Pater Pio Gräberkampf um einen toten Heiligen

Kaum ein Restaurant, in dem nicht sein Bildnis hängt, kaum ein Lkw, in dem er nicht irgendwo klebt. Pater Pio ist in Italien populärer als Jesus. Nun will ein Bischof den Nationalheiligen exhumieren, damit er für seine Anhänger ausgestellt werden kann - doch die protestieren.
Von Ulrike Schimming

Hamburg - Noch ruht die Leiche des Kapuzinermönches in dem schlichten Steinsarkophag im apulischen Dorf San Giovanni Rotondo. Doch damit wird es nach dem Willen des Erzbischofs von Manfredonia, Domenico Umberto D’Ambrosio, im April vorbei sein. Aus Anlass des 40. Todestages von Pater Pio am 23. September soll der Heilige exhumiert und einige Monate in der von Stararchitekt Renzo Piano erbauten Kathedrale im Dorf zur Verehrung ausgestellt werden.

Pater Pio, der von den vielen Gläubigen als zweiter Christus verehrt wird, war aufgrund seiner Stigmata - die nacherlebten Wundmale Christi - eine der umstrittensten Persönlichkeiten Italiens und bewegt selbst Jahrzehnte nach seinem Tod immer noch die Gemüter.

Aktuell wurde die Diskussion über die Glaubwürdigkeit Pios durch ein neues Werk von Sergio Luzzatto angeheizt, bei dem es sich um alles andere als eine Heiligenbiografie handelt. Der Turiner Historiker hat die italienischen Archive durchwühlt, Akten und Dossiers studiert. In seinem Buch bezweifelt er, ob die Wundmale, die Pater Pio am 20. September 1918 empfing und unter denen er bis zu seinem Tod 1968 gelitten haben soll, tatsächlich Gottes Werk waren.

Luzzatto fand Belege, dass der fromme Bruder heimlich beim Apotheker Valentini Vista aus Foggia größere Mengen von Karbolsäure und des Giftes Veratrin geordert hatte, mit denen er sich die Wundmale Christi selbst beigebracht haben könnte. Um die Ursache für die Wunden herauszufinden, untersuchten diverse Mediziner den Pater Anfang der zwanziger Jahre. Je nach Gutgläubigkeit oder Skeptizismus der Ärzte fielen die Ergebnisse unterschiedlich aus.

Das ist nicht weiter erstaunlich, ist die Heiligenverehrung in Kirchenkreisen durchaus eine heikle Angelegenheit. Die wechselnden Päpste über die Jahrzehnte verhielten sich dementsprechend: Pius XI. versagte Pater Pio in den zwanziger Jahren die Ausführung seiner priesterlichen Pflichten, Pius XII. gestand sie ihm in den dreißiger Jahren wieder zu, Johannes XXIII. (1958 bis 1963) hingegen untersagte den Kult um den Kapuziner. Das Volk jedoch liebte Pater Pio von Anbeginn, seine angeblichen Wundertaten sprachen sich schnell herum, Pilger machten sich auf in das noch unscheinbare Bauerndorf auf dem Gargano, dem Sporn an Italiens Stiefelabsatz. Heute kommen jährlich etwa sieben Millionen Menschen in den Wallfahrtsort.

Die Dorfbewohner profitierten - und protestierten, als die Kirchenoberhäupter 1923 diskutierten, Pater Pio an einen geheimen Ort zu versetzen. Durch diese Trennung von seinen ihm ergebenen Mitbrüdern und durch eine strenge Überwachung des Mönches sollte geklärt werden, ob Pios Stigmata auch fern der Heimat beständen oder aber verschwinden würden.

Furcht vor Reliquienhandel

Fanatische Verehrer des "lebenden Heiligen" drohten damit, den Kapuziner eigenhändig umzubringen, um wenigstens seine Leiche in San Giovanni Rotondo zu behalten. Dies war für den Mönch nichts Neues: Bereits zwei Jahre zuvor hatte sich das Gerücht verbreitet, Pater Pio wolle den Gargano verlassen. Während einer Messe hatte sich daraufhin ein Dorfbewohner dem Pater genähert, ihn mit der Pistole bedroht und gerufen: "Besser tot bei uns, als lebendig bei anderen!"

Ähnliches scheint sich in diesen Tagen zu wiederholen. "Padre Pio non si tocca!" – "Pater Pio wird nicht angerührt!", so fordert momentan die Vereinigung für Padre Pio in Demonstrationen, Presseerklärungen und Briefen an Papst Benedikt XVI. In den nächsten Tagen will der Anwalt und Vereinsvorsitzende Francesco Traversi gegen die Exhumierung des Heiligen beim Zivilgericht Foggia Beschwerde einreichen.

Er beruft sich dabei auf den Willen des Paters. Schon im August 1923 bat dieser, dass "meine Gebeine in einer ruhigen Ecke dieses Fleckens bestattet werden". Traversi und seine Mitstreiter fürchten, dass der Nationalheilige Opfer von Reliquienhandel werden könnte: Bei der geplanten Untersuchung, mit der der Zustand der Leiche festgestellt werden soll, könnten Teile des Körpers verschwinden.

Johannes Paul II., der den Stigmatisierten 1948 als Theologiestudent in San Giovanni Rotondo aufgesucht hatte, sprach Pater Pio 2002 heilig. Neben den Stigmata haben ihn auch unzählige angebliche Wunderheilungen berühmt gemacht. Sollte der italienische Nationalheilige in diesem Frühjahr tatsächlich exhumiert und ausgestellt werden, dürften sicherlich noch ein paar weitere Wunder hinzukommen.

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