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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Parlament statt Knast

Wie ein mutmaßlicher Betrüger in die Immunität flüchtete
Von Ralf Hoppe
aus DER SPIEGEL 49/2002

Der Staatsanwalt Fahrettin Küçüköz gilt als fröhlicher Mensch. Er ist 43 Jahre alt, sein Haar grau meliert, grauer Anzug, honiggelbe Krawatte. Er arbeitet beim Bezirk Istanbul-Bagcilar, er liebt seinen Job; aber der 3. November 2002 war kein guter Tag.

Die Rechtsanwältin Fatma Imer aus dem schwäbischen Esslingen ist auch ein fröhlicher Mensch. Zwei Kinder, ihr Mann betreibt einen Supermarkt, das Leben ist schön. »Aber der 3. November«, sagt sie, »war arg schlimm.«

Der Geschäftsmann Fadil Akgündüz schließlich ist ein besonders fröhlicher Mensch. Athletischer Typ, 43 Jahre, schwarzer Schnauzbart, ein schöner Mann. Für ihn war der 3. November wunderbar. Es war der Tag des Sieges.

An jenem Sonntag fanden die türkischen Parlamentswahlen statt, und Akgündüz wurde, wenn auch in Abwesenheit, gewählt, als einer von drei Abgeordneten aus Siirt. Neben der Aussicht, dem Volke fünf Jahre lang zu dienen, dürfte die Immunität für Abgeordnete ihn besonders freuen.

Denn Akgündüz ist ein gesuchter Mann. Gesucht über Interpol, mit strafrechtlichen Ermittlungen in Deutschland, der Schweiz, Liechtenstein, der Türkei, die Vorwürfe lauten auf Betrug und Geldwäsche. In Akgündüz' Heimat läuft ein Haftbefehl, der nach dem Wahlsieg ausgesetzt wurde. Vorerst.

Eine bizarre Situation. Dabei war der anfängliche Plan so klar, so schön. Es war der Plan, einen türkischen Volkswagen zu kreieren, das Modell »Imza 700«, das die Welt erobern und den Nationalstolz der Türken auf ungeahnte Höhen führen sollte - die »700« steht für den 700. Jahrestag des Osmanischen Reiches. Ein kühner Plan. Oder doch ein Betrug?

In der Geschichte des Fadil Akgündüz geht es um Frömmigkeit, Nationalstolz, vor allem aber um Geld. Nämlich um die Ersparnisse von etwa 18 000 Anlegern, Familien, die blind vertrauten und, womöglich für immer, ihr Geld verloren.

Viel Geld ist verschwunden - wie viel? Darüber gibt es zunächst nur Schätzungen. »Die Schäden summieren sich auf rund 1,25 Milliarden Euro«, sagt der Bremer Anwalt Wilhelm Segelken. Der Spezialist für Kapitalanlagerecht bei Publikumsgesellschaften vertritt geschädigte Anleger. Seine Kollegin Imer, die rund 200 Familien vertritt, hält die Zahl für realistisch.

Aber wie ist das Geld verschwunden?

»Womöglich war das Ganze ein Schneeballsystem«, sagt der Frankfurter Oberstaatsanwalt Job Tilmann, »bei dem die ersten Ausschüttungen aus den Einzahlungen finanziert wurden.« Er fügt hinzu: »Wir ermitteln aber noch.«

Das dauert. Vier Länder, vier Rechtssysteme, drei Währungen. Dass die Schadenssumme sich in türkischer Lira in Billionenhöhe bewegt, ein Kometenschweif von Zahlen, macht es nicht leichter.

Etwa 400 Klagen, viele aus Deutschland, sind in Istanbul eingegangen. Der Aktenstapel beim fröhlichen Staatsanwalt Küçüköz ist halbmeterdick. Eine türkische Zeitung rechnete, dass Akgündüz bis zu 240 Jahre Haft drohen - wenn die Immunität nicht wäre.

Der Fall Akgündüz beginnt Ende der neunziger Jahre. Der Mann präsentiert sein Autoprojekt, bedient sich einer Holding namens JetPa. Auf dem Genfer Autosalon werden zwei schicke Prototypen gezeigt.

Akgündüz macht sich, so sieht es Imer, die Mentalität der Exil-Türken zu Nutze. Akgündüz, so Imer, schickt seine Vermittler in die Moscheen. Der Mann garniert seine Anlegerbriefe mit frommen Zitaten, verspricht Renditen bis zu 30 Prozent. Die Prospekte sind bunt, das Papier von seriöser Festigkeit: In Spitzenmonaten kommen um die 50 Millionen Mark herein.

Das Geld wird laut Staatsanwaltschaft nach Liechtenstein geschafft, von dort geht wahrscheinlich das meiste in die Türkei. Die Landespolizei Liechtenstein, die den Fall später unter der Nummer 2001-07-0060 bearbeitet, lässt Grafiken anfertigen, um in dem Konten-Wirrwarr durchzusteigen. Anfang 2000 finden die türkischen Behörden angeblich Hinweise, dass Geld unterwegs abgezweigt wurde.

»Von 450 Millionen Mark sind nur 220 feststellbar in der Türkei angekommen«, bestätigt sogar der Kölner JetPa-Anwalt Michael Murat Sertsöz. Wo ist das übrige Geld?

»Verschwunden«, sagt Sertsöz.

Aber wer ist dafür verantwortlich? »Akgündüz«, sagt Sertsöz, »ist wirtschaftlich handlungsberechtigt und damit hauptverantwortlich.«

Ist der Mann also ein Betrüger? »Die türkischen Behörden«, sagt Sertsöz, »gehen von einem dringenden Tatverdacht aus - das erscheint nicht ganz unberechtigt.«

Auch der JetPa-Anwalt scheint das Vertrauen in seinen Holding-Boss Akgündüz verloren zu haben.

Der flog nach seinem Wahlsieg, diesmal von Puerto Rico aus, nach Istanbul - wo ihn seine Anhänger in einer Art Triumphzug vom Flughafen abholten. Inzwischen hat er als Abgeordneter einen Eid auf die Verfassung geleistet.

Zwar wollen die Parteichefs Erdogan und Baykal das Gesetz über die Immunität der Abgeordneten ändern - aber das kann dauern, ein, zwei Jahre. Akgündüz seinerseits hatte unlängst eine neue Idee: Nun würde er den türkischen Volkswagen dann doch in Deutschland bauen, vom Wirtschaftsministerium Rheinland-Pfalz seien 30 Millionen Euro in Aussicht gestellt, der Mann ist ein Optimist.

In Mainz sieht man es anders. Gespräche ja; aber, »nach Auswertung aller bekannten Informationen«, lieber doch keine Förderzusage. RALF HOPPE

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