Papst in Brasilien Benedikts Samba-Party

Die Ehe heilig, die Medien böse, die Jugend keusch. Mit deutlichen Worten hat der Papst in São Paulo vor rund einer Million Fans für die katholische Sache geworben - und einen wundersamen Pillendreher heilig gesprochen.

Aus São Paulo berichtet Dominik Baur


São Paulo - Pater Marcello weiß, was sich gehört: Wenn der Papst zu Gast ist, hält sich der eigentliche Star des Landes zurück. Als Benedikt um 9.30 Uhr auf dem Campo de Marte, einem Hubschrauberlandeplatz im Norden von São Paulo Einzug hält, hat der Popstar schon seit zweieinhalb Stunden das Feld geräumt.

Papst in São Paulo: Benedetto oder Bento?
AFP

Papst in São Paulo: Benedetto oder Bento?

Zwischen 6 und 7 Uhr, als das Feld noch weitgehend leer ist, hat der Pater die Aufgabe übernommen, die verschlafenen Pilgergeister bei Laune zu halten. Zum Teil haben sie seit 2 Uhr nachts auf dem Campo ausgeharrt.

Anfangs war dem Vernehmen nach geplant, dass Marcello Rossi bei der Messe singt. Aber dann soll der Padre einen Korb von den vatikanischen Organisatoren bekommen haben. Vielleicht hatte man ja ein bisschen Angst, Rossi könne dem Papst die Schau stehlen.

Der 39-jährige Zwei-Meter-Riese ist in Brasilien schon seit mehreren Jahren ein absoluter Superstar, auch wenn er selbst den Begriff Popstar von sich weist und behauptet, keine Show abzuziehen. Normalerweise hält der Padre seine Messen in einer ehemaligen Fabrikhalle in Sao Paulo ab - dreimal die Woche vor bis 20.000 Menschen. Das Weihwasser wird bei diesen Events in Kübeln über der Menge der Gläubigen ausgeschüttet. Neben Sambarhythmen und kitschigem Pop legt der ehemalige Sportlehrer auch auf Gymnastikeinlagen Wert - "Aerobic des Herrn", sogar einer seiner Songs heißt so.

Das Rezept gegen die Sekten

Heute meldet sich Padre Marcello nur aus dem Off. Während auf der Bühne noch die letzten Vorbereitungen für die Papstmesse getroffen werden und Sprengstoffhunde noch dem heiligen Terrain den letzten Schniff geben, wird das Warming-Up des populären Show-Paters lediglich über die Lautsprecheranlage übertragen. Die Pilgerschar empfängt bei Sonnenaufgang begeistert Worte und Gesänge ihres Stars. Sie singen mit, den Text der zumeist schnulzigen Popsongs kennen sie alle - kein Wunder, viele der Lieder schaffen es regelmäßig in die Charts. "Es lebe Jesus Christus", ruft Marcello, "es lebe die Mutter Gottes, es lebe der Papst." "Viva!" schallt aus der Menge zurück.

"Wer ist katholisch?", schreit Marcello mehr in die Menge, als dass er es fragt. Kaum einer, der zu müde ist, die Hand zu heben. Die Frage bringt das Dilemma der katholischen Kirche Brasiliens auf den Punkt. In dem größten katholischen Land, in dem andere Konfessionen früher keine Chance hatten, sinkt die Katholikenquote seit einigen Jahren rapide. Eine jüngste Studie spricht gar nur noch von 64 Prozent.

Das Rezept Rossi ist das einzige, das aufgehen kann, das weiß auch Benedikt. Die in Brasilien so populären Sekten und Freikirchen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen - ohne sich selbst dabei zu verbiegen: Das ist die Hoffnung der Kirche. Ein wenig spielt deshalb auch der Papst den Pater Marcello. Nicht auf dem Campo de Marte, dort ist die Freiluftmesse konventionell. Am Abend zuvor jedoch gibt sich der Papst mal anders.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.