Petersplatz Kribbeln, pfeifen, wedeln, klatschen

Es war eine Stimmung wie auf einem Volksfest, und ein bisschen wie bei der Oscar-Verleihung. Auf dem Petersplatz in Rom wurden Zehntausende Menschen Zeugen des historischen Moments, als der neue Papst bekannt gegeben wurde.



Auf den ersten Blick wirkt es, als würde das Ergebnis irgendeiner Fußballweltmeisterschaft bekannt gegeben. Es werden Fähnchen geschwenkt, mexikanische, brasilianische, italienische Fähnchen, auch zwei deutsche. Jemand hat ein Nebelhorn mitgebracht, ein anderer hält einen Fan-Schal "Polska" über die Menge. Hoffen kann man ja.

Es ist windig, die Wolken sind so zerrissen, dass auch sie für weißen Rauch gehalten werden können. Erst als kurz vor 18 Uhr die beiden Großbildschirme den Schornstein in Nahaufnahme zeigen, ist es wahr, was man zu sehen glaubt. Die Menge auf dem Petersplatz lässt einen einzigen Schrei los, als wäre jemand vom Dach gestürzt. "Viva il Papa!", brüllt ein Priester. "Viva il Papa!"

Die argentinischen Pilger wedeln mit ihren Fahnen und tippen zwischendurch in ihre Handys. Die Glocken! Zwanzig Minuten läuten die Glocken vom Petersdom, es wird geklatscht, skandiert, telefoniert. Aber auf dem Balkon des Doms zeigt sich niemand. Noch nicht.

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Rom: Beifall, Jubel, Freudentränen

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Die Leute versuchen es mit rhythmischem Klatschen, mit Stadion-Tröten, Rufen, und manche - so zeigt es jedenfalls Vatikan-TV in Großaufnahme - drehen auch einen Rosenkranz in den Fingern. Eine Blaskapelle ist von den Kolonnaden her zu hören. Warum zeigt sich niemand? Nach 30 Minuten fängt es an zu tröpfeln, nach vierzig Minuten kommt ein Gehilfe und zieht die kardinalsroten Samtvorhänge vor. Jetzt ist es wie im Theater.

Es mag sein, dass es nur "um die gute Person" geht, wie Kardinal Walter Kasper gesagt hat. Aber auf dem Petersplatz wartet jetzt nur noch jeder auf seinen Kandidaten. Vor allem die Südamerikaner hoffen. Kein Kontinent hat mehr Katholiken aufzuweisen, keiner hat mehr Fahnen auf den Petersplatz gebracht. "Viva il Papa!", brüllt der Priester.

Der chilenische Kardinal Jorge Arturo Medina Estevez kommt durch den Vorhang, neben ihm zwei Assistenten. "Freuet Euch", sagt er, und das tun auch alle. Sie klatschen, pfeifen, rufen, wedeln mit ihren Nationalflaggen und Handys. "Habemus papam!" - "Psssst! Pssssst...." Es ist das Gefühl der Oscar-Verleihung. Es ist der Kitzel der Bekanntgabe der Abi-Ergebnisse. Das Kribbeln beim Mittwochs-Lotto nach der vierten richtigen Ziffer. Es ist sehr, sehr spannend. Als Estevez in seinen lateinischen Sätzen den Vornamen nennt, "Josephus", ist es allen klar. Ratzinger. Tatsächlich Ratzinger.

Wieder kein Lateinamerikaner. Die Argentinier wissen nicht, ob sie jetzt klatschen sollen. "Viva il Papa", brüllt dann der Priester. Da rufen sie es auch: "Viva il Papa!"

Es ist Freude, kein Enthusiasmus. Erleichterung, kein Glück. Aber dann jubeln sie, freuen sich mit dem alten, so ungewohnt gerührten und glücklichen Mann da oben auf dem Balkon. Dem 264. Nachfolger Petri. Sie schwenken ihre Nationalflaggen und irgendjemand, vielleicht wieder der Priester, fängt an zu skandieren: "Be-ne-det-to! Be-ne-det-to!"

Die Blaskapelle der Karabinieri marschiert auf. Und als sie zum Spielen ansetzt, erwartet man die deutsche Nationalhymne. Unwillkürlich.

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