Philippinischer Seemann in Hamburg Fern der Heimat

Der Seemann Done Balmes Birondo stammt von den Philippinen, aus Roxas City. Während seine Familie im Katastrophengebiet ums Überleben kämpfte, saß Birondo am Flughafen von Manila und wartete auf seine Maschine nach Deutschland. Nach dem Sturm folgten Tage quälender Ungewissheit.

Seemann Birondo: Minütlich die Nummer der Mutter gewählt
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Seemann Birondo: Minütlich die Nummer der Mutter gewählt

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Hamburg - Während der Taifun "Haiyan" über Roxas City fegt, kauert die schwangere Rena Amores mit ihrer Schwiegermutter und der dreijährigen Tochter unter dem Altar in einer Kirche. Ihr Mann Done Balmes Birondo ist weit entfernt. Er sitzt am Flughafen von Manila und wartet. Auf ein Lebenszeichen von seiner Familie und auf den Flug nach Hamburg. Der Seemann wird dort an Bord eines Schiffes gehen - Sturm hin oder her.

Am Tag nach seiner Ankunft in Deutschland wartet der 33 Jahre alte Philippiner in der Seemannsmission Altona auf seinen Bus zum Schiff. Er hat braune Haare, ist nicht sonderlich groß gewachsen. Er lacht nur selten, aber sein Blick ist freundlich. Immer wieder betont er, wie stolz er auf seine Familie ist, er will unbedingt aus der Ferne helfen und für sie da sein. Er wolle seine Geschichte erzählen, weil nur so die Katastrophe für die Welt greifbar sei.

"Meine ganze Familie hat den Sturm überlebt", sagt Birondo. Das sei das Allerwichtigste. Seine Angehörigen leben auf der Insel Panay, ihre Häuser standen dem Sturm im Weg. "Aber das kann man wieder aufbauen."

Seine Mutter, Frau und Tochter retten sich vor dem Sturm in die Kirche. Schon bald fegt der Wind das Dach weg. "Ich konnte noch kurz mit ihnen telefonieren, dann riss die Verbindung ab." Zwei Tage Funkstille.

"Ich habe fast minütlich die Nummer meiner Mutter gewählt, aber die Leitung war tot." Wenn er noch einen Tag länger nichts von ihr gehört hätte, wäre er sofort zurück nach Roxas geflogen, sagt er. Unerträgliche Stille. Nur die Bilder der Verwüstung im Fernsehen. "Ich habe viel geweint", sagt Birondo.

"Sie hatte eine tränenerstickte Stimme"

Dann endlich kommt die SMS mit der Entwarnung. Später läuft die Mutter in ein Einkaufszentrum in der Nähe, um ihr Handy aufzuladen. Von dort aus ruft sie an. "Sie hatte eine tränenerstickte Stimme, aber so klingt sie oft, wenn wir über so große Distanzen telefonieren", sagt Birondo und ringt sich beinahe ein Lächeln ab. Ihnen allen gehe es gut, sagt die Mutter, auch seiner Frau Rena Amores, die im vierten Monat schwanger ist.

Seine Familie kehrt nach dem Sturm in das zurück, was einmal ihr Haus war. Ein entwurzelter Baum hat es unter sich begraben. Zwei SMS am Tag bekommt Birondo seither. Mehr Kommunikation ist noch nicht möglich. "Rena hat geschrieben, dass, egal wo man hinschaut, alles platt ist und es überall gleich aussieht", sagt Birondo. Aber die Frauen tun, was sie können. "Sie haben eine Plane gespannt, so dass sie nicht vom Regen nass werden", sagt der Seemann. Sie essen die Lebensmittelvorräte, auf einem kleinen Feuer kochen sie Reis und manchmal ein Ei oder Fisch. "Aber das Feuerholz ist vom Regen durchnässt, es dauert ewig, bis das Wasser kocht." Auch das Trinkwasser, das sie aus einem Loch im Boden fördern, müssen sie erst abkochen.

Was genau die Frauen jeden Tag erleben, welches Grauen ihnen in den Trümmern begegnet, das weiß Birondo nicht. "Sie erzählen fast nichts darüber, und ich sehe die Bilder ja im Fernsehen." Nur einmal habe seine Frau von der Plünderung des Einkaufszentrums erzählt. "Aber sie waren daran nicht beteiligt, das ist zu gefährlich."

Wenn Birondo nun an Bord des Schiffes geht, die kommenden vier Monate durch Europas Häfen fährt und an Deck Malerarbeiten erledigt oder den Boden wischt, dann tut er das vor allem für seine Familie. Von den monatlich rund 1000 Euro, die er als Seemann verdient, überweist die Reederei rund 700 Euro direkt an die Angehörigen zu Hause. "Das hat aber nichts mit dem Sturm zu tun, ich zahle auch das Schulgeld für meinen jüngsten Bruder", sagt Birondo, der das älteste von sieben Kindern ist.

Dass er jetzt nicht bei seiner Frau und der Tochter sein kann, das mache ihm nichts aus, sagt er. "Wir brauchen das Geld, und ich weiß, dass es ihnen gut geht." Seit fünf Jahren fährt er monatelang zur See. Dann hat er zwei Monate Urlaub. Trotzdem hätte er lieber einen Job in seiner Heimatstadt. "Eine kleine Supermarktfiliale zu eröffnen, wäre mein Traum. Aber dafür reicht mein Geld natürlich nicht."

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