US-"Playboy" ohne Nacktfotos Rettet den Blödsinn!

Eine Ära endet: Hugh Hefners Nackedei-Heft bringt keine Nackedeis mehr. Liegt's am Feminismus? Oder doch am Internet? Egal. Viel wichtiger ist, dass es immer weniger Medien gibt, die uns überraschen, nerven, verwirren - und herausfordern.

Der Greis und seine liebsten: Hugh Hefner in seinem Element
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Der Greis und seine liebsten: Hugh Hefner in seinem Element

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Da kommt so ein Typ. 27 Jahre alt, Vertriebsleiter bei einer Kinderzeitschrift, und hat eine Idee: ein Nacktmagazin mit (etwas) Niveau und Anspruch. Er leiht sich 1000 Dollar bei seiner Mutter und legt los. 500 Dollar kostete allein das Nacktfoto eines damals leidlich bekannten Pin-up-Models namens Marilyn Monroe.

Der Rest ist Geschichte.

Sie war nicht immer rühmlich. Aber eins muss man Hugh Hefner und seinem "Playboy" lassen: Aus einer fixen Idee hat er nicht nur ein erfolgreiches, sondern auch ein einflussreiches Magazin erschaffen. Ja, das mit den "guten Interviews" ist mittlerweile ein Running-Gag - aber wenn sie nur ein Feigenblatt waren, dann ein verdammt gutes: "Playboy"-Autoren führten großartige Gespräche mit Martin Luther King, Charles Bukowski, Fidel Castro, Muhammad Ali, John Lennon, Truman Capote, ja, sogar dem Dalai Lama.

All das begann mit einem Alleingang. Ob es Hefner eigentlich darum ging, seinen Traum vom Immer-Bademantel-Tragen zu verwirklichen und mit etlichen halbnackten Frauen in einer Villa-WG zu leben, ist dabei gar nicht so wichtig.

Nicht die größte Sexheftsammlung der Welt

Wichtiger ist: Da machte jemand einfach das Heft, das er für richtig und wichtig hielt. Ohne Zielgruppentests, Marktforschung oder ein Strategiepapier voll schlauer Zahlen. Hefner war nicht dumm. Deshalb schrieb er lieber kein Datum, nicht mal ein Jahr auf den Titel. Wer weiß, dachte er, ob es jemals eine zweite Ausgabe geben würde. Mittlerweile erscheint der "Playboy" seit mehr als 60 Jahren.

Ab sofort verzichtet die amerikanische Ausgabe auf Nacktbilder. Wegen des Internets, sagt Scott Flanders, der momentane Geschäftsführer.

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Neuerungen beim "Playboy"-Magazin: Zeiten ändern sich - selbst beim "Playboy"
Flanders hat garantiert nicht die größte Sexheftsammlung der Welt und vermutlich keinen einzigen seidenen Bademantel. Er hat die Leitung, weil er Geld machen kann. In den Neunzigerjahren verhundertfachte er die Einkünfte des Macmillan Verlags. Später leitete er diverse andere Verlage und Start-ups.

Warum es keine Nacktbilder mehr im US-"Playboy" gibt? Sind es die Feministinnen, die Werbekunden oder doch Youporn und Co.? Das ist eigentlich egal. Und dass die Welt nicht untergeht, weil ein Heft keine nackten Frauen mehr zeigt, weiß auch jeder.

Symptom für eine unschöne Entwicklung

Doch Flanders' Schachzug entspricht auf eine erschreckende Art dem Zeitgeist. Denn er ist ein Symptom für eine Entwicklung, die unsere Medien verändert: Bei Zeitungen und Magazinen, in TV, Radio und Internet entscheiden immer öfter Menschen, die sich besser mit Zahlen auskennen als mit Journalismus. Nicht verwunderlich. Schließlich stellen sie die Fragen, die Vorstände gern hören: Was lohnt sich? Was wollen die Werbekunden? Und was kauft der Leser von heute? Das wird sich kaum ändern lassen.

So entstehen freilich keine spannenden journalistischen Produkte, so entstehen Konsens und sein träger Bruder Mittelmaß.

Natürlich gibt es heute noch einige Formate, die drauf pfeifen. Aber diese wenigen Leuchttürme zeigen eher, wie arm und gleichförmig die "LandLust"-"Land-Spiegel"-"LandIdee"-Medien-Landschaft über weite Strecken geworden ist.

Damit sie nicht noch gleichförmiger wird, bräuchte es mehr mutige Entscheidungen, mehr absurde Träume, die real werden - mehr Formate, bei denen Marketingexperten den Kopf schütteln. Oder anders: Mehr herrlichen Blödsinn, wie Hugh Hefner ihn einst auf die Beine stellte. Aber vermutlich hat der sich nicht umsonst schon vor einigen Jahren auf einen Maskottchen-Posten im Unternehmen versetzen lassen.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Benjamin Maack, Jahrgang 1978, hat vor seinem Job bei SPIEGEL ONLINE für ein irre schlecht verkauftes Videospielmagazin gearbeitet und fand das super. Wenn im Kiosk sein Blick kurz an einem "Playboy" hängen bleibt, versucht er immer einen betont gleichgültigen Blick aufzusetzen - und fühlt sich trotzdem jedes Mal wie ein 13-Jähriger am Zigaretten-Automaten.

E-Mail: Benjamin_Maack@spiegel.de

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