Plünderer an der "MSC Napoli" "Es war wie ein Rausch"

Kostbarer Wein, Parfüm, Motorräder, Schuhe: An der südenglischen Küste werden containerweise Luxusgüter von der "MSC Napoli" angespült - viele Schaulustige griffen zu. Warum der Frachter dem Orkan "Kyrill" nicht stand hielt, ist unklar. Die letzte Inspektion ergab nur leichte Mängel.

Berlin - Reiche Beute für die Plünderer: Teils unter Beobachtung von Fernsehkameras schleppten Anwohner Kartons mit teuren Weinen, Parfüm, Schuhe, Videokameras, Ersatzteile von Maschinen und Fahrzeugen vom Strand an der Küste der Grafschaft Devon in Verstecke im Hinterland. Auch Container mit Luxusfahrzeugen - darunter etliche BMW-Motorräder - wurden an den Strand gespült, aufgebrochen und geplündert.

Gegenüber Reportern versicherten Anwohner, sie würden die "Fundstücke" auf jeden Fall zurück geben. Eine Frau sagte: "Ich schäme mich. Es war wie ein Rausch."

Ein Paar aus Branscombe zeigte leicht verschämt einen Sack vor: "Das ist nur Schminke", versicherte Mandy. "Das hätte den schönen Flecken hier zugemüllt." Andere waren weniger zurückhaltend. Plünderer fuhren auf nagelneuen Motorrädern davon oder schleppten sie auf Traktor-Anhängern in Sicherheit - vor den Augen der Polizei, die versuchte, Namen und Adresse der Fahrer festzuhalten. "Die Beamten konnten nichts machen, die Leute hatten Schlüssel und Papiere für die Maschinen", erzählte Augenzeuge Jack aus Plymouth.

"Unser Hauptaugenmerk liegt auf der öffentlichen Sicherheit", sagte ein Polizeisprecher. "Was die rechtliche Seite betrifft, müssen wir uns an das Schifffahrtsgesetz halten", sagte er. Laut SkyNews dürfen Güter von havarierten Schiffen weder unterschlagen noch behalten werden. Verlange der Besitzer die Fracht zurück, müsse sie herausgegeben werden. Das besage das britische Handelsschifffahrtsgesetz von 1995. Die Besitzverhältnisse klärt später eine dafür zuständige Behörde.

Noch immer ist unklar, warum der Frachter dem Sturm am vergangenen Donnerstag nicht trotzen konnte. Zuletzt seien im vergangenen November bei einer Inspektion im französischen Le Havre leichte Mängel an dem 1991 gebauten Containerschiff festgestellt worden, sagte ein Sprecher des Klassifizierungs-Unternehmens "Det Norske Veritas". Diese hätten jedoch nicht in Zusammenhang mit der Stahlhülle des Frachters gestanden.

Damals habe es lediglich geringfügige Beanstandungen des Beleuchtungssystems, der Antriebsmaschine und der Feuertüren gegeben, berichtet der Branchendienst "Lloyds List". Eine Inspektion nur wenige Tage vor der Havarie im Ärmelkanal habe ergeben, dass die Probleme behoben worden seien.

Die "MSC Napoli" war am Donnerstag auf dem Weg von Belgien nach Portugal im Ärmelkanal inmitten des Sturmwetters in Seenot geraten und leck geschlagen. Die 26-köpfige Besatzung konnte mit Navy-Hubschraubern gerettet werden. Um zu verhindern, dass der 275 Meter lange Frachter komplett sinkt, hatten die Rettungskräfte das Schiff am Samstag rund eine Meile vor dem südenglischen Küstenort Sidmouth auf Grund gesetzt. Wie lange das Schiff Wind, Wetter und Meeresbewegungen noch standhält, ist offen. Stürmische Winde könnten die "MSC Napoli" endgültig auseinander brechen lassen.

Der Frachter hatte insgesamt 2394 Container geladen, von denen mehr als 200 über Bord gegangen sind. Bei etwa 1700 Tonnen Ladung soll es sich um Gefahrgut handeln - etwa Batteriesäure sowie Insektizide und Pestizide. Etwa 200 Tonnen Öl sollen bereits ins Meer geflossen sein. Allerdings handle es sich dabei um Treibstoff aus dem Maschinenraum, weitere 3000 Tonnen Schweröl befänden sich noch in den Laderäumen des Schiffes.

