Pizza und Puffbesuch Polizisten in Versuchung

Die Angebote der kriminellen Gegenseite sind verlockend. Sie reichen von der Pizza mit Rabatt über den Gratisbesuch im Puff bis hin zu Bargeld und Autos. Nicht alle Polizisten widerstehen da.


Frankfurt am Main - Auf einer Polizei-Tagung in Frankfurt am Main berichten Experten aus ihrem Erfahrungsschatz. Der Frankfurter Kriminalhauptkommissar Thomas Kemmler und seine Mitstreiter vom Kommissariat 614 etwa mussten sich in den vergangenen Jahren nicht nur mit der allgemeinen Korruptionsverfolgung im Rhein-Main-Gebiet, sondern auch mit einigen Kollegen beschäftigen: Einer verriet gegen Bares und Kokain Razziatermine, ein anderer zapfte für einen befreundeten Bordellbesitzer den Polizeicomputer an, um ihm Näheres über seine südamerikanischen Prostituierten berichten zu können.

Vor wenigen Tagen hat das Offenbacher Amtsgericht einen Dienstgruppenleiter der Autobahnpolizei Neu-Isenburg zu 18 Monaten Haft verurteilt, weil er nach Unfällen die Abschleppaufträge immer wieder an bestimmte Unternehmen verteilte. Als Gegenleistungen gab es Einladungen zum Essen, Reifen, Gratisfahrzeuge für den Betriebsausflug, und unter dem Weihnachtsbaum lag Bargeld.

Trotz der Bandbreite der Einzelfälle sehen die Korruptionsexperten Heike Bruhn vom Bundeskriminalamt und der Darmstädter Kriminaldirektor Roland Desch keine "korruptive Grundstruktur" bei der deutschen Polizei. Die deutsche Polizei sei aber keineswegs komplett unbestechlich.

Probleme mit dem Korpsgeist

Bei einer Analyse im Auftrag der Polizeiführungsakademie Münster-Hiltrup kam aber immerhin heraus, dass jeder fünfte Polizist meint, seine Behörde sei von der Korruption eher stark betroffen. Außerdem gibt es Schwierigkeiten mit dem immer noch virulenten Korpsgeist. Nur 15 Prozent der befragten Schutzpolizisten glaubten, dass ein Neuling korruptive Praktiken wie etwa die Gratis-Pizza in ihrer neuen Dienstgruppe dem Vorgesetzten melden würden.

Besonders gefährdet sind nach allgemeiner Auffassung verdeckte Ermittler, die auf Grund ihrer Legende mit den Gangstern mithalten und ihre Verlässlichkeit beweisen müssen. "Die stehen mit einem Bein im Grab und mit dem anderen im Gefängnis", meint Rüdiger Holecek von der Gewerkschaft der Polizei (GdP), der wie die Konkurrenz-Gewerkschaft Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) aber keine allgemein korrupte Polizei erkennen mag.

Besonders die Kompetenten lassen sich bestechen

Häufig geht es bei Korruption im Wohlstands-Deutschland gar nicht um den rein materiellen Vorteil, glaubt die Marburger Kriminologin Britta Bannenberg. Es seien meistens die besonders ehrgeizigen, kompetenten und agilen Mitarbeiter, die sich bestechen ließen. Sie werden beispielsweise mit Ball-Besuchen und Mitgliedschaften im Golf- Club geködert. Die Bestecher machten sich den Wunsch nach Anerkennung, Macht und gesellschaftlichem Status dieser Gruppe zu Nutze, die ansonsten keinerlei illegale Wertvorstellungen hege. Häufig äußerten ertappte Nehmer die Ansicht, sie hätten sich nur das genommen, was ihnen ohnehin zustehe.

Ein mögliches Vorbild im Kampf gegen die Bestechlichkeit könnte die Frankfurter Stadtverwaltung sein, die schon einige deftige Korruptionsskandale hinter sich und in enger Zusammenarbeit mit der örtlichen Schwerpunktstaatsanwaltschaft ein Gegenkonzept entwickelt hat. Am wichtigsten, so sagt der Chef der Anti-Korruptionsstelle, Rolf-Peter Bonzelius, sei der absolute Wille der Führungsebene, etwas zu ändern. Ohne diesen Willen seien organisatorische Änderungen in den Verwaltungsabläufen und eine möglichst systematisierte Kontrolle der Mitarbeiter nicht zu erreichen. "Nach Skandalen ist es am leichtesten, was zu ändern."



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