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DESIGN Plüsch und plump

Von Katja Thimm und Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 43/1997

Nie war das Volk der DDR in Erich Honeckers Allerheiligstes vorgestoßen - die »Innenausstattung der Macht« (Peter Glotz) war Staatsgeheimnis. Acht Jahre nach dem Fall der Mauer zeigt nun die Berliner »Sammlung industrielle Gestaltung« in der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg unter dem Titel »Hinterlassenschaften«, wie es wirklich war: Erich, magenkrank in seinem Stuhl wippend, die ZK-Genossen auf dem antistatischen Plüsch-Polyester-Bezug ihrer Zentralkomitee-Sekretärs-Sessel hockend, womöglich auf den vollmobilen und beheizbaren Ministerrats-Servierwagen mit Fonduetopf und integrierter Westtechnik wartend. Das Design des real existierenden Sozialismus war einerseits Ästhetik des Schreckens, andererseits Widerspiegelung der Partei-Hierarchie: Während Obergenosse Honecker im Kreise des Politbüros im Ambiente von Massivholz, Schleiflack und Kunstleder thronte, mußte sich Ministerpräsident Stoph im Angesicht holzfurnierter Möbel aus VEB-frischer Spanplatte mit dem nächsten Fünfjahresplan herumschlagen. Die historisch einzigartige Mischung aus sozialistischem Spießertum und autoritärer Staatsrepräsentation im Zeichen von Hammer und Zirkel zeigt: Auch das Design bestimmt das Bewußtsein.

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