Die Gefahr, dass das Containerschiff eine der schönsten Küstengebiete Südenglands mit Öl verseuchen könnte, scheint weitgehend gebannt. Nach Angaben der Küstenwache halten die Tanks dicht.

Rettungskräfte haben heute damit begonnen, das Öl abzupumpen, werden jedoch von orkanartigen Winden bei der Bergung behindert. "Außerdem handelt es sich um eine sehr zähflüssige Substanz", sagte Einsatzleiter Robin Middleton, "ähnlich wie Schlamm. Wir müssen das Schweröl erhitzen und langsam abpumpen." Die Prozedur könne noch den Großteil der Woche dauern, so Middleton.

Das Schweröl an Bord des Schiffes sei zurzeit "die Hauptsorge", sagte Küstenwachensprecher Paul Coley. Nach seinen Angaben liefen bisher rund 200 Tonnen Öl vor der Küste von Devon ins Meer und bildeten einen rund acht Kilometer langen Ölteppich. Doch vergrößerte sich dieser im Laufe des Tages nicht mehr. Nach Einschätzung der Naturschutzorganisation WWF könnte die Havarie dennoch erhebliche ökologische Folgen für die Küste haben, deren Kliffe zum Weltnaturerbe der UNESCO zählen. Auch die Seevögel der Region, darunter Trommellummen und Trauerenten, seien durch das Öl bedroht.

Rettungskräfte entdeckten zwei rund 1,50 Meter lange Risse an beiden Seiten des Schiffes - Beschädigungen, die möglicherweise durch einen länger zurückliegenden Unfall begünstigt worden sind, vermuten Umweltschützer. Im März 2001 war das Schiff, damals noch unter dem Namen "CMA CGM Normandie", bei voller Fahrt auf ein Korallenriff in der Straße von Malacca gelaufen. Die Meerenge in Südostasien gehört zu den wichtigsten und meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Das Containerschiff habe volle 60 Tage auf Grund festgesessen und sei anschließend in einer vietnamesischen Werft vier Monate lang instand gesetzt worden.

Bei der damaligen Havarie ist die Schiffshülle vom Bug bis zum Maschinenraum aufgerissen worden. Dabei seien der vordere Hohlraum, mehrere Treibstofftanks, ein seitlicher Ballasttank sowie Containerhalterungen beschädigt worden. Außerdem seien mehrere Pumpen zerstört und ein Riss auf dem Hauptdeck festgestellt worden, berichtet "Lloyds List".

"Entweder wurde der Frachter nicht ordnungsgemäß repariert, oder der Schaden war so umfangreich, dass man ihn gar nicht reparieren konnte", sagte Melissa Moore, Sprecherin der britischen Meeresschutzgesellschaft. "Wenn das Schiff ordentlich konstruiert und gewartet worden wäre, hätte es nicht derart beschädigt werden können, trotz des Sturmes", so Moore. "Es muss also etwas schiefgegangen sein, entweder beim Bau, der Reparatur oder der Wartung dieses Schiffes."

Der Eigner des Schiffes, "Zodiac Marine", machte bisher keine Angaben zu dem Unglück. Auch beim Charterer der "MSC Napoli", der "Mediterranean Shipping Company", die ihren Hauptsitz in Genf hat, äußert sich derzeit niemand. Nach Angaben von "Norske Veritas" ist die MSC Napoli" im November 2004 in einem Trockendock in Singapur erneut inspiziert worden. Im Januar 2006 habe das Schiff seine Klassifizierung, eine Art Schiffs-TÜV, erneuert. Bei der Prozedur werden Schiffe auf internationale Sicherheits- und Umweltbestimmungen hin untersucht und in Klassen eingeteilt.

Ein Sprecher der britischen Sektion von "Nautilus", einer Vereinigung von Seeleuten, kritisierte die multinationale Zusammensetzung der Crew des Havaristen. "Es ist schon Ironie zu nennen, dass das Unglück ein britisches Schiff mit sechs verschiedenen Nationalitäten an Bord getroffen hat - und zwar genau an jenem Tag, an dem wir unserer Sorge über die steigende Anzahl von ausländischen Seeleuten unter englischer Flagge Ausdruck verliehen haben", sagte Generalsekretär Brian Orrell. An Bord der "MSC Napoli" haben Seeleute aus Großbritannien, Bulgarien, Indien, der Ukrainer, Türkei und den Philippinen gearbeitet. Dass Schiffsbesatzungen aus vielen verschieden Nationalitäten gebildet werden, ist allerdings weltweit Standard.

jto, mit Material von AFP und dpa

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