Papst in Erfurt Benedikt lobt die Ost-Christen

Im Bundestag lobte er die Grünen, in Erfurt jetzt die ostdeutschen Christen. Auf dem Domplatz pries er ihren Kampf gegen die Mauer. Vor der Messe gab es einen Zwischenfall: Trotz strengster Sicherheitsvorkehrungen soll ein Mann mit einem Luftgewehr vier Schüsse auf Wachleute abgegeben haben. Er bestreitet die Tat.

REUTERS

Erfurt - Der Papst auf einer Messe in Erfurt: In den achtziger Jahren wäre das undenkbar gewesen. Die Mauer stand noch, und die Kirche wurde rund um die Uhr von der Staatsicherheit überwacht. Mehr als 20 Jahre nach der Wende predigt Benedikt XVI. vor fast 30.000 Menschen.

Bei der Messe auf dem Erfurter Domplatz würdigte der Papst am Samstag den Beitrag der ostdeutschen Christen zum Mauerfall. Die politischen Veränderungen des Jahrs 1989 seien "nicht nur durch das Verlangen nach Wohlstand und Reisefreiheit motiviert" gewesen, "sondern entscheidend durch die Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit", sagte er in seiner Predigt. "Die neue Freiheit" habe geholfen, "dem Leben der Menschen größere Würde und vielfältige neue Möglichkeiten zu eröffnen".

Zugleich beklagte der Papst, dass viele Ostdeutsche "mittlerweile fern vom Glauben an Christus und von der Gemeinschaft der Kirche" lebten. Die katholische Kirche habe in den vergangenen beiden Jahrzehnten aber auch "gute Erfahrungen" gemacht. "Viele entschiedene Katholiken sind gerade in der schwierigen Situation einer äußeren Bedrängnis Christus und der Kirche treu geblieben", sagte der Papst mit Blick auf die Zeit nach dem Mauerfall.

Vier Schüsse auf Wachleute

Am Rande der Papst-Messe war es zu einem Zwischenfall gekommen: Die Polizei bestätigte einen Vorfall zwischen 7.00 und 8.00 Uhr in einer nahen Straße. Ein Anwohner habe in etwa einem Kilometer Entfernung vom Domplatz von einer Wohnung aus mit einem Luftgewehr oder einer Luftdruckpistole Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes beschossen, teilte die Polizei mit. Verletzt wurde niemand.

Der mutmaßliche Täter war gegen 11.00 in der Wohnung festgenommen worden, aus der vier Schüsse abgegeben wurden. Der Mann bestreitet die Tat. Die Polizisten hätten in der Wohnung ein Luftdruckgewehr und eine Luftdruckpistole sichergestellt, sagte Robert Ryczko, Polizeieinsatzleiter während des Papstbesuchs. Der 1981 in Erfurt geborene und in Berlin lebende Verdächtige sei nicht vorbestraft.

Nach Angaben Ryczkos hatten Polizisten nach einer ersten Information über Schüsse erst herausfinden müssen, aus welcher Wohnung sie abgegeben wurden. Danach sei es nicht gelungen, mit dem Mann Kontakt aufzunehhmen, so dass die Polizisten schließlich gewaltsam in die Wohnung eingedrungen seien. Der Festgennommene sei nicht der Mieter der Wohnung. Gegen ihn werde wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

Strenge Kontrollen der Gläubigen

Dabei waren die Sicherheitsvorkehrungen in Erfurt äußerst streng, wie bei allen Papst-Besuchen galt die höchste Sicherheitsstufe. Besucher des Domplatzes wurden intensiv kontrolliert.

Die ersten Gottesdienstbesucher hatten sich bereits um 4 Uhr bei klarem Sternenhimmel und kalten sieben Grad an den Schleusen eingefunden. Auf kleinen Hockern warteten sie geduldig, bis sich die Tore mit teilweise halb- bis einstündiger Verspätung öffneten. Gegen 5.30 Uhr bildeten sich allmählich kleine Schlangen an den Einlasskontrollen.

