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»Perversion im klassischen Sinne«

Interview mit dem Hamburger Psychoanalytiker Professor Peter Kastner über die Gefährdung für die seelische Entwicklung von Kindern beim Spielen mit Tamagotchis
Von Nikolaus von Festenberg und Katja Thimm
aus DER SPIEGEL 43/1997

SPIEGEL: Was ist der Unterschied zwischen dem Tamagotchi und einem gewöhnlichen Computerspiel, bei dem es um Geschicklichkeit geht?

Kastner: Bei einem Geschicklichkeitsspiel spiegelt sich meine Geschicklichkeit wider. Wenn dort zehn Flugzeuge abstürzen, dann stürzen nicht real zehn Flugzeuge ab, sondern meine Geschicklichkeit. Das »Als ob« bleibt immer erhalten. Beim Tamagotchi ist das anders. Man kann dort nicht spielen, es sei sieben Uhr früh, sondern das Computerwesen verlangt ganz konkret, daß ich um sieben Uhr früh reagiere. Das Tamagotchi stellt etwas ganz Neues dar: Es ist ein Angriff auf die Lebensrealität.

SPIEGEL: Was ist daran neu?

Kastner: Ich habe mir das, was beim Tamagotchi geschieht, am Beispiel eines Autos überlegt. Jeder hat es doch erlebt, daß man sein Auto streichelt oder schlägt, wenn es nicht anspringt. Das entspricht magischem Denken, und man erwartet keine Reaktion. Aber stellen Sie sich vor, plötzlich antwortet ein von uns magisch benutzter Gegenstand auf magische Weise und verlangt tatsächlich Streicheleinheiten.

SPIEGEL: Optisch wirkt das Küken nicht wie ein Auto, sondern kümmerlich.

Kastner: Es sieht aus wie ein minimalistisch gezeichnetes ovales Etwas. Aber die abstrakte Optik bietet eine wahnsinnige Projektionsfläche: Man kann es als Küken, Ente oder Katze, also als Haustier identifizieren, aber auch als Lebewesen, als Mensch, ja sogar als »Ich«. Meiner Überzeugung nach soll der Unterschied zwischen Halluzination und Realität verwischt werden. Und das macht das Spiel so bedrohlich.

SPIEGEL: Wieso das?

Kastner: Der Spieler geht nicht halluzinatorisch mit einem anderen Gegenüber um. Jeder, der spielt, der sich also kümmert, der bemuttert, meint eigentlich das projektive Sichselber. Er fühlt sich selber nicht genug bemuttert. Der Tamagotchi-Spieler versucht, sein Bedürfnis, bemuttert zu werden, virtuell auszuleben.

SPIEGEL: Mit einem virtuellen Therapeuten?

Kastner: Der Spieler virtualisiert sich gewissermaßen selbst, sein Gefühl der Sorge. Das Tamagotchi wird an die Stelle des Kleinkindes gesetzt; der Spieler ist die gute Mutter.

SPIEGEL: Aber das Kind braucht seine negativen Erfahrungen nicht nur zu kompensieren, es kann sie auch am Tamagotchi 1:1 ausleben?

Kastner: Ja, Kinder merken schnell, daß das Tamagotchi ihnen auch ausgeliefert ist und daß sie sich seiner bemächtigen können. Das ist dann die Projektion des gesamten eigenen Dramas.

SPIEGEL: Die neueste Tamagotchi-Entwicklung in Japan läuft ja auch darauf hinaus, digitale Monster aufeinanderzuhetzen.

Kastner: Ja, das ist nicht die Perversion des Spiels, sondern der psychologisch folgerichtige Schritt. Es geht um das Wechselspiel von Ausgeliefertsein und Beherrschung. Psychisch wird mit zwei Urkräften gespielt: mit Bindung und Tod. Das Tamagotchi ist ein Spiel auf Leben und Tod. Es spielt in der Maske des mütterlich beziehungsweise väterlich Sorgenden mit dem Tod.

