Partnerschaft Mangel an Begehren

Die große Liebe ist immer noch das Ideal der Deutschen. Sie wollen beides: tiefes Gefühl auf Dauer und wilden Sex. Doch dieser Wunschtraum, sagen Wissenschaftler, ist eine Illusion. Allerdings könne die erschlaffte Lust auf den Partner wieder belebt werden, etwa durch diskrete Seitensprünge.


Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Der Großteil der Deutschen wünscht sich eine dauerhafte, harmonische Liebesbeziehung. Fast drei Viertel träumen von der Liebe fürs Leben. Und immerhin ist für jeden Dritten der Partner das Wichtigste überhaupt. Zu dieser traumhaften, langlebigen Partnerschaft gehört selbstverständlich auch eine ekstatische und nie erlahmende Sexualität. Soweit die Utopie, doch nun die triste Wirklichkeit: Nie waren die Beziehungen so brüchig wie heute, viele Bindungen halten nur Monate, nach vier Jahren sind die meisten Ehen am Ende. Und oft ist ein Hauptgrund für die Krise die Unzufriedenheit mit der Sexualität. Mit den Jahren stirbt die Lust den Liebestod. Schon nach Wochen, so haben Sexualforscher erkundet, hat sich die erste Leidenschaft gelegt. Dann schleicht sich die erotische Routine ins Lotterbett. Und der triebhafte Mensch geht wieder auf die Jagd nach neuen sexuellen Abenteuern. Das macht er in diesen närrischen Tagen besonders gern. Im Karneval dürfen alle bürgerlichen Sicherungen durchbrennen. Ab Aschermittwoch dann herrscht wieder Friedhofsruhe in deutschen Betten ­ wie offenbar überall auf der Welt. Sexualforscher wie der Hamburger Gunter Schmidt haben nach langen Forschungsarbeiten festgestellt, dass die heterosexuelle Erotik in den westlichen Industrieländern "veröde". Allerorten siegt Langeweile über Libido. Die Hälfte aller Befragten hätte, so Schmidt, seltener als einmal pro Woche Geschlechtsverkehr. Auch Therapeuten berichten aus ihren Sitzungen, dass ihre Klienten immer häufiger über Lust-Verlust klagten. Das Forscherteam um Schmidt bestätigt: Vor 25 Jahren hätten zehn Prozent der Frauen, die die Beratungsstelle an der Hamburger Uni aufsuchten, über den Mangel an Begehren geklagt, heute seien es ganze 60 Prozent. Was ist los mit den Kindern der sexuellen Revolution? Ist sexuelle Frustration der Lohn einer mühsamen Befreiung von gesellschaftlichen Tabus? Tatsächlich sehen Forscher einen Zusammenhang zwischen Tabuverlust und sexueller Verunsicherung. Werbung, Film und Fernsehen suggerieren: Dauerbegehren ist möglich, ja sogar normal. Nackte und Halbnackte allerorten, die Körper perfekt, die Hormone auf Hochtouren ­ da muss sich der Normalbürger, der gerade eine sexuelle Pause einlegt, fragen, ob mit ihm etwas nicht stimmt. Blieben die Altvordern zumeist gelassen, wenn im ehelichen Bett nicht mehr viel los war, so wittern Partner heute sofort die Entfremdung, wenn sie beim Anblick des Geliebten nicht mehr erbeben. Bei solcherlei Selbstanklagen plädieren Psychotherapeuten auf Gnade. "Die Leute sollten ihre Beziehungen nicht mit Erwartungen überfrachten. Wenn man eine Beziehung sexualisiert, kommt man im zweiten Schritt dahin, dass man sie pathologisiert", sagt der Mecklenburger Therapeut Michael Mary, 48, der seine Erfahrungen aus Paargesprächen kürzlich in dem Buch "5 Lügen, die Liebe betreffend" zusammengefasst hat. Gerade Langzeitpaare, so Mary, kämpfen mit einem Dilemma: Liebe will Sicherheit und Geborgenheit, die Lust braucht Fremdheit und Aufregung. Für dieses Problem finden manche Paare eine Lösung: Sie gestehen sich und dem anderen Fremdgehen zu, geloben aber, über die Seitensprünge zu schweigen, um die Harmonie in der Hauptbeziehung nicht zu gefährden. Der Therapeut Mary kann dem Betrug am Partner sogar Positives abgewinnen: Fremdgehen könne Beziehungen "stimulieren". So haben ja schon die Alten in Franz von Suppés Operette "Boccaccio" gesungen: "Hab ich nur deine Liebe, die Treue brauch ich nicht." Und das ist auch die lustvolle Melodie, nach der die Narren und Narrhalesen durch die tollen Tage turnen. Helau.



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