Petersdom Umstrittener US-Kardinal zelebrierte Messe für den Papst

Entrüstung unter amerikanischen Katholiken: Bernard Law, einst Erzbischof von Boston, zelebrierte heute eine wichtige Messe im Petersdom. Der Geistliche war von seinem Amt zurückgetreten, weil er Missbrauchsskandale in seiner Diözese eher vertuscht als aufgeklärt hatte.


Kardinal Law: Missbrauch gedeckt
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Kardinal Law: Missbrauch gedeckt

Hamburg - Führende Mitglieder der Gruppe Survivors Network of those Abused by Priests (SNAP) hatten laut "New York Times" angekündigt, nach Rom zu fliegen, um gegen die Entscheidung des Vatikans zu demonstrieren, Kardinal Law eine der Novendiali-Messen zelebrieren zu lassen. In einer neuntägigen Trauerperiode wird täglich im Petersdom ein feierlicher Gottesdienst für den toten Papst abgehalten. Tatsächlich kam es während der Zeremonie jedoch zu keinen nennenswerten Protesten. Einige wenige Aktivisten verteilten vor dem Gottesdienst Flugblätter.

Law war im Dezember 2002 als Erzbischof von Boston zurückgetreten, als Gerichtsakten belegten, dass er Missbrauchsskandale in seiner Diözese unter den Teppich zu kehren versucht hatte. Die Anwälte von 450 Klägern warfen Law vor, er habe von dem Kindesmissbrauch gewusst und die Schandtaten seiner Pfarrer gedeckt. Priester, die Kinder sexuell missbraucht hatten, versetzte er einfach in eine andere Pfarrei, in der die Kirchengemeinde nichts von den Verbrechen des Geistlichen wusste. Die Erzdiözese zahlte nach Laws Rücktritt mehr als 86 Millionen Dollar Wiedergutmachung an Opfer von geistlichen Kinderschändern.

Schmerzlich für die Opfer und peinlich für alle Katholiken sei es, schimpfte SNAP, dass dieser Kardinal nun eine der wichtigen Messen halten durfte. "Wir möchten niemandem, der einen Trauergottesdienst für den Heiligen Vater besucht, zusätzliche Schmerzen bereiten", zitierte die "New York Times" im Vorfeld Snap-Gründerin Barbara Blaine. "Aber wir befürchten, dass viele Katholiken, die da hingehen, nicht wissen, was Kardinal Law für eine Geschichte hat. Deshalb wollen wir sie informieren."

Ann Hagan Webb, selbst Missbrauchsopfer und eine Koordinatorin von SNAP, klagte: "Er schützte immer wieder Priester auf Kosten von Kindern." Der heutige Gottesdienst habe gezeigt, dass diese Kinder der Kirche egal seien und sie lieber Law ehrten.

"Im besten Fall könnte man sagen, es ist taktlos", heißt es in einem Statement der Gruppe, "und das zu einer Zeit, in der Millionen Katholiken versuchen, sich auf das Leben und den Tod des Papstes zu konzentrieren."

Doch ist es freilich Bestandteil dieses Lebens, dass Law in als einer der römischen Kardinäle in der Position ist, die umstrittene Messe zu zelebrieren. Denn Johannes Paul II., für den der Trauergottesdienst abgehalten wurde, war dafür verantwortlich, dass Law noch immer eine wichtige Stellung in der katholischen Kirche innehat. Der Pontifex sah selbst keine besonders große Schuld seines Kardinals. Anstatt einer Strafe zog er Law lediglich aus der Schusslinie - indem er ihn zu sich nach Rom holte. In seiner Eigenschaft als Erzpriester von Santa Maria Maggiore, einer der vier vatikanischen Basiliken in Rom hat Law nun die Messe für den Toten zelebriert.

Doch auf Law kommt nun noch eine gewichtigere Aufgabe zu. Er ist einer von 117 Kardinälen, die ab dem 18. April in der Sixtinischen Kapelle den nächsten Papst wählen.



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