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HANDEL Pilger zum Goldenen Vlies

Immer samstags kommt über das baden-württembergische Städtchen Metzingen ein Kaufrausch ohnegleichen. Dann fallen zigtausende von Kunden in das Mekka der Schnäppchenjäger ein.
aus DER SPIEGEL 2/2000

Alarm im Bingo-Schnäppchen-Markt: Diesmal ist der Preis so heiß, dass sogar die Feuerwehr ausrücken muss. Vorbei an Bussen aus Tschechien und Polen, hetzt der Zwölf-Mann-Trupp über die verstopften Zufahrtsstraßen zur alten Korkfabrik. Hoch in den zweiten Stock, wo mal wieder die Preisbomben, Preiskracher, Preisböller explodieren. Wo sich Menschen in der schwülen Sommerhitze im Gedränge quetschen, hyperventilieren, umkippen. Und wo Kommandant Hartmut Holder sofort erkennt, dass er nur noch eine Wahl hat: Evakuieren! Lüften!

Es gibt Feuerwehreinsätze in Metzingen, die gibt es nur in Metzingen, so wie man nur in Frankfurt Lebensmüde aus dem 50. Stock retten kann und nur auf Helgoland oder Rügen Touristen aus einem stecken gebliebenen Kliffaufzug. In Metzingen, und nur in Metzingen, kann man Schnäppchenmärkte wegen Überfüllung evakuieren.

Die Kleinstadt am Fuß der Schwäbischen Alb ist Deutschlands Hauptstadt der Smart-Shopper. Mit 42 Firmen an 30 Standorten hat das 21 000 Einwohner zählende Metzingen heute die höchste Dichte an Fabrikverkäufen in der Republik. Keine andere Gemeinde hat sich dem Direktverkauf so verkauft, keine andere profitiert so von den Vorteilen und kapituliert so vor den Nachteilen wie das Schwaben-Städtchen. Ein ganzer Ort im Rhythmus von Ebbe und Flut der Billigkäufer.

Samstags wie brückentags machen sich tausende Kaufrausch-Junkies auf den Trip, Süchtige einer Konsumhysterie, wie man sie andernorts per Gesetz auf Sommer- und Winterschlussverkauf beschränkt hat. Es sind die gleichen Angefixten, die am Wochenende mit dem Auto zu Lloyd nach Sulingen, zu Adidas nach Herzogenaurach und für Rolf Benz nach Nagold rasen, immer auf Speed für das Glücksgefühl, teure Marken für weniger Märker zu bekommen.

Jung, mobil, kaufkräftig, lassen sie in Deutschland bei 2000 Herstellern den Fabrikverkauf boomen und ständig neue Pläne für Factory-Outlet-Center (FOC) mit mehreren Firmen unter einem Dach sprießen. Allein für die nächsten zehn Jahre rechnen Handelsexperten wie Joachim Will von der Ludwigsburger Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung mit 15 FOC und 3,5 Milliarden Mark Jahresumsatz bundesweit. In Metzingen aber gibt es das Glück aus dem Geldbeutel bereits heute als Vollrausch.

Abhängige erkennt man schon kurz hinter der Autobahnabfahrt zur B 313, zum Beispiel an einem schwarzen Golf Cabrio mit Münchner Kennzeichen, dem man spätestens ab Nürtingen blind hinterherjagen kann. Golf sei Dank führt der Weg schnurstracks zum Parkplatz des Herrenschneiders Hugo Boss, dem Hauptdealer des Ortes und einzigem Grund, dass in den vergangenen drei Jahren drum herum auch Nobelmarken wie Joop, Escada, Bogner und Bally ihre »Outlets« in die Provinz gebaut haben.

Wenn er nicht so lukrativ wäre - Schätzungen gehen auf zehn Prozent des Gesamtumsatzes -, wäre der Firma Boss der Billigverkauf allerdings so peinlich, dass sie ihn erst gar nicht ausschildern würde. Früher gab es überhaupt keine Wegweiser zur Kanalstraße, heute führen immerhin Pfeile zu »Hugo Boss Fabrikverkauf«, wenn auch mit so dezenter Kleinschrift bedruckt, als verticke man im Hinterhof Hehlerware.

