Papst-Mahnungen in Bayern "Bitte, geht mit Euren Kindern in die Kirche"

Am zweiten Tag seines Bayern-Besuchs ist Papst Benedikt XVI. in München von Hundertausenden Menschen bejubelt worden. Er zeigte sich als strenger Lehrmeister: Bei einer Messe prangerte er den Glaubensverlust im Westen an. Am Abend richtete er mahnende Worte an Lehrer und Eltern.


München – Mit einer Fahrt im Papamobil durch die Fußgängerzone hat sich der Papst am Abend von den Münchnern verabschiedet. Nach zwei Tagen in der Landeshauptstadt reist er am Montag nach Altötting. Winkend fuhr er nach einem Vespergottesdienst im Dom durch die von Menschen gesäumten Straßen zum Erzbischofshof, wo er die zweite Nacht während seines sechstägigen Besuches verbringen wird. Das Papamobil wird nach Altötting gebracht.

Am frühen Abend hatte sich Papst Benedikt XVI. in einem Vespergottesdienst im Liebfrauendom gezielt an Eltern und Pädagogen gerichtet: "Bitte, geht mit Euren Kindern in die Kirche zur sonntäglichen Eucharistiefeier. Ihr werdet sehen, das ist keine verlorene Zeit, das hält die Familie richtig zusammen und gibt ihr ihren Mittelpunkt."

Zu Hause sollte das gemeinsame Gebet praktiziert werden "beim Essen und vor dem Schlafengehen". Religionslehrer und Erzieher bat der Papst, die Frage nach Gott in der Schule gegenwärtig zu halten. "Ich weiß, dass es schwer ist, in unserer pluralistischen Welt den Glauben in der Schule zur Sprache zu bringen. Aber es reicht eben nicht, wenn die Kinder und jungen Menschen in der Schule nur Kenntnisse und technisches Können, aber keine Maßstäbe erlernen, die der Kenntnis und dem Können Richtung und Sinn geben", sagte Joseph Ratzinger. Die Lernorte Familie, Schule, und Pfarrgemeinde gehörten zu den "Quellgründen des Lebens".

Vor dem Gottesdienst hatte der Papst zahlreichen Besuchern an den Absperrgittern vor dem Dom die Hände geschüttelt und mit ihnen ein paar Worte gewechselt. Dann war er in die Krypta des Doms gestiegen, um vor der Vesper an den Gräbern der verstorbenen Bischöfe des Erzbistums München und Freising zu beten. Der Altar war von rund 400 Kommunionkindern mit Blumensträußen umringt.

"Schwerhörigkeit Gott gegenüber"

Höhepunkt des Tages war ein Gottesdienst unter freiem Himmel vor 250.000 Menschen. Papst Benedikt forderte eine Rückbesinnung auf die christlichen Werte im Westen. "Es gibt eine Schwerhörigkeit Gott gegenüber, an der wir gerade in dieser Zeit leiden", sagte er.

Mehr als 100 Kardinäle und Bischöfe feierten mit dem Papst bei strahlendem Sonnenschein den festlichen Gottesdienst. Schon bei seinem Eintreffen auf dem Münchner Messegelände und der anschließenden Fahrt durch die Reihen der Gläubigen gab es Beifall, Jubel und "Benedetto"-Rufe. Die ersten Besucher hatten sich bereits am Vorabend eingefunden. Seiner Heimat zeigte sich der im oberbayerischen Marktl geborene Papst eng verbunden - er grüßte die Gläubigen mehrfach mit einem herzlichen "Grüß Gott".

Indirekt kritisierte Benedikt XVI. in seiner Predigt die katholische Kirche in Deutschland, die sich in Afrika und Asien mehr für soziale als für missionarische Projekte einsetze. "Das Soziale und das Evangelium sind einfach nicht zu trennen", mahnte er. Die Menschen müssten die Ehrfurcht vor Gott wieder lernen: "Die Welt braucht Gott. Wir brauchen Gott."

Bei der Messe wäre es beinahe zu einer Panne gekommen: Das Zahlenschloss an dem Container, in dem 150.000 Hostien lagerten, ließ sich am Morgen nicht öffnen. Kurz vor Beginn der Messe habe der zuständige Diakon verzweifelt angerufen und Alarm geschlagen, berichtete der für die Organisation verantwortliche Pfarrer Siegfried Kneissl. Die eilig alarmierte Polizei sei jedoch vergeblich mit dem Bolzenschneider angerückt - als sie das Gerät ansetzte, sprang das Schloss von selbst auf. "Vielleicht hat göttliche Fügung die Zahlenkombination geöffnet", scherzte Kneissl nach Angaben des Erzbischöflichen Ordinariats.

Erneut legten Äußerungen des 79-Jährigen die Vermutung nahe, dass er seine Reise in die Heimat auch als Abschiedsbesuch ansieht. "Ich freue mich, dass ich wieder einmal bei Euch sein darf, dass ich noch einmal die vertrauten Stätten besuchen kann, die mein Leben geprägt, die mein Denken und Fühlen geformt haben, die Orte, an denen ich glauben und leben gelernt habe", sagte er in der Messe.

Das befürchtete Verkehrschaos blieb zum Auftakt des Bayern-Besuchs aus. "Wenn alle Besucher von Großveranstaltungen sich so diszipliniert verhalten würden, wäre das für die Polizei ein Traum", sagte Polizeisprecher Andreas Ruch.

Am Montag setzt Benedikt XVI. seine Visite mit einem Besuch des größten deutschen Marien-Wallfahrtsorts Altötting und seines Geburtsorts Marktl fort. Unbekannte hatten in der Nacht zum Sonntag zwei Farbbeutel auf die Fassade von Ratzingers Geburtshaus geworfen. Ein Maler entfernte die Flecken jedoch rasch wieder.

Am Dienstag werden zu einer Messe bei Regensburg 350.000 Menschen erwartet; in der Universitätsstadt hatte Ratzinger früher Theologie gelehrt. Der Mittwoch ist dem privaten Teil des Besuches vorbehalten. Nach einem Besuch des Freisinger Doms, wo Benedikt XVI. vor 55 Jahren zum Priester geweiht wurde, fliegt der Papst am Donnerstag wieder nach Rom zurück.

itz/dpa/Reuters



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