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Passagiere der "Costa Concordia" "Das Schiffspersonal hat uns angelogen"

Keine Papiere, kein Geld, kein Gepäck: Dutzende Passagiere des havarierten Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia" warten verzweifelt auf Informationen, wann sie heimkehren können. In die Erleichterung, überlebt zu haben, mischt sich blanker Zorn auf das Missmanagement der Reederei.

Das Schöne am Reisen auf einem Kreuzfahrtschiff? "Less stress", sagt Jimmy Gates, weniger Stress. Der US-Amerikaner aus Louisiana hat gerade die schlimmste Reise seines Lebens hinter sich. Eine Kreuzfahrt. Zusammen mit seiner Frau Margaret, 63, seiner Tochter Elizabeth, 33, und seiner Schwägerin Patricia, 61, war er schon mehr als zehn Mal auf See unterwegs, sagt der 63-Jährige. "Diesmal wollten wir was Neues sehen: Sizilien und Sardinien." Doch dazu kam es nicht: Nur wenige Stunden nachdem die Familie in Civitavecchia an Bord der "Costa Concordia" gegangen war, war die Reise schon vorbei. Aus noch ungeklärten Gründen lief das Kreuzfahrtschiff am Freitagabend vor der italienischen Insel Giglio auf Grund und havarierte.

Das Hilton an Roms Flughafen Fiumicino gleicht in dieser Samstagnacht eher einer Notaufnahme denn einer Nobelherberge. Sanitäter laufen durch die Lobby und versorgen Betroffene mit Medikamenten, zwei Mitarbeiterinnen der Reederei Costa Crociere verteilen Fleece-Pullis: blass-violette für die Frauen und blaue mit Holzfällermuster für die Männer. Es sieht aus, als würde das Schifffahrtsunternehmen verzweifelt versuchen, wenigstens ein bisschen Harmonie ins Chaos zu bringen, das seit Freitag, 22 Uhr, herrscht.

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Gestrandete Passagiere: "Wir wissen nichts"

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Während Hunderte Deutsche bereits am Samstag wieder per Bus und Flugzeug in ihre Heimat gebracht wurden, sitzen viele Nicht-Europäer, die auf der "Concordia" waren, in Italien regelrecht fest. "Als ich aufs Schiff ging, hat man mir meinen Pass abgenommen", sagt Elena Kilimichenko aus der Ukraine, "nur weil ich aus so einem Scheiß-Land komme, das nicht zur EU gehört." Kilimichenko sucht nach Worten für die Ungerechtigkeit, die ihre Stimme beben lässt. "Nun liegt mein vierwöchiges Mehrländervisum für den Schengen-Raum am Meeresboden", sagt sie und blickt herunter auf die flauschigen Puschen an ihren Füßen, ein Geschenk des Hotels.

"Jetzt will ich einfach nur noch nach Hause"

Kilimichenko, feines blondes Haar, rotgeweinte Augen, gehört zu den 4234 Passagieren, die am Freitagabend vor der italienischen Küste Schiffbruch erlitten haben. Zusammen mit einem Freund aus England war sie Mitte vergangener Woche in Barcelona an Bord der "Costa Concordia" gegangen, um eine siebentägige Kreuzfahrt durchs Mittelmeer zu machen. Auch der Hafen von Cagliari auf Sardinien, das norditalienische Savona sowie Marseille in Südfrankreich standen auf dem Plan - später wollte sie noch Freunde in Spanien und der Schweiz besuchen. Gekommen ist Kilimichenko nur bis zur toskanischen Insel Giglio. Und nun sitzt sie hier im Hilton fest. Ohne Papiere, ohne Geld, ohne ihr Gepäck.

"Jetzt will ich einfach nur noch nach Hause", sagt die Ukrainerin, doch um nach Odessa zu kommen, braucht sie erst mal einen neuen Pass. Die Formulare für den Ersatzausweis hat sie bereits ausgefüllt, "aber wann ich den Wisch kriege, das steht noch in den Sternen." Von der Reederei kümmere sich niemand um ihre Sorgen.

"Völlig unorganisiert", nennt auch die Chilenin Claudia Fehlandt, 48, das Krisenmanagement von Costa. Sie war mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern auf dem Unglücksschiff. "Das Personal hatte überhaupt keine Ahnung, was zu tun war. Es hat uns keine Anweisungen gegeben und sogar angelogen." Über die Bordlautsprecher sei nach dem Stromausfall von einer "technischen Störung" die Rede gewesen. "Machen Sie sich keine Sorgen, alles ist unter Kontrolle", habe man den Passagieren gesagt. "Dabei hatten die nichts unter Kontrolle." Hinter ihr in der Hotellobby bricht plötzlich ein lauter Streit aus. Eine andere Südamerikanerin wirft den Costa-Mitarbeitern Inkompetenz und Tatenlosigkeit vor. "Wann können wir endlich fliegen?", will sie wissen. Italienische und spanische Wortfetzen fliegen durch die Luft, zwischendurch flackert das Blaulicht eines Rettungswagens von draußen ins Foyer. Eine Antwort auf ihre Frage bekommt die Frau nicht.

