Fotostrecke

Reformer Franziskus: Neues Personal, große Vorbilder

Foto: TONY GENTILE/ REUTERS

Kirchenumbau durch Papst Franziskus "Die Revolution hat begonnen"

Die katholische Kirche könnte sich allmählich als weltpolitischer Akteur zurückmelden. Papst Franziskus hat seinen wichtigsten Posten programmatisch besetzt, er selbst schwingt sich auf zum Friedenskämpfer mit großem Vorbild.

Einige amerikanische Bischöfe, im Norden wie im Süden des Kontinents, wurden schon etwas ungeduldig. Wann würde der von ihnen bei der Papstwahl massiv unterstützte Jorge Mario Bergoglio endlich mit dem Umbau der katholischen Kirche beginnen? Wann endlich die Eitelkeitsgefechte im Biotop Vatikan stoppen und deren Rädelsführer entmachten? Wann endlich neue Themen setzen, die sich mit der Welt, mit den Menschen befassen und nicht länger primär mit dem Innenleben der Kurie in Rom?

Nun dürfte sich die Ungeduld gelegt haben. Und das liegt nicht allein an den skurrilen Aktionen des Papstes: Dass er dicht an dicht mit Jugendlichen für lustige Handyfotos posiert, dass er einen Studenten anruft und ihm das "Du" anbietet. Alles Zeichen neuer Gepflogenheiten, neuer Offenheit gegenüber den Menschen.

Doch nun kommen die großen Botschaften hinzu. Beim Angelus-Gebet am Sonntag in Rom trug Franziskus seine Position im Syrien-Konflikt vor. Natürlich verurteilte er den Einsatz chemischer Waffen und forderte alle Konfliktbeteiligten auf, sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Nichts anderes war zu erwarten gewesen. Aber dann fügte er hinzu - zwar ohne die mögliche US-Intervention ausdrücklich zu erwähnen, aber für alle Zuhörer deutlich genug - dass die "dramatischen Entwicklungen, die sich anbahnen", ihm Angst machten.

"Nie wieder Krieg" in neun Sprachen

Noch eindringlicher wurde Mario Toso, der Sekretär des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden. Im Interview mit Radio Vatikan sagte er, der Konflikt in Syrien enthalte "alle Zutaten, um in einem Weltkrieg zu explodieren". Franziskus selbst griff einen berühmten Satz seiner Vorgänger Pius XII. und Paul VI. auf: "Nie wieder Krieg!", rief er den Tausenden von Menschen auf dem Petersplatz zu; später sandte er dieselbe Botschaft noch einmal in die Welt, per Twitter, in neun Sprachen.

Am kommenden Samstag sollen Katholiken in aller Welt gegen den Krieg fasten und beten - auch das eine eindeutige Geste: Johannes Paul II. hatte zu einem solchen Tag am 5. März 2003 aufgerufen, gegen die drohenden US-Angriffe auf den Irak.

Schon am Samstag vor dem Angelus-Gebet hatte der Papst die politische Wende personell begonnen: Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, 76, die Nummer zwei in der Rangordnung des Vatikan, wird durch den 58-jährigen Erzbischof Pietro Parolin ersetzt. Während der eine im Zentrum der kurieninternen Machtkämpfe stand, zog der andere als Diplomat des "Heiligen Stuhls" um die Welt. Und, auch das gewiss kein Zufall, 2003 gehörte er zu den engen Beratern von Johannes Paul II. in der Irak-Krise.

Die römische Tageszeitung "La Repubblica" schrieb zum Personalwechsel: "Die Revolution hat begonnen."

Wirre Aussagen über Homosexualität und Pädophilie

Bertone war zum Symbol einer mit sich selbst beschäftigten Kirche geworden. Während er sich etwa um die "dritte Prophezeiung der Fatima" kümmerte - ein theologisch-abstraktes und kompliziertes Gebilde - wurde der Vatikan von immer neuen Skandalen und Querelen geschüttelt. Und Bertone, eigentlich der zuständige Top-Manager für die Katholikenzentrale in Rom, kam immer weniger klar.

Ob im Falle des den Holocaust leugnenden Priesters Richard Williamson, ob durch wirre Aussagen zur Nähe von Homosexualität und Pädophilie oder in der "VatiLeaks"-Affäre, in deren Verlauf Berge von internen Briefen und Dokumenten in die Öffentlichkeit lanciert wurden: Bertone bekam nichts in den Griff.

Jetzt darf er noch die internationale Pilgerfahrt in den portugiesischen Marienwallfahrtsort Fátima Mitte Oktober organisieren, dann ist Schluss.

Das Politikgeschäft übernimmt freilich schon jetzt sein Nachfolger, der derzeitige Nuntius in Venezuela, der Italiener Pietro Parolin. Einmischen soll sich die Kirche wieder, so will es Papst Franziskus, nicht nur in Syrien, sondern überall in der Welt. Dabei geht es zum einen um eine moralisch-ethische Aufgabe, zum anderen aber auch um die päpstlichen Pflichten, die der oberste Hirte einer Herde von über einer Milliarde Katholiken hat.

Probleme und Konflikte gibt es zuhauf und rund um den Globus:

  • In China werden Katholiken unterdrückt, Priester verhaftet und gefoltert; auch ist der Kirchenbesitz dort seit Maos Zeiten konfisziert.
  • Im Nahen Osten sind auch Christen auf der Flucht vor gewalttätigen oder kriegerischen Auseinandersetzungen. In manchen Ländern hat sich ihr Anteil an der Bevölkerung von etwa 20 Prozent auf zehn halbiert.
  • Besonders in Syrien leben Christen jetzt in Todesangst, werden sie doch von ihren muslimischen Nachbarn für die Politik "des Westens" verantwortlich gemacht.
  • In Afrika verschärft der Zulauf, den die katholische Kirche dort hat, den seit langem schwelenden und sich regelmäßig in Gewaltorgien entladenden Konflikt mit radikalen Muslimen, etwa in Nigeria und in Kenia.
  • Nicht wirklich bedrohlich für die Menschen, aber ärgerlich für die Kirche, ist die Popularität der evangelischen Sekten in Südamerika. Sie übernehmen ehemalige Katholiken in Scharen, man spricht von 400 Abtrünnigen pro Stunde.

Viel zu tun also für den neuen Kardinalstaatssekretär. In den Gesprächen rund um den Vatikan zur Personalie Parolin wurden Erinnerungen an den wohl berühmtesten seiner Vorgänger wach, Agostino Casaroli. Der führte in den achtziger Jahren die Vatikan-Geschäfte, gilt als Architekt der neuen katholischen Ostpolitik unter Johannes XXIII. und handelte als gelernter Diplomat schwierige Abkommen mit kirchenfeindlichen Regierungen aus, beispielsweise mit Jugoslawien und Ungarn.

Parolin, der jetzt den Job machen soll, hat am Anfang seiner diplomatischen Laufbahn bei Casaroli gelernt.