Metzinger haben deshalb gelernt, an heruntergekurbelten Autoscheiben den Weg zu beschreiben, und wenn sie es nicht gerade leid sind, verrichten sie ihren Kundendienst mit Stolz und niemals ohne den schwäbischen Adelstitel, den Dativ: So wie man in Stuttgart »beim« Daimler arbeitet, fährt man in Metzingen »zum« Boss, was für mehr als 1000 Männer und Frauen auch im üblichen Sinn stimmt: Boss ist der größte Arbeitgeber des Ortes, sein größter Laden und sein größtes Geschäft.

»Metzingen lebt vom Boss«, sagt Hauptamtsleiter Karl Schnizer, 63, unumwunden, im vergangenen Jahr sprudelte wieder ein achtstelliger Gewerbesteuer-Betrag in die Gemeindekasse. Da weiß auch Oberbürgermeister Dieter Hauswirth, 49, was er seinem Boss schuldig ist. Als Hauswirth vor einem halben Jahr nach Metzingen kam ("Ich kannte das vorher nur vom Fabrikeinkauf"), leistete er sich zur Amtseinführung extra einen dunkelblauen Dreiteiler mit dem Vier-Buchstaben-Etikett innen rechts.

Wallfahrtsort der Warenwelt zu sein - dazu bekennt sich die Große Kreisstadt mittlerweile aus Überzeugung, auch wenn die Nachbarstädte die Pilgerfahrten zum Goldenen Vlies für ein ziemlich unheiliges Treiben halten. »Wir sehen das mit Sorge«, murrt Reutlingens Baubürgermeister Winfried Engels, der um den eigenen Einzelhandel bangt. Schließlich kaufen nicht nur Fernreisende im wahrscheinlich einzigen Klamottenladen Deutschlands, der einen »Meeting Point« braucht. Auch Kundschaft aus dem Umland stellt sich stoisch in die 15-Meter-Schlange vor den Boss-Kassen, mit Sakkos für 98 Mark, Strümpfen ab 8, Hemden zu 79.

Für Metzingens Oberbürgermeister Hauswirth hingegen steht fest: »Wir müssen weiter mit den Pfunden wuchern, die wir haben.« Und weil die Familie Holy den Metzingern heilig ist, dürfen die Ex-Eigentümer von Boss, Stifter des örtlichen Wirtschaftswunders und schon heute Vermieter für Escada, Joop und Bally, bald einen weiteren Gebäuderiegel für die Prozent-Paradiese bauen. Mehr Platz für mehr Marken, mehr magische Preise, mehr Manager aller Länder, die sich hier mit Lust an Lowcost in die Niederungen der Selbstbedienung herablassen.

Schweden und Schweizer, Franzosen und Finnen, Griechen, Kroaten und größere Gruppen glücklicher Japaner streifen bei Boss die Stahlstangen entlang und hinterher durch den Outlet-Distrikt südlich der B 28. Knapp 60 Prozent der Käufer haben nach einer Studie der Universität Tübingen Abitur oder Hochschulabschluss, zwei Drittel mehr als 4000 Mark netto, und die Hälfte der Kunden gibt mehr als 250 Mark aus - gute Gründe für die Stadt, das Geschäft zu pflegen.

Für sie geht es deshalb nur noch darum, die Suchtfolgen zu lindern: Mit einem Bypass gegen den Verkehrsinfarkt auf der B 28, auf der sich jeden Tag 30 000 Autos durch die Stadt schieben, und mit schmerzstillenden Mitteln für den örtlichen Einzelhandel - oder was davon noch übrig geblieben ist. Ein Herrenfachgeschäft - für eine Stadt dieser Größe gewöhnlich Stolz und Stütze des örtlichen Einzelhandels - hat es in Metzingen ohnehin nie gegeben. Die ganze Produktpalette in der Innenstadt wirkt wie ein Accessoire für die Großen da draußen, auf der anderen Seite der Hauptstraße.

»Zum Teil ist man machtlos«, gesteht die Vorsitzende des örtlichen Gewerbevereins, Gabriele Bazlen. Zum anderen Teil betreibt selbst die Frontfrau der schwer geprüften Kaufmannschaft einen Lederfabrikladen gleich neben Boss und räubert dort mit Textilien sogar noch in fremden Sparten.

Textilspezialist Horst Lesa, 65, dessen Frau die »Ingrid Wöllner-Fashion«-Boutique in der Fußgängerzone führt, fühlt sich deshalb von allen verkauft - von der Stadt, der Gewerbelobby, den Herstellern. Drei Marken hat er schon aus dem Sortiment geworfen, weil sie ihm ein Outlet vor der Nase aufgemacht haben. Jetzt steht »Max Mara« auf seiner »Abschussliste«.

