Wunderpriester Pater Pio Heiliger Headliner

Pater Pio ist für die einen der größte Heilige aller Zeiten, für andere ein Scharlatan wie kein zweiter. Nun sollen die Gebeine des umstrittenen Wunderpriesters sogar im Petersdom präsentiert werden.

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Für Papst Johannes XXIII. war er ein Betrüger, für Amtsnachfolger Johannes Paul II. ein Heiliger. Für viele Italiener ist er Freund und Helfer in allen Lebenslagen, populärer noch als Jesus und Maria.

Der weiße Rauschebart von "Padre Pio" ziert Lastwagen und Eisdielen, sein Konterfei hängt in Metzgereien und Anwaltspraxen. In Beton gegossen steht er in Bauerndörfern, oft mit bunten Lämpchen umkränzt, die Tag und Nacht blinken. Auch im neapolitanischen Drogenmilieu verehren sie den 1968 im Alter von 81 Jahren gestorbenen Kapuzinermönch. Sein süditalienischer Wirkungsort San Giovanni Rotondo ist ein Pilgerort mit enormer Anziehungskraft auf Pio-Anhänger aus aller Welt.

"Offen, frisch und blutig"

Seit der seltsame Pater mit dem stechenden Blick 2002 in den Heiligenstand berufen wurde, hat er alle heiligen Kollegen in rasender Geschwindigkeit überholt. Was, bei Pios eindrucksvoller Ausstattung, nicht einmal ein Wunder sein muss:

  • Er ist der einzige Priester mit den Wundmalen von Jesus, "welche immer offen, frisch und blutig blieben, sichtbar an den Händen, Füßen und der Brust", wie seine Jünger versichern; eine Tasse Blut soll er jeden Tag verloren haben, und kein Arzt konnte ihm helfen.
  • Ihm wird sowohl die wundersame Fähigkeit bescheinigt, gleichzeitig an verschiedenen Orten zu sein, als auch die Gabe, den Menschen direkt in die Herzen und Seelen zu schauen und so ihre Geheimnisse zu kennen.
  • Zudem sei er fähig gewesen, Zukünftiges vorherzusagen und fremde Sprachen, die er nie gelernt hatte, problemlos zu sprechen und zu verstehen.
  • Als wäre das alles nicht genug, schwören Menschen, die ihm begegnet sind, Padre Pio habe einen übernatürlichen Geruch nach Jasmin, Rosen und Veilchen verströmt.

Wer soll da mithalten? Die Heilige Katharina vielleicht? Von der ist eigentlich nur ein wundersames Rededuell mit 50 Ungläubigen und ihre darauf folgende Hinrichtung erwähnenswert. Der Heilige Georg? Ein Drachentöter. Naja. Christophorus? Trug ein Kind übers Wasser. Nicht schlecht.

Wunderwirkung über den Tod hinaus

Pater Pio hat Tausende von Wundern vollbracht. Er hat Hostien vermehrt, Wolkenbrüche gestoppt, eine Raupenplage beendet. Er ist in den Himmel aufgestiegen, hat einen Air-Force-Piloten sicher zur Erde gebracht, dessen Flugzeug abgeschossen wurde. Er hat Blinde sehend und Lahme laufend gemacht, vermutlich mehr als Jesus. Er hat dem jungen polnischen Priester Karol Wojtyla einst die Papst-Würde und das Attentat angekündigt. Und selbst nach seinem Tod vollbringt Pio weiter fleißig Wunder.

Folgerichtig hat nun Papst Franziskus den nächsten Ritterschlag annonciert: Die Urne mit den Gebeinen des Heiligen Pater Pio da Pietralcina soll im kommenden Februar, in den Tagen um Aschermittwoch, im Petersdom präsentiert werden. Denn 2016 hat der Papst zum "Heiligen Jahr der Barmherzigkeit" ausgerufen. Und damit das ein Erfolg wird und viele Menschen nach Rom kommen, muss Pater Pio mit von der Partie sein.

Freilich, so manchen im Dienste der Mutter Kirche wird bei dem Pio-Rummel ganz blümerant - nicht nur wegen des erwarteten Massenansturms. Denn in den vatikanischen Archiven reihen sich neben den besiegelten Wundern auch ganz andere Pio-Geschichten. Und wenn die jetzt wieder alle hervorgekramt werden?

"Er kopuliert zweimal wöchentlich mit Frauen"

Bevor Pio der katholische Superstar wurde, hatte er meistens Probleme mit dem Vatikan. Pio wurde lange als frömmelnder Scharlatan eingestuft. Die Zentrale in Rom verbot ihm schon 1923, Messen in der Öffentlichkeit zu zelebrieren, Menschen die Beichte abzunehmen, überhaupt Gläubige zu empfangen oder ihnen Briefe zu schreiben. Zu schrecklich waren die Nachrichten, die viele Jahre lang aus dem Pio-Umfeld nach Rom getragen wurden.

So behauptete etwa ein vom Vatikan zur Observierung Pios nach San Giovanni Rotondo entsandter Monsignore: "Er kopuliert zweimal wöchentlich mit Frauen."

Andere Quellen berichteten von verzückten Gräfinnen und Bäuerinnen, die "seine Prätorianergarde" bildeten und mit denen der Mönch "intime und unanständige Beziehungen" gehabt haben soll. Papst Johannes XXIII. (1958 - 1963 im Amt) sah in alledem ein Werk des Teufels, "diabolisch vorbereitet, zum Schaden der heiligen Kirche in der Welt und besonders hier in Italien". Auch Pater Pio sah in alledem Teuflisches, nur etwas anders als der Papst in Rom: Satan erscheine ihm jede Nacht in vielen Formen und Erscheinungen, um ihn zu drangsalieren und vom rechten Wege abzubringen, manchmal eben auch "in der Gestalt junger Mädchen, die nackt tanzten".

Auch die Wundmale an Pios Körper, ähnlich jenen des gekreuzigten Jesus Christus, waren seinen Oberen lange nicht geheuer. Dazu trug auch der Bericht eines Apothekers bei, von dem der heutige Heilige in seiner Frühphase große Mengen des Nerven- und Insektengiftes Veratrin sowie von ätzender Karbolsäure kaufen wollte. Mit der Säure, das wusste der studierte Pharmazeut natürlich, kann man sich genau solche Wunden zufügen, wie sie Pio hatte.

Und Veratrin wäre durchaus geeignet, die Schmerzen zu lindern, die bei einer solchen Prozedur entstünden. Der gut-katholische Apotheker fragte seinen Bischof, der informierte Rom.

Viel später stieß der Historiker Sergio Luzzatto in den vatikanischen Archiven auf den Vermerk und veröffentlichte ihn 2010. Aber da war Padre Pio schon längst ein Volksheld und hatte so viele Wunder vollbracht, dass historische Kamellen an seinem Lack nicht mehr kratzen konnten.

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