Pariser Prêt-à-Porter Die Tussi-Jahre sind vorüber

Verruchtes und Züchtiges, Bizarres und Liebliches - die Prêt-à-Porter-Schauen in Paris überraschen mit krassen Gegensätzen. Altmeister Karl Lagerfeld beschwor gar ein neues Zeitalter: Melancholie statt "Tussi"-Schick.


Paris - Auch von schlechtem Wetter ließen sich die modebegeisterten Damen nicht abschrecken: Dutzende Regenschirme drängelten sich gestern am Eingang des Grand Palais in Paris vor der Modenschau von Chanel. Stardesigner Karl Lagerfeld hatte die Halle für seine Herbst-Winter-Kollektion in ein gigantisches Theater verwandeln lassen und zeigte meist einfarbige Kleider in Kombination aus verschiedenen Lagen und Längen.

Tweed-Jackets kombinierte Lagerfeld mit gleich zwei Oberteilen: einer Bluse aus gekräuseltem Stoff und einem offenen, knöchellangen Chiffon-Shirt. Schwarze Chiffonkleider mit trapezförmigem Ausschnitt wurden zu extrem weiten Satinhosen getragen - eine Silhouette, die in deutlichem Gegensatz zu den von Lagerfeld gewohnten körpernahen Schnitten steht. Der Designer selbst sprach von einer "neuen Proportion": "Hier ist das Lange, da das Kurze, Bewegung und Ungezwungenheit", erklärte er nach der Show.

Auf die größte Zustimmung im Publikum - darunter der britische Popstar Sting mit seiner Frau Trudie Styler - stießen dagegen die knapperen Schnitte. Model Stella Tennant zeigte ein Kleid aus schwarzem Satin-Mieder mit Tüllrock. Verführerisch wirkten schmale Kleider aus schlichtem schwarzem Wollstoff, kombiniert mit hohen Stiefeln in Schwarz und Weiß, die an die sechziger Jahre erinnerten. In die Vergangenheit versetzte außerdem ein schwarzer Mantel in A-Linie, geschmückt mit runden Goldknöpfen.

Weniger grazile Modelle, darunter protzige Pailletten-Stickereien und klobige, knöchelhohe Stiefeletten, vermittelten den Eindruck, Lagerfeld habe sich nicht zwischen der Generation der Mütter und ihrer Töchter entscheiden können. Der Meister erklärte die Kontraste seiner Kollektion folgendermaßen: "Es gibt eine Art Melancholie, die ich nach den 'Tussi'-Jahren ziemlich elegant finde."

Damenhaft und leicht kokett: So mag Desigern Christian Lacroix seine Mode. Seine Prêt-à-Porter-Schau zeigte, dass er auch in der kommenden Saison hiervon nicht abrückt. Wo andere in dieser Defilee-Woche der Damenkollektionen mit Volumen, Form und neuer Schlichtheit experimentieren, bleibt er in seinen Entwürfen körpernah und dekorativ. Schmal geschnitten sind seine roten, schwarz bestickten Mäntel und seine mit Chantilly-Spitze besetzten Jacken, kurz seine hübschen Ballonröcke. Sportlicher wirkt ein Torero-Kostüm aus silbriger Krawattenseide, das an Lacroix' südfranzösische Wurzeln erinnert. Ein Schuss fünfziger Jahre gesellt sich hinzu mit einem türkisfarbenen Kleid mit Petticoat.

An die fünfziger Jahre und Diors New Look erinnerten auch die wunderschönen Entwürfe von Giambattista Valli. Schwarze, wadenlang schwingende Röcke gewinnen durch einen Tüll-Unterrock an Volumen. Dazu trägt Frau eine tadellos geschnittene, kleine Kaschmir-Jacke mit Dreiviertelarm. Entzückend auch ein cremefarbener Mantel mit schmalem Oberteil und weiten Schößen über dem goldglänzenden Seidenrock. Alles wirkt luxuriös, doch scheint Valli seine Kundin eher Tee trinkend in der Lobby eines Luxushotels als im Büro am Schreibtisch zu sehen.

ffr/Joelle Diderich, AP/dpa



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