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Katholische Kirche in Deutschland Das Erbe des strengen Vaters

Es begann mit einem Hochgefühl - und mündete in Ernüchterung: Benedikt XVI. hat die Katholiken in Deutschland mehr polarisiert als geeint. Sein Rücktritt ist für die Menschen in den 27 Bistümern auch eine Befreiung.

Seit seinem Amtsantritt im April 2005 war Benedikt XVI. einer, an dem sich die Geister schieden. Das Wir-sind-Papst-Gefühl von damals ist lange verflogen. Bei allem Respekt vor dem ersten freiwilligen Rücktritt eines Papstes seit Hunderten von Jahren: Der deutsche Papst hat in den acht Jahren seiner Amtszeit die Kirche in Deutschland mehr polarisiert als geeint.

Wo Benedikt draufstand, war immer noch Joseph Ratzinger, der konservative Theologieprofessor, drin. Benedikt war nicht der Brückenbauer, der Pontifex Maximus. Hierzulande zerfiel seine Kirche nach seiner Wahl immer mehr in zwei Fraktionen. Auf der einen Seite die enttäuschten Anhänger des überfälligen Reformkurses, die heute als "Konzilspriester" oder "liberale Laien" geschmäht werden. Auf der anderen Seite die Fundamentalisten, Anhänger der Tradition, die selbsternannten Glaubenswächter, die die Zeit bis vor das Zweite Vatikanische Konzil zurückdrehen wollen. Sie suchen das Heil in der Vergangenheit der Kirche, wollen Autorität und Hierarchie.

Manche sprechen hierzulande bereits von einem Schisma, einer Kirchenspaltung, die sich längst innerhalb der Bischofskonferenz eingestellt hat. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Amtszeit den rückwärtsgewandten Katholikenflügel mit seinen teils obskuren Splittergruppen sogar mehr beflügelt und gefördert als sein Vorgänger - ob mit dem Zugehen auf die Piusbrüder, seiner Schelte für abtrünnige Theologen oder seiner Liebe zu tridentinischen Messen. Seine Bemühungen im weltweiten Missbrauchsskandal kamen zu zögerlich und spät. Weder in den USA noch in Irland oder Deutschland ist es ihm und seinen Bischöfen gelungen, das verlorengegangene Vertrauen wieder zurückzugewinnen.

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Papst-Rücktritt: Von Joseph Ratzinger zu Benedikt XVI.

Foto: TONY GENTILE/ Reuters

"Professor Papst" sorgte für Misstrauen

Das Ansehen der Kirche in Deutschland ist ausgerechnet unter einem deutschen Papst zu Beginn des Jahres 2013 auf einem Tiefpunkt angekommen. Selbst der Kern der treuen Katholiken misstraut laut Sinus-Studie ihren eigenen Bischöfen. Der einst gelobte "Feingeist" an der Spitze der Kirche gerierte zum "Professor Papst", der auch international von einer unglücklichen Äußerung, von einem ungeschickten Auftritt zum nächsten stolperte. Ein Mann wie Joseph Ratzinger, das haben selbst enge Freunde und einstige Weggefährten gesagt, ist offenbar nicht dafür geschaffen, eine Gemeinschaft von einer Milliarde Menschen zu leiten.

Für die Dunkelkatholiken in Deutschland war er der mächtige Gleichgesinnte im Hintergrund. Wer auch immer katholische Krankenhäuser heimlich auf Linie testete, wer mit Tonband konspirativ die Predigt seines Pfarrers mitschnitt, wer einen Theologieprofessor in Rom anschwärzte - die selbsternannten Glaubenswächter schickten Benedikt und seinem Sekretär Georg Gänswein ihre Denunziationen stets direkt zu. Sie wussten, dass ein solches Vorgehen für die von ihnen verteufelten Katholiken oft zu bitteren Konsequenzen führen konnte.

Eine Chance, sich aus Erstarrung zu lösen

Mit dem Rücktritt Benedikts werden die Karten nun aber neu gemischt. Sicher in Grenzen, aber die Kräftefelder könnten sich verschieben, wenn ein anderer Papst, womöglich aus einem anderen Kontinent, schon zu Ostern vom Petersdom die Welt segnet.

Der Papst hat allerdings ein wenig mit seiner Personalpolitik dafür gesorgt, dass sein Kurs von Rom aus weitergeht. Vor allem durch den früheren Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller. Als Chef der Glaubenskongregation ist Müller der raubeinige Garant eines streng orthodoxen Kurses in zentraler Position im Vatikans.

Seinen Sekretär Gänswein hat Benedikt noch kürzlich erst zum Bischof befördert. Er empfiehlt sich nun für ein Bistum in Deutschland - womöglich als Nachfolger von Kardinal Joachim Meisner in Köln.

Bei allem Respekt für die überraschende Entscheidung eines 85-jährigen kranken und schwachen Mannes: Ein Ende der Ära Ratzinger ist von vielen in Deutschland erhofft worden, egal wie der nächste Papst sein mag. Ob sich die deutschen Bischöfe dann mehr als bisher trauen, einen selbständigeren katholischen Weg zu gehen, ist offen. Sie können mehr wagen, wenn sie es denn wollen.

Der Rücktritt Benedikts ist für die Kirche auch eine neue Chance, sich aus Erstarrung und Bevormundung zu lösen. Es könnte ein Anlauf sein, aus der tiefen Krise endlich herauszukommen.

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