Trotzdem wurde akribisch jeder Rucksack und jede Tasche nach verbotenen Gegenständen abgesucht. Alles, was als Wurfgeschoss dienen oder splittern könnte, wurde rigoros aussortiert.

Der Erfurter Bischof Joachim Wanke bezeichnete den Papst-Besuch in der Messe als "Zeichen der Ermutigung für alle ostdeutschen Katholiken, die in der Zeit des Sozialismus das katholische Bekenntnis des Glaubens treu bewahrt haben". "Gemeinsam mit den evangelischen Christen sind wir bemüht, den Himmel offen zu halten für alle, die hier leben", sagte Wanke.

Benedikt war zuvor zum Auftakt des dritten Tags seines Deutschlandbesuchs in seinem Papamobil zum Erfurter Domplatz gefahren. Nach dem Ende der Messe will der Papst nach Freiburg weiterreisen und dort unter anderem mit Altkanzler Helmut Kohl (CDU) sowie mit Vertretern von Orthodoxen und katholischen Laien sprechen. Für Sonntag sind ein Gottesdienst am Freiburger Flughafen und eine Rede im Konzerthaus der Stadt geplant, bevor der Papst-Besuch am Abend endet.

Der Papst hatte seine viertägige Deutschlandreise am Donnerstag in Berlin begonnen. Dort sprach er unter anderem vor dem Bundestag und feierte eine Großmesse im Olympiastadion. Am Samstag kam er in Erfurt mit Vertretern der deutschen Protestanten zusammen und nahm an einem ökumenischen Gottesdienst teil. Nach einem Mariengottesdienst im thüringischen Etzelsbach traf er am Abend zudem fünf Männer und Frauen, die Opfer sexuellen Missbrauchs durch katholische Geistliche geworden waren.

