Paris Blutbad im Stadtrat

Ein Amoklauf im Gemeinderat der Pariser Vorstadt Nanterre schockiert ganz Frankreich: Ohne Vorwarnung erschoss ein 32-jähriger Mann acht Menschen und verletzte 19 weitere Teilnehmer einer Ratssitzung.


Rettungsmannschaften betreuen Angehörige der Opfer
REUTERS

Rettungsmannschaften betreuen Angehörige der Opfer

Nanterre - Acht der Verletzten schweben in Lebensgefahr. Sie wurden mit Hubschraubern in eine nahe gelegene Klinik gebracht. Der mutmaßliche Täter wurde verhaftet. Es handelt sich um einen 32 Jahre alten Sportschützen, der legal Waffen besaß. Vor der Tat war er nie mit den Behörden in Konflikt geraten.

Über sein Motiv ist bislang nichts bekannt, zumal er nach Polizeiangaben die Aussage verweigerte. Staatsanwalt Yves Bot erklärte jedoch, der Schütze habe genau gewusst, auf wen er gefeuert habe. Nach Angaben eines Ratsmitglieds der Grünen steht der Verhaftete der ökologischen Bewegung nahe. Er nahm schon früher an Sitzungen des Gemeinderats teil und protestierte gegen mehrere Beschlüsse. Unter den Todesopfern sind sowohl Abgeordnete der Linken wie des bürgerlichen Lagers.

Die Schießerei begann gegen 1.15 Uhr, als die rund 40 Teilnehmer der Sitzung dabei waren, ihre Mäntel anzuziehen, um nach Hause zu gehen. Bürgermeisterin Jacqueline Fraysse sagte, es habe keine erhitzte Debatte gegeben und die Sitzung sei völlig ruhig beendet worden.

Rettungskräfte am Einsatzort
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Rettungskräfte am Einsatzort

Der Angreifer benutzte mindestens zwei Maschinenpistolen. "Zuerst glaubte ich an einen Scherz", sagte der unverletzt gebliebene Kommunalbeamte Samuel Rijik. Dann habe er gesehen, dass der Mann in jeder Hand eine Waffe gehalten und damit geschossen habe. "Ich versteckte mich unter einem Tisch, und eine Kugel traf meine Jacke. Ich dachte schon, dass ich getroffen wäre."

Noch in der Nacht eilte Premierminister Lionel Jospin zum Tatort. "Das ist eine schreckliche Tragödie, die der Demokratie schadet", sagte Jospin. Offenbar habe es sich um die Tat eines geistig Verwirrten gehandelt. Staatspräsident Jacques Chirac sprach von einem "völlig unvorstellbaren Drama". Mehr als hundert Polizisten und Sanitäter waren in dem wohlhabenden Vorort im Westen von Paris, in dem höchster Alarmzustand herrschte, im Einsatz.

Die steigende Kriminalität in Frankreich ist einer der Hauptpunkte im derzeitigen Wahlkampf um die Präsidentschaft, bei der der Sozialist Jospin gegen den konservativen Amtsinhaber Jacques Chirac antritt.



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