Berühmter Opernsänger Mehrere Frauen werfen Placido Domingo Belästigung vor

Opernstar Placido Domingo wird mit Belästigungsvorwürfen konfrontiert: Über Jahrzehnte soll er Frauen aus seinem beruflichen Umfeld nachgestellt haben. Er sei immer von Einvernehmlichkeit ausgegangen, sagt der 78-Jährige.

MARTIN DIVISEK/EPA-EFE/REX

Feuchte Küsse, Telefonterror, Machtmissbrauch: Acht Sängerinnen und eine Tänzerin werfen dem Opernstar Placido Domingo vor, über Jahrzehnte übergriffig gegen sie geworden zu sein.

Die Nachrichtenagentur AP hat laut eigenen Angaben mit den mutmaßlich Betroffenen sowie "knapp drei Dutzend" weiteren Künstlern gesprochen, darunter auch Orchestermusiker, Bühnenpersonal und Gesangslehrer. Diese hätten bestätigt, dass der mehrfache Grammy-Gewinner jüngere Frauen ab Ende der Achtzigerjahre belästigt habe.

Eine Sängerin, die Mitte der Nullerjahre an der von Domingo geleiteten Los Angeles Opera arbeitete, berichtete der AP, der spanische Tenor habe sie darum gebeten, ihn nach Hause zu bringen. Schon im Auto habe er die Hand auf ihr Knie gelegt, später habe er versucht, sie zu küssen.

Bei einem weiteren Treffen habe er vorgegeben, mit ihr in seinem Apartement eine Arie proben zu wollen. Dort habe er ihr dann unter den Rock gefasst. Sie sei geflohen, er sei ihr gefolgt und habe sie gebeten zu bleiben. Seit dem Vorfall habe sie Angst vor weiteren Nachstellungen gehabt und sich kaum noch getraut, zur Arbeit zu gehen. "Ich war vor Furcht gelähmt."

Der 78-jährige Domingo erklärte in einer Stellungnahme, die Vorwürfe seien "zutiefst beunruhigend und, so wie sie dargestellt werden, nicht korrekt". Es sei dennoch schmerzlich, zu hören, "dass ich möglicherweise Personen verärgert oder ihnen ein ungutes Gefühl vermittelt habe, ganz gleich, wie lange das her ist, und trotz meiner besten Absichten".

Er sei stets davon ausgegangen, dass seine Interaktionen und Beziehungen mit anderen einvernehmlich gewesen seien. "Ich erkenne allerdings, dass die Regeln und Standards, an denen wir heute gemessen werden - und auch gemessen werden sollten - ganz andere sind als in der Vergangenheit." Er sei niemand, "der gezielt irgendjemanden verletzen, beleidigen oder in Verlegenheit bringen würde", so Domingo weiter.

Das sehen die mutmaßlichen Betroffenen der AP zufolge anders. Ihre Berichte zeigen demnach ein klares Verhaltensmuster. Domingo habe die Frauen, die ihn interessierten, dauerhaft kontaktiert, oft viele Male und mitten in der Nacht angerufen, Interesse an ihren Karrieren simuliert und dann versucht, sie privat zu treffen. Es sei regelmäßig zu Grenzüberschreitungen gekommen, der Künstler sei in Garderoben gekommen und habe die Frauen unschicklich berührt.

Nur eine der neun mutmaßlich Belästigten gab ihren Namen preis, die anderen zogen es aus Angst vor beruflichen Konsequenzen vor, anonym zu bleiben. Es gebe keine Beweismittel wie Telefonmitschnitte oder Nachrichten. Zwei der Frauen gaben an, sie hätten den Avancen des Opernsängers nachgegeben, um ihre Karriere nicht zu gefährden.

Die heute 61-jährige Patricia Wulf erklärte, Domingo habe sie 1998 nach jedem Auftritt hinter der Bühne der Washington Opera abgefangen, wo er als künstlerischer Leiter tätig war. Aus Angst, entlassen zu werden, habe sie die Belästigungen nicht angezeigt. Domingo sei ein sehr mächtiger Mann, "in meinem Geschäft ist er fast wie Gott".

Eine andere Betroffene, eine Tänzerin, erklärte, Domingo habe sie permanent verfolgt, umarmt und geküsst. Es falle ihr schwer, sein Verhalten zu kategorisieren, aber: "Was er getan hat, war falsch. Er hat seine Macht benutzt, er hat Frauen gestalkt, er hat sie in eine hilflose Lage gebracht."

ala/AP/Jocelyn Gecker



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