wie der Papst. "Möge er der Erste sein, der zurücktritt."

Worum geht es?

Justiz und katholische Kirche in den USA haben eine unvorstellbar große Zahl von möglichen, mutmaßlichen Fällen von sexuellem Missbrauch aufzuklären. Allein der Generalstaatsanwalt von Pennsylvania untersucht einen Komplex, in dem über 1.000 Kinder Opfer und über 300 Priester Täter gewesen sein sollen. Auch der ehemalige Washington-Bischof, Kardinal McCarrick soll in den Achtzigerjahren in einem Priesterseminar in der Diözese Newark junge Seminaristen missbraucht haben.

Kardinal Theodore Edgar McCarrick

Kardinal Theodore Edgar McCarrick

Foto: Robert Franklin/ AP

Als sich die Enthüllungen zum Fall McCarrick in diesem Sommer häuften, nahm Franziskus das erbetene Rücktrittsgesuch des Kardinals, inzwischen 88 Jahre alt, an und verdonnerte ihn, bis zum Abschluss des kanonischen Verfahrens zu einem zurückgezogenen Leben des Gebets und der Buße.

Das, schreibt Viganò, hätte der Papst schon 2013 tun müssen. Da habe er diesen über Vorwürfe wegen "stark unmoralischen Verhaltens" gegen McCarrick informiert.

Worum geht es wirklich?

Es geht um eine neue Etappe in einem "regelrechten Bürgerkrieg in der katholischen Kirche" der USA, wie es der Kirchen-Journalist Matthew Schmitz in der "New York Times"  beschrieb. In vielen Teilen der Welt trocknet die tolerante gesellschaftliche Mitte aus, die Ränder radikalisieren sich. Mit Auswirkungen auf die Politik, aber auch auf die Glaubensgemeinschaften, etwa die katholische Kirche. Besonders in den USA.

Schon seit Längerem sind sich dort die eher liberalen und die fundamentalistischen Katholiken der USA spinnefeind. Den orthodoxen Katholiken, die politisch deutlich näher beim amtierenden US-Präsidenten Donald Trump als bei dessen Vorgänger Barack Obama stehen, geht die seelsorgerische Richtung des römischen Papstes schon lange gegen den Strich.

Alles, was der als Jorge Mario Bergoglio geborene Argentinier zu Themen wie Migration, Weltklima oder Todesstrafe sagt, ist das Gegenteil dessen, was sie für richtig halten. Der Papst, so ihre Anklage, löse die überlieferten, ehernen Regeln von Ehe und Familie auf, und konzentriere sich stattdessen darauf, Schwulen, Lesben, Bisexuelle und Transgendern entgegenzukommen.

"Die homosexuellen Netzwerke ausradieren"

Schon die von etlichen deutschen Bischöfen vertretene Meinung, ein katholisch-evangelisches Ehepaar könne gemeinsam zur Messe gehen und die Kommunion empfangen, lehnen sie als "Protestantisierung der katholischen Sakramenttheologie" ab. Das zerstöre die "Reinheit der Glaubenslehre" schimpft Charles Chaput, Erzbischof von Philadelphia. Auch Politiker, die Abtreibung tolerieren, will er nicht zur Kommunion zulassen.

In ihren Blogs und Zeitungen geht es nicht nur gegen den Oberpriester in Rom, der muslimischen Frauen die Füße wäscht. Auch gegen liberale Bischöfe in den USA, wie Donald Wuerl in Washington, Blase Cupich in Chicago oder Joseph Tobin in Newark keilen die Orthodoxe kräftig. Zufällig sind diese genau die papstnahen Bischöfe, die mit McCarrick und anderen "vereint durch einen ruchlosen Pakt begangener Missbrauchshandlungen" oder deren "Vertuschungen" im Viganò-Brief als böse Netzwerker angeprangert werden, die die Kirche zerstören wollen.

Um die Kirche zu retten, schreibt Viganò, müsse man "die homosexuellen Netzwerke in der Kirche ausradieren". Die seien überall und "agieren verdeckt von Geheimnissen und Lügen mit der Macht der Tentakel einer Krake".

Das wahre Wohl der Seelen

So kam der Brief des einstigen Washington-Botschafters des Vatikans den Kirchen-Rechten jenseits des Atlantiks gerade recht. Vielleicht war er ja auch bestellt, wie manche glauben. Jedenfalls nahmen die Konservativen ihn umgehend auf, allen voran Kardinal Raymond Leo Burke. Er sei kein Gegner von Franziskus, erklärte Burke letzte Woche im Interview mit der italienischen Tageszeitung "La Repubblica". Er versuche nur, die "Wahrheit des Glaubens und die Klarheit bei dessen Präsentation zu verteidigen".

Mehr unterwürfiger Angriff geht kaum. Zum Viganò-Brief meldete sich Burke mit der Erklärung, die Rücktrittsforderung gegen den Papst sei "legitim" und "die Fakten müssen geprüft werden".

Prüfen - das klingt harmlos, ist aber faktisch infam. Der Papst, Petrus-Nachfolger, Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, Haupt der katholischen Weltkirche, unfehlbar, wenn er eine Glaubenslehre ausspricht, unter der Lupe? Wessen Lupe? Schon das Prozedere - unabhängig vom Ergebnis - würde ihn demontieren. Er kann das gar nicht zulassen. Aber dann bleibt manches offen, einiges an ihm hängen. Das weiß Burke natürlich genauso wie Viganò.

Der Papst und die Pfingstlerin

Doch Viganó hat neben den religiösen Bedenken wohl auch ganz persönliche Gründe, sich an dem Papst zu rächen. Schließlich hat der ihn, statt ihn zum Kardinal zu machen, vor einigen Jahren rausgeschmissen. Der Grund: Viganó hatte dem Papst bei dessen USA-Besuch 2015 eine hochinteressante Person ins Programm geschmuggelt: die Standesbeamtin Kim Davis. Die glaubensfeste Pfingstler-Evangelikale - die mit drei Männern insgesamt vier Ehen einging und einige ihrer Kinder vom Ex-Partner erst nach der Scheidung empfing - verlor ihren Job und kam sechs Tage in Beugehaft, weil sie sich weigerte, homosexuelle Paare zu trauen - obwohl die nach dem Gesetz und Urteilen des Obersten Gerichtshofes einen Anspruch darauf haben.

Sie wurde zu einer Leitfigur der Rechten in den USA und nach dem Treffen mit Franziskus wurde sie noch berühmter und verbreitete in den Medien ihren Eindruck, der Papst stehe in ihrem Kampf gegen die Homo-Ehe hinter ihr. Die Fundamentalisten freuten sich öffentlich, die Liberalen wunderten sich still.

Papst Franziskus war sauer. Ein Jahr später schickte er Viganò in den Ruhestand.

Lesen Sie hier auch einen ausführlichen Text zum Papst vom Italien-Korrespondenten des SPIEGEL auf SPIEGEL+ 

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