SPIEGEL: Wenn der Spieler seinen Pflichten nicht nachkommt, entartet das Tamagotchi. Welches Erziehungsmodell steht dahinter?

Kastner: Ein sehr modernes. Das Wesen auf dem Schirm nörgelt, will etwas und ist erst still, wenn es umsorgt wird. Der Spieler erkennt sich selbst zum einen als Kleinkind wieder, ist aber gleichzeitig in der Rolle des ohnmächtigen Erwachsenen, der von einem quengelnden Quälgeist ständig gefordert und auf Trab gehalten wird.

SPIEGEL: Die Eltern als Sklaven der Kinder?

Kastner: Ja, bevor mein Tamagotchi mir überhaupt signalisiert, daß es Hunger hat, aktiviere ich lieber die »Snack-Funktion« und halte ihn so vorauseilend ruhig. Oder ich gebe ihm etwas zu essen, wenn es das eigentlich nicht möchte, sondern trainiert werden will. Da wird also ein Erziehungsmodell eingeübt, daß man bei vielen Eltern in der Realität bereits beobachtet.

SPIEGEL: Die Ratgeber-Literatur verunsichert die Eltern. Sie wollen nichts falsch machen.

Kastner: Es gibt die Illusion von der Machbarkeit des perfekten Kindes. Das Tamagotchi gaukelt einem vor, daß ein Kind allein durch die Wahl des richtigen Knopfes zur richtigen Zeit schon die richtige Entwicklung nehmen wird. Tut es das nicht, trägt allein »der Erzieher« die Verantwortung.

SPIEGEL: Und all das wird simuliert durch ein Plastikei, kaum größer als ein Fünfmarkstück. Ein letztlich doch faszinierendes Spiel?

Kastner: Aber es verfehlt die menschliche Beziehung. Es ist eine Perversion im klassischen Sinne. Statt des Menschen wird die Funktion besetzt. Das Tamagotchi ist ein wunderschönes Beispiel dafür, wie die Funktion, also die Machbarkeit überschätzt wird: Es reduziert Grundelemente menschlicher Beziehungen, also Gegensatzpaare wie Passivität und Aktivität, Sorgen und Töten, Leben und Sterben, auf brutal vereinfachte, per Knopfdruck zu bedienende Symbole. Es ist der Versuch, in perfide-genialer Weise Urbeziehungsformen auf einen Begriff zu bekommen.

SPIEGEL: Aber jeder Spieler kann doch mit Fug und Recht behaupten, daß alles nur ein Spiel und er im wirklichen Leben ein anderer sei.

Kastner: Klar, man kann alles nur als Spiel sehen. Aber man kann auch die Tiefenstrukturen dahinter wahrnehmen.

SPIEGEL: Jetzt spricht der Analytiker.

Kastner: Im Tamagotchi wird eine Wirklichkeit hergestellt, die nur als Spiel akzeptabel ist. Wenn in der Gebrauchsanweisung stehen würde: Vorsicht, Sie werden keine echten Kinder mehr haben, Sie werden keine echte Sorge mehr haben, Sie werden Beziehungen nur noch virtuell erleben, das würde keiner verantworten.

SPIEGEL: Herzlos werden die Kinder nicht. Es gibt sogar einen Friedhof im Internet, der von Tausenden genutzt wird.

Kastner: Der Eifer, mit dem Kinder und Jugendliche ihre Begräbnisrituale im Internet veranstalten, läßt vermuten, daß sie affektiv viel mehr betroffen sind, als sie zugeben wollen. Sie tun so, als ob der Tod ihnen nicht wirklich etwas bedeutet. Aber ihre inneren Besetzungen sind wirklich: Psychologisch gesehen ist der Unterschied zwischen einem wirklichen Haustier und einem wirklichen Tamagotchi leider nicht sehr groß. Je mehr wir uns an die künstlichen Computerwelten gewöhnen, um so weniger messen wir sie daran, ob sie wirklich oder unwirklich sind. Aber der Spieler bleibt mit dem Schuldgefühl zurück, sein Tamagotchi ermordet zu haben. Und das muß er erst einmal verarbeiten.

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