Bundesweit fühlen die Einzelhändler mit den Kollegen, brandmarken den Vertriebskanal Metzingen als Vertriebsskandal. »Ganz Metzingen ist ein einziges Factory-Outlet-Center«, ärgert sich der Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels (BTE), Jürgen Dax, und mokiert sich über »den völlig falschen Weg der Vermarktung«.

Und Rolf Pangels von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels (BAG) wirft der Stadtverwaltung sogar die »Verramschung des ganzen Ortes« vor, Fabrikverkauf sei das eine, Metzingen eine andere Dimension - »da müssen wir uns wehren«.

Die Geheimnistuerei, mit der die Hersteller selbst läppischste Informationen über ihre Outlets zur Verschlusssache machen, nährt das Misstrauen: Stefan Laban, Leiter Einzelhandel bei Escada, verrät immerhin, dass sich für den Damenveredler die Trittbrettfahrerei bei Boss mit zweistelligen Millionenumsätzen ausgezahlt hat. Boss-Sprecher Godo Krämer hat dagegen strengste Anweisung, keine Zahlen zu nennen, und wäre es nur die Größe der Ladenfläche. Joop bittet noch um schriftliche Fragen.

Gesprächiger wird Boss höchstens, wenn es um die Philosophie des Fabrikverkaufs geht: Die aktuelle Kollektion, alle Größen, alle Farben, gediegene Atmosphäre und geduldige Beratung finde man nur im Fachhandel. Im Outlet kämen dagegen ausschließlich Fehlstücke, Rückläufer und Musterkollektionen in die Tüte, die bei Boss aus braunem Packpapier, ohne Namenszug und so unauffällig ist, als wäre sie für eine Lösegeldübergabe im Fernsehkrimi geklebt worden.

Die Handelslobby gibt nicht viel auf die Beteuerungen. »So viel Schrott kann Boss gar nicht produzieren, wie dort an Ware verkauft wird«, glaubt BTE-Geschäftsführer Dax. BAG-Mann Pangels will mal als Testkäufer für Peek und Cloppenburg zwei Anzüge in Metzingen gekauft haben, die zur gleichen Zeit bei P+C im Laden gehangen hätten. »Da schauten höchstens zwei Fäden aus dem Knopfloch, und schon war es angeblich zweite Wahl.«

So oder so - den Kunden, die ihre Boss-Anzüge gewöhnlich nicht nach einem Jahr in den Altkleidersack des Roten Kreuzes stecken, ist es ohnehin egal, ob der klassische Zweireiher, dunkelblau, doppelt geschlitzt, aus der aktuellen oder vergangenen Kollektion stammt. Mag Boss-Sprecher Godo Krämer auch behaupten, »dass Sie die modische Aussage dort nicht finden« - mit solchen Entbehrungen können tausende von Tütenschleppern im Fabrikverkauf offenbar ganz gut leben.

Es gibt andere Verluste, schmerzlichere. Wer einmal an einer beschaulichen Nebenstraße aufgewachsen ist, in der Nähe einer kleinen, unbedeutenden Textilfabrik, lange bevor der Name der Textilfabrik auf Formel-1-Autos herumfuhr oder Boris Becker beim Matchball zur Seite stand, der weiß, was schlimmer ist: der Totalverlust von Wohnqualität.

Zur Entschädigung kann der Rechtsanwalt Holger Weiblen, 37, Privatanschrift »Kanalstraße 34«, besser bekannt als Boss-Outlet-Adresse, ganz wunderbar Geschichten erzählen. Geschichten vom Parkplatzsuchen, von fiebrigen Fahrern, die verlassen von allen Sinnen und guten Sitten ihren Wagen in die Rabatten rammen, so als würden die Rabatte für Schnäppchenjäger nur nach einer Hetzjagd verteilt.