hda/AFP/dapd



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caecilia_metella 24.09.2011
1. Ich bin ja jetzt ein Wossi
und noch nicht einmal West-Christin. Aber ich danke sehr für das Lob für die Ost-Christen. Sehr geehrter Herr Papst Benedikt, ich kann Sie momentan auch nur loben. Ich beobachte, wie ein betagter und sehr weiser Mensch im Begriff ist, die Welt zu retten. Ich wünsche Ihnen und der großen katholischen Gemeinde weiterhin viel Erfolg. Mit freundlichen Grüßen A.W.
1968_St 24.09.2011
2. "Wahrhaftigkeit"
In den KZ starben 2.579 katholisch geistliche 109 evangelisch geistliche 22 griechisch-orthodox gesitliche 8 altkatholische geistliche 2 muslimisch gesitliche In kKatholischen Klöstern wurden Juden und verfolgte vor den Zugriffen der Nazis vesteckt, ebenso im Vatikan. Wirklich man sollte diese schönlügerei beenden, vorallem sollte man diese Polemik beenden und die Opfer verhöhnen, vorallem die gesitlichen die wegen ihrem Widerstand in den KZ ermordet wurden, weil sie gegen den Nationalsozalismus aufstanden. Hitler hat vor keiner Staatsmacht halt gemacht. Vielleicht beschäftigen Sie sich mal mit der Wahrheit, bevor sie den Begriff "Wahrhaftigkeit" ins Spiel bringen und eine Institution, die genauso verfolgt wurde und Opfer zu beklagen hat, wie andere, derart in den Schmutz ziehen!
Borella 24.09.2011
3. Pappnasen haben wir zuviele
Zitat von sysopIm Bundestag lobte er die Grünen, in Erfurt jetzt die ostdeutschen Christen. Auf dem Domplatz pries er ihren Kampf*gegen die Mauer.*Vor der Messe gab es einen Zwischenfall: Trotz strengster Sicherheitsvorkehrungen konnte ein Mann an einer Einlass-Schleuse aus einem Luftgewehr Schüsse abgeben. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,788147,00.html
Wenn ich also irgendwo in meinem Garten mit dem Luftgewehr auf Pappscheiben schiesse, ohne zu wissen, dass vielleicht einen Kilometer weiter ein Sowichtiger was sagt, bin ich also potenziell ein Terrorist. Nach dem SPON-Beitrag ist dieses Szenario zumindest möglich.Gott, wie peinlich, sowas unter die Leute zu bringen... Der Past lobt die Christen und nicht die Ungläubigen, insofern sollten sich die Nichtangesprochenen etwas mäßigen mit ihren Hetztiraden. Ferner: Wenn Pappnasen meinen auf Pappscheiben schießen zu müssen, können sie das tun, aber das muss nicht sein, wenn der Papst oder Fidel Castro gerade in der Nähe ist. - Besser mal die eigene Pappnase abnehmen und nur etwas logisch denken. Kann doch nicht so schwer sein...?
Kurt T., 24.09.2011
4. "Wahrhaftigkeit" geht anders!
Zitat von 1968_StIn den KZ starben 2.579 katholisch geistliche 109 evangelisch geistliche 22 griechisch-orthodox gesitliche 8 altkatholische geistliche 2 muslimisch gesitliche In kKatholischen Klöstern wurden Juden und verfolgte vor den Zugriffen der Nazis vesteckt, ebenso im Vatikan. Wirklich man sollte diese schönlügerei beenden, vorallem sollte man diese Polemik beenden und die Opfer verhöhnen, vorallem die gesitlichen die wegen ihrem Widerstand in den KZ ermordet wurden, weil sie gegen den Nationalsozalismus aufstanden. Hitler hat vor keiner Staatsmacht halt gemacht. Vielleicht beschäftigen Sie sich mal mit der Wahrheit, bevor sie den Begriff "Wahrhaftigkeit" ins Spiel bringen und eine Institution, die genauso verfolgt wurde und Opfer zu beklagen hat, wie andere, derart in den Schmutz ziehen!
Ich habe nichts zurückzunehmen. "Wahrhaftigkeit" geht anders! ;) Sie hingegen sollten sich etwas mit der Geschichte des Dritten Reiches - und eben der Rolle der Katholischen Kirche - beschäftigen, bevor Sie sich hier so weit aus dem Fenster lehnen. ;)
Achim 24.09.2011
5. Aua
Zitat von sysopIm Bundestag lobte er die Grünen, in Erfurt jetzt die ostdeutschen Christen. Auf dem Domplatz pries er ihren Kampf*gegen die Mauer.*Vor der Messe gab es einen Zwischenfall: Trotz strengster Sicherheitsvorkehrungen konnte ein Mann an einer Einlass-Schleuse aus einem Luftgewehr Schüsse abgeben. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,788147,00.html
Ich fürchte, da hat der alte Mann was verwechselt. Erstens haben die systemkritischen DDR-Bürger nicht für die Einführung von Kirchensteuer, konfessionellen Kindergärten und Diskriminierung von Geschiedenen demonstriert. Zweitens wurde doch manchen prominenten Christen ein geradezu inniges Verhältnis zu bestimmten staatlichen Organen nachgesagt. Drittens und vor allem: wenn sich Oppositionelle in Räumen der Kirche trafen, dann heißt das lange noch nicht, dass sie zum Christentum konvertiert wären. Sie trafen sich buchstäblich "unter dem Dach" der Kirche. Wenn ein Camperverein seine monatlichen Treffen in den Räumen eines Ruderklubs abhält, werde die Camper dadurch nicht Mitglieder des Ruderklubs. Aber die Papisten sehen das ja sowieso anders - wer sich als schreiendes Neugeborenes nicht gegen das Annähern an ein Taufbecken wehren kann, wird ja auch als Mitglied geführt und darf erst 14 Jahre später austreten.
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