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Unglück der "Costa Concordia": Die Retter kämpfen gegen die Zeit

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Claudia Fehlandts Sohn Felipe, 21, beobachtet die Szene. "Auf dem Schiff mussten wir ums Überleben kämpfen. Und jetzt müssen wir schon wieder kämpfen, diesmal gegen Costa", sagt er. Eigentlich wollte die fünfköpfige Familie erst in einer Woche von Barcelona zurück nach Santiago de Chile fliegen. Doch nach der Tragödie vom Freitag können sie ihre Rückkehr nach Südamerika kaum noch abwarten. "Ich liebe Europa und komme auf jeden Fall wieder her", sagt Felipe. "Aber erst mal müssen wir uns von dem Schock erholen. Das geht besser zu Hause."

Die Kreuzfahrtgesellschaft interessieren solche Wünsche derzeit wenig. Man könne sich zurzeit nicht auch noch darum kümmern, sagt man den Fehlandts. Sie sollen doch bitte bis zu ihrem ursprünglich geplanten Flugtermin warten. Keine tröstenden Worte, kein offenes Ohr für die Sorgen der Passagiere - so erleben die Menschen in der Hotellobby das Personal, das Costa ihnen geschickt hat. "Die müssten sich doch jetzt kooperativ zeigen und uns bei den Umbuchungen helfen", sagt Felipe, während seine Mutter mit einer Reederei-Angestellten diskutiert.

Wie es für die Menschen weitergehen soll, ist unklar

Doch um zwei Uhr nachts ist keine Hoffnung mehr in den Gesichtern der chilenischen Familie zu erkennen. "Die Passagiere haben das Vertrauen in Costa verloren", urteilt Felipe für sich und die anderen in der Lobby.

Elena KIlimichenko steht auf, holt ihr Handy, das die hilfsbereiten Angestellten an der Hotel-Rezeption für sie aufgeladen haben, und geht in ihr Zimmer. "Ich möchte nur noch schlafen", sagt sie, "hoffentlich kriege ich keine Alpträume." Mit ihren Händen greift sie immer wieder an ihre Beine. Sie habe das Gefühl, die zitterten noch immer. "Als das Schiff auf die Steine gestoßen ist, war das, als würden wir über ein gigantisches Waschbrett fahren." Sie bäumt ihren müden Körper auf, ruckelt mit den Schultern und schleudert ihre Oberarme hin und her, um zu demonstrieren, wie heftig die Erschütterung war. Ihre Kabine war auf der Seite, die sich nach dem Unfall Richtung Meer senkte. "Ich habe aus meinem Fenster Wasser und Steine gesehen. Es war beängstigend."

Wie es für die Menschen weitergehen soll, wie lange sie noch in Italien bleiben müssen, weiß keiner - am wenigsten die Mitarbeiter von Costa. Journalistenfragen wollen die Reederei-Mitarbeiter in dieser Nacht nicht beantworten.

"Typisch", nennt das Jimmy Gates. So sei die Kommunikation auch auf dem Schiff verlaufen. "Wir wissen nichts", sei die häufigste Antwort gewesen, als er mit seiner Familie über die Decks hetzte, vier Rettungswesten unter den Arm geklemmt. Sie waren gerade beim Abendessen, als das Unglück passierte. "Als es aus den Lautsprechern hieß, wir sollten die Ruhe bewahren, dachte ich, die wollten uns veräppeln", sagt Gates. Er habe gesehen, wie ein Kellner in Panik das Essen fallen ließ - "wie soll man denn als Passagier ruhig bleiben, wenn selbst das Personal die Nerven verliert?"

Glück im Unglück

"Unprofessionell" nennt Gates, ebenso wie viele andere Passagiere, das Verhalten der "Concordia"-Crew - ein noch recht nettes Wort für das, was sich bei der Rettung ereignet haben soll: "Es gab Angestellte, die den Passagieren in den Rettungsbooten die Plätze weggenommen haben", erzählen die Gates. "Das war schockierend."

"Trotzdem: Wir hatten Glück im Unglück", sagt Elizabeth Gates. Zwar habe ihre Familie viel Materielles verloren - sie hatten unter anderem zwei iPads, einen iPod, ein iPhone und rund 2000 Euro im Safe eingeschlossen, all das sei jetzt verloren - aber sie sind mit dem Leben davon gekommen. Tränen schießen der 33-jährigen Amerikanerin in die Augen, als sie ihre Familie ansieht und mit bemühtem Optimismus sagt: "Leute, wir haben uns!" Bei dem Unglück hat es mindestens drei Tote gegeben, 39 Menschen werden noch immer vermisst.

Ja, sagt Jimmy Gates, ihm sei schon bewusst, dass das Unglück am Freitag, dem 13. passiert ist. Aber nein, abergläubisch sei er nicht. Dieser Freitag sei für ihn nicht Freitag, der 13. gewesen, sondern der 63. Geburtstag seiner Frau Margaret.

Und nun ist es auch der Tag, an dem er, seine Frau, seine Tochter und seine Schwägerin künftig so etwas wie einen zweiten Geburtstag feiern können.