»Boss-Kunden laufen nicht, die rennen, aus Angst, dass gerade die letzte Hose über den Tresen geht«, grantelt Weiblen und erzählt eine seiner Lieblingsepisoden - die vom Nachbarn, der mit dem Getränkelaster in seiner Einfahrt festsitzt, weil sich ein Falschparker davor geklemmt hat. »Kommt der endlich zurück, setzt seinen Wagen raus, aber ehe der Nachbar noch am Steuer sitzt, flutscht schon der Nächste in die Lücke.«

In jeder anderen deutschen Stadt würden jetzt natürlich drei Abschleppwagen in die Geschichte preschen, aber in Metzingen wird nicht abgeschleppt, ist nie abgeschleppt worden, zumindest kann sich niemand daran erinnern. Außerdem wäre dann die Kanalstraße eine Viertelstunde lang blockiert. Man wolle ja die Kirche im Dorf lassen, beschwichtigt Oberbürgermeister Hauswirth und meint nicht Kirche, sondern Kunde. »Denken Sie mal, was das für Umstände machen würde, wenn einer aus Dortmund kommt, und dann ist sein Wagen weg.«

So viel rührende Fürsorge wünschte sich auch Weiblen manchmal. Früher, als die Stadt noch kein Schild und keinen Wachtmeister aufgestellt hatte, um die Boss-Kunden am Eingang des Wohngebiets zu stoppen, haben sie sich mal zu einer kühnen Protestaktion verstiegen. »Wir besetzen unsere eigenen Parkplätze«, hieß das Happening, dazu holten alle Nachbarn ihre Autos, Fahrräder, Kinderwagen aus der Garage und stellten sie demonstrativ auf den Seitenstreifen.

Großen Eindruck macht das auf die Outlet-Betreiber nicht. Für einen Ortstermin hatte die Bürgerinitiative Haugenrain vor der Kommunalwahl im Oktober 15 Firmen angeschrieben. Zwei sagten ab, der Rest fehlte unentschuldigt. Boss-Sprecher Krämer bestätigt unverblümt, dass man mit Stadtverwaltung und Lokalpolitik nicht viel zu tun habe. Wenigstens zahlt das Unternehmen für einen Bus, der zu einem Schotterparkplatz am Ortsrand pendelt, wenn auch mäßig gefüllt. Und immerhin lässt Boss im Laden Autokennzeichen über Lautsprecher ausrufen, die mal wieder Weiblens Ausfahrt blockieren.

Um alle Probleme auszurufen, von der Windel im Vorgarten bis zum wild Pinkeln, müsste der Herrenschneider allerdings einen eigenen Radiomoderator beschäftigen. Dankbar wären zum Beispiel Anwohner der Wiesenstraße für eine Kundeninformation, dass sich Ladendiebe entweder gleich im Laden oder bitte überhaupt nicht schnappen lassen sollen, jedenfalls nicht an der Wiesenstraße, wo Langfinger erfahrungsgemäß wegen der guten Fluchtwegverbindung am liebsten ihre Autos parken. Vor kurzem, empört sich Weiblen, rannte dort ein Polizist einem Dieb mit gezogener Pistole hinterher. So etwas ist man in Metzingen eigentlich nicht gewöhnt.

Dass der Fabrikverkauf zur Stadt gehört wie der Rokokobrunnen von 1758, weiß aber auch Weiblen. Schließlich ist der Mann inzwischen CDU-Stadtrat und kann nicht leugnen, dass das Rabatt-Rambazamba auch viele Vorteile bringt. Nicht zuletzt den edlen Steinboden im neuen Rathaus - indischer Marmor, gegen den Carrara-Marmor geradezu ein Schnäppchen sein soll.

»Wir Metzinger sind ja stolz darauf, dass man überall in der Welt weiß, wo Metzingen liegt«, bekennt Weiblen und will das auch nicht ändern. Deshalb soll jetzt wieder mal der »Wildwuchs« eingedämmt werden, der sogar Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Walter Döring ins Auge sticht, wenn er mal in Metzingen ist - zum Beispiel zum Fabrikeinkauf.

Schon hat die Verwaltung deshalb Sperrzonen ausgewiesen und ein Marketing-Konzept für die Innenstadt in Arbeit. Doch solange man sich auch im Rathaus versonnen über den Ärmel seines »echten Kaschmir-Kittels« streichelt - so ein einmalig verarbeitetes Stück zu einem Preis, man glaubt es nicht - so lange muss sich kein Schnäppchen-Junkie sorgen, dass ihm sein Samstagsrausch entzogen werden könnte. Das ist 100-prozentig sicher und damit das Einzige, worauf es in Metzingen nicht ein Prozent Abschlag gibt. JÜRGEN DAHLKAMP

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