Piraten Aufrüstung auf hoher See

Ein toter Kapitän, Soldaten an Bord von Handelsschiffen, Rekordlösegelder und fast täglich Schießereien: Nach zwei Monaten relativer Ruhe eskalieren die Auseinandersetzungen vor der Küste Somalias. Piraten, Reeder und die internationale Schutzflotte haben den Einsatz erhöht - und die Zahl der Opfer steigt.

AFP

Von , Nairobi


Als Piraten am vergangenen Montag den Chemiefrachter "MV Theresa VIII" mit 28 südkoreanischen Seeleuten an Bord attackierten, fackelten sie nicht lange. Den Kapitän, der noch Leuchtraketen abgefeuert hatte, verletzten sie mit Schüssen so schwer, dass er einen Tag später starb. Angeblich soll er noch an Land gebracht worden sein, um dort medizinisch versorgt zu werden . "Als er auf das Schiff zurück kam, war er schon in schlechter Verfassung", erklärte ein Sprecher der Piraten. Kurz danach sei er gestorben. Es war der 200. Vorfall mit Piraten, den die "Seefahrer Vereinigung" in Mombasa in diesem Jahr registrierte.

Ruppig ging es immer zu, wenn Piraten vor Somalia Geiseln nahmen. Doch bis auf wenige Ausnahmen kamen die Entführten weitgehend unversehrt wieder frei. Das hat sich dramatisch geändert. Der Einsatz, die Lösegeldforderungen und die Risiken auf beiden Seiten sind beträchtlich gestiegen.

Am Dienstag ließen Piraten vor Haradheere das spanische Fangschiff "Alakrana" nach knapp sieben Wochen Geiselhaft wieder fahren - gegen ein Lösegeld von vermutlich knapp vier Millionen Dollar. Genaue Zahlen kennt niemand, und die spanische Regierung bestritt, überhaupt gezahlt zu haben. "Die Regierung hat getan, was zu tun war", sagte Premier Jose Luis Zapatero lapidar. Doch die Verhandlungen waren ungewöhnlich schnell abgeschlossen - es dürfte sich um eine der höchsten Zahlungen gehandelt haben, die überhaupt je an Piraten erfolgt ist.

Zählgeräte an Bord, um beim Lösegeld nicht übers Ohr gehauen zu werden

Der mutmaßlichen Zahlung war ein nervenaufreibender Poker vorausgegangen. Die Spanier hatten unmittelbar nach der Entführung zwei Kidnapper geschnappt, nach Spanien geschafft und vor ein Gericht gestellt. Die Kidnapper drohten daraufhin, drei Seeleute der "Alakrana", die sie an Land gebracht hatten, den Angehörigen der Inhaftierten zu überlassen oder sie gar zu töten, sollte das Duo in Spanien nicht unverzüglich freikommen. Das geschah nicht, und am Ende war das Lösegeld für die Mehrheit der Piraten offenbar so lukrativ, dass sie ihre Freunde in Spanien ihrem Schicksal überließen.

Nach der Übergabe des Lösegeldes nahm ein Helikopter der spanischen Marine die letzten Piraten auf dem Weg an die Küste zwar noch unter Beschuss, doch die Kidnapper erreichten das Land unversehrt. Dort, so berichtete die somalische Nachrichtenagentur Mareeg, brachen jedoch Schießereien zwischen rivalisierenden Banden aus, als es um die Verteilung der Beute ging.

Das Lösegeld wird höher, zugleich aber auch der Einsatz der Piraten. Längst haben sie den Golf von Aden und die Küstenregion von Somalia verlassen und fahren weit aufs offene Meer hinaus. Am 9. November griffen sie tausend Seemeilen vor der somalischen Küste mit zwei Schnellbooten einen 360 Meter langen chinesischen Riesentanker an. Der erhöhte das Tempo, fuhr Zickzack und konnte schließlich entkommen. Doch der Vorfall belegte erneut, dass die Piraten ihr Operationsgebiet so weit in den Indischen Ozean ausgedehnt haben, dass ein umfassender Schutz durch Kriegsschiffe nicht mehr möglich ist.

Überhaupt haben die Piraten kräftig aufgerüstet. Ihre Boote sind seetüchtiger geworden, sie operieren häufig von Mutterschiffen aus und sind mit leistungsfähigen GPS-Geräten ausgestattet. Sie haben Zählgeräte an Bord, um beim Lösegeld nicht übers Ohr gehauen zu werden. Wiederholt hatten sie in der Anfangsphase ihrer Kidnappings Falschgeld oder veraltete US-Dollar angedreht bekommen.

Als Sicherheitskräfte zurückfeuerten, drehten die Piraten schleunigst ab

Und doch müssen sie inzwischen immer häufiger mit robuster Gegenwehr rechnen. Noch vor zwei Jahren war es gängiger Komment in der internationalen Handelsschifffahrt, dass Schusswaffen an Bord ziviler Schiffe nichts verloren haben. Das hat sich gründlich geändert.

Die rund zehn französischen Thunfisch-Fangschiffe im Indischen Ozean haben sämtlich Soldaten an Bord, auch die Spanier haben ihre 33 Fangschiffe, darunter 18 unter spanischer Flagge, nach der Entführung der "Alakrana" und heftigen innenpolitischen Debatten mit Sicherheitspersonal verstärkt. US-Schiffe sind, wie man seit vergangener Woche weiß, zwischen dem Golf von Aden, den Seychellen und Mombasa zumindest teilweise bewaffnet.

Zum zweiten Mal wollten Freibeuter am vergangenen Dienstag das US-Handelsschiff "Maersk Alabama" kapern. Schon einmal, im vergangenen April, hatten sie es versucht, schließlich den Kapitän als Geisel genommen und Lösegeldforderungen gestellt. Scharfschützen eines US-Kriegsschiffes erschossen damals in einer spektakulären Aktion drei Geiselnehmer und nahmen einen vierten fest. Als Sicherheitskräfte diesmal von der "Maersk Alabama" zurückfeuerten, drehten die Piraten schleunigst ab.

Für viele Vorfälle jedoch gibt es gar keine Bestätigung mehr. Vermutlich Dutzende von Piraten sind in den vergangenen zwei Jahren wegen hoher See, untüchtiger Boote und mangelnden Schwimmvermögens ums Leben gekommen.

Schicksal eines entführten britischen Ehepaars unklar

Vor einer Woche sollen Marinesoldaten der norwegischen Fregatte "Fridtjof Nansen" im Golf von Aden einen Somali und einen Jemeniten bei einer nächtlichen Kontrolle erschossen haben, als aus einem von vier Booten plötzlich geschossen wurde. Die Norweger feuerten zurück, töteten zwei Männer und verletzten drei weitere.

Die Pressestelle des EU-Einsatzkommandos hielt sich höflich zurück und vermeldete lediglich, dass es auf Seiten der Norweger keine Verletzten oder Toten gegeben habe. In der Nacht auf vergangenen Mittwoch sollen vier weitere Somalis getötet sowie zwei verletzt worden sein, meldete ein Sprecher der somalischen Piraten. Bei welchem Vorfall die Männer ihr Leben verloren, teilte er nicht mit.

Unklar ist das Schicksal des britischen Ehepaars Paul, 59, und Rachel, 55, Chandler, die vor vier Wochen auf ihrer Segelyacht auf dem Weg nach Tansania verschleppt worden waren. Schon das Highjacking war dramatisch, denn ein britisches Kriegsschiff befand sich in unmittelbarer Nähe, teilweise offenbar nur wenige Meter von Geiseln und Kidnappern entfernt, griff letztlich aber nicht ein, um das Leben des Paares nicht zu gefährden.

Dem geht es mittlerweile richtig schlecht. Die Chandlers verweigern zeitweise die Annahme von Verpflegung und Wasser, und ein Piratensprecher bekannte öffentlich: "Sie haben ernsthafte gesundheitliche Probleme." Auf sieben Millionen Dollar beläuft sich die Lösegeldforderung. Die britische Regierung hat es bisher kategorisch abgelehnt, auch nur einen Penny zu bezahlen.



insgesamt 179 Beiträge
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Seite 1
billy pilgrim 19.11.2009
1.
Zitat von sysopNach zwei Monaten relativer Ruhe eskalieren die Auseinandersetzungen vor der Küste Somalias. Piraten, Reeder und die internationale Schutzflotte haben den Einsatz erhöht - und die Zahl der Opfer steigt. Wie kann die Eskalation verhindert werden?
Mal schauen ob EU und USA in ihrem Terminkalender noch Platz für "Pazifizierungsmissionen" in Jemen und Somalia haben...
columbia 19.11.2009
2. Oh Mann...
Haaaaaaloooooo... Bundeswehr und internationale Gemeinschaft! Bald halte ich es im Kopf nicht mehr aus. Ihr könnt Piraten nicht nachhaltig auf See bekämpfen! Schon bemerkt? Wo bleiben denn die Superstrategen und Supermilitärs? Darf ich als Laie mal einen "heissen Tipp" geben? Ja? Ihr müsst die Küstenorte und die Häfen nebst Schnellbooten sowie das unmittelbare Hinterland bombardieren. Klar? Rührn und wegtreten...
Andre232 19.11.2009
3. Eigentlich...
..nicht weiter verwunderlich, dass man in Afrika auf die Idee kommt sich über Piraterie zurückzuholen was an Kapital, Bodenschätzen etc. aus dem Land geschleppt und über sog. "Entwicklungshilfe", medizinische Fehlversorgung,Mosanto-Einweg-Saatgut usw. dort zugrundegerichtet wird und die dadurch ausufernde Verrohung ganze Bevölkerungsschichten in Mord &Totschlag ,Genozid, Erpressung, Gewaltherrschaft, Sozialdarwinistische Seinsauffassung und eben Piraterie treibt. Noch weniger verwunderlich ist, dass die Skrupellosen (und/oder Verzweifelten ?) als Erste auf die Idee kommen es auf diese Art und Weise zu tun. Für welches Ziel auch immer (ich will die Piraten ja auch nicht als afrikanische Robin Hoods hochjubeln) Auf die sogenannten "Grossen Zusammenhänge", "korrekte Differenzierung" und sonstiges PC-Anstandsblahblah verzichte ich einfach mal in dieser Betrachtung.
stanis laus 19.11.2009
4. Falls Obama und die EU nicht wissen, wohin mit den Brunnenbohrern aus Afghanistan
Schon zu Römers Zeiten war beksnnt, dass man Piratennester ausräuchern muss. Wenn Humanität Menschenleben kostet, ist Ende mit Lustig.
Sapientia, 19.11.2009
5. Ständig mit bestückten B52 die somalischen ....
Zitat von sysopNach zwei Monaten relativer Ruhe eskalieren die Auseinandersetzungen vor der Küste Somalias. Piraten, Reeder und die internationale Schutzflotte haben den Einsatz erhöht - und die Zahl der Opfer steigt. Wie kann die Eskalation verhindert werden?
Küstenstreifen abfliegen und Ultimaten stellen. Und den Somaliern anschliessend was zu essen geben.
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