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Fußballfans in Polen: Kampf gegen Gewalt, Randale und Chaos

Foto: KACPER PEMPEL/ REUTERS

Fansituation in Polen zur EM Frieden im Stadion, Gewalt auf dem Land

Gewalt, Randale, Chaos: Polnische Fußballfans sorgten zuletzt überwiegend für negative Schlagzeilen. Während der EM wird es in Stadien und Städten aber überwiegend friedlich zugehen, prognostizieren Fan-Experten. In ländlichen Regionen könnte es aber zu Randalen kommen.

Hamburg - Es sind Bilder, die nichts Gutes versprechen. Vermummte, breitschultrige Personen recken Mittelfinger oder Fäuste in die Höhe, Steine fliegen, Bengalos vernebeln die Sicht. Das vor einigen Tagen ausgetragene polnische Pokalfinale zwischen Legia Warschau und Ruch Chorzow verkam zwischenzeitlich zur Pyrotechnik-Show, die vor allem eines ausdrückte: Selbst strengste Einlasskontrollen können gewaltbereite Ultras nur begrenzt reglementieren.

Polen, einer der beiden Austragungsorte der Fußball-Europameisterschaft, hat seit geraumer Zeit Probleme mit Fans. Es ist ein ähnlicher Zwist, wie er seit Monaten in Deutschland tobt. Die Ultras sind Hardcore-Fans, die jedes Spiel verfolgen und ihre Mannschaft schon fast ekstatisch mit Gesängen, Geschrei oder Trommeln unterstützen. Sie fühlen sich "ihres" Sports beraubt. Sie wollen keine Zuschauer, die Fußball als Event begreifen. Popcorn, Business-Seats und Applaus bei Toren verursachen bei polnischen wie deutschen Ultras eine tiefe Abneigung.

Nicht alle Ultras sind gewalttätig, doch vor allem bei Spielen in der polnischen Liga kommt es immer wieder zu Randalen. Offizielle Zahlen oder Statistiken gibt es aber nicht. Der polnische Fußballbund PZPN bemüht sich zu betonen, gewaltbereite Fans oder Fanverbände seien kein bedeutendes Thema - und stellten für die EM kein Problem dar.

In der Praxis ist man sich des Gewaltpotentials aber durchaus bewusst. "Es ist nicht zu leugnen, dass wir im polnischen Ligaalltag nach wie vor ein Gewaltproblem haben", sagt Dariusz Lapinski, der Koordinator für polnische Fanprojekte. Er spielt eine wichtige Rolle bei den Vorbereitungen für eine friedliche EM in Polen. Seit 2008 bastelt Lapinski im Gastgeberland an einer Institutionalisierung von Fanarbeit nach deutschem Vorbild. "Wir versuchen, den Fans die Möglichkeit zu geben, sich weiterhin in Konkurrenzsituationen messen zu können. Allerdings ohne Fäuste, sondern mit Schlachtgesängen und Choreografien", sagt Lapinski.

Hardcore-Fans interessieren sich nicht für EM

In Warschau, Breslau, Danzig und Gdynia (dt.: Gdingen) hat der Fankoordinator bereits hauptamtliche Projekte etabliert. Und das Land kann erste Erfolge vermelden: Dank Lapinskis Arbeit und den modernen EM-Stadien, die höchsten Sicherheitsanforderungen gerecht werden, konnten offene Tribünenschlägereien oder Angriffe auf Spieler und Schiedsrichter größtenteils aus den Arenen verbannt werden. Das lässt hoffen, dass es auch während der EM in den Stadien weitgehend ruhig bleibt.

Hinzu kommt, dass sich viele Ultras überhaupt nicht für die Europameisterschaft interessieren - zum einen aus finanziellen Gründen, weil die Karten für viele zu teuer sind, zum anderen aus Überzeugung. "Das ist für sie nur Show. Und die verachten sie ja", sagt Filmemacher Marc Quambusch, der für seinen Dokumentarfilm "Verrückt nach Fußball: Groundhopping " durch Polen und die Ukraine reiste. Seine Erfahrungen hätten gezeigt, dass das Interesse an der Nationalmannschaft bei den Hardcore-Fans in Polen gering sei: "Die polnischen Ultras interessiert ihr eigener Verein und ansonsten nicht viel mehr."

Ein nationales Register soll außerdem helfen, gewaltbereite Ultras und einschlägig bekannte Hooligans von den Stadien fernzuhalten. "Die meisten von denen sind polizeilich registriert. Wenn wir sie während des Turniers in der Nähe eines Stadions fänden, würden wir entsprechend reagieren", sagt ein Warschauer Polizist, der seit einigen Jahren in der Fanszene tätig ist.

Schlägereien im Wald

Dies kann jedoch nach Einschätzung von Experten dazu führen, dass sich Gruppen, die auf Schlägereien und Randale aus sind, andere Schlachtfelder suchen. Der Warschauer Polizist vermutet, dass viele Hooligans schon vor Beginn der Meisterschaft ins Ausland fahren - oder sich außerhalb der EM-Städte aufhalten werden: "Wir wissen, dass einige ausländische Hooligans planen, sich hier mit den polnischen Jungs zu messen."

Viele der "Ustawki", wie die verabredeten Hooligankämpfe auf Polnisch heißen, werden auf Feldern oder ländlichen Waldstücken ausgetragen. Gern wählen die Hooligans dafür grenznahe Gebiete, damit sie im Anschluss an die Schlägerei schnell das Land verlassen können.

Dem Polizist zufolge ist es den Einsatzkräften zuletzt aber gut gelungen, solche Kämpfe im Vorfeld aufzulösen. Fankoordinator Lapinski schätzt, die polnische Polizei könne mittlerweile etwa 70 Prozent aller "Ustawki" präventiv zerstreuen. Dabei komme ein Faktor zum Tragen: "Die Hooligan-Szene hat sich ein bisschen vom Fußball abgewendet und sich eher dem organisierten Verbrechen angeschlossen", sagt Lapinski. Das erleichtere der Polizei die Arbeit rund um Fußballspiele.

Um größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten, werden die Ordnungshüter während der EM vom Militär unterstützt und zahlreiche private Security-Kräfte eingesetzt. Derartig umfangreiche Sicherheitskonzepte haben bei den vergangenen Turnieren dazu geführt, dass große Randale eher der Vergangenheit angehören. Die letzten gravierenden Ausschreitungen in der Nähe eines Spielortes fanden 1998 bei der Weltmeisterschaft in Frankreich statt - allerdings mit tragischem Ausgang. Damals wurde der Polizist Daniel Nivel von deutschen Schlägern lebensgefährlich verletzt. Seitdem wurden Hooligans kaum mehr gesehen - zumindest nicht dort, wo es Fernsehkameras gab.

Dies könnte auch für die EM 2012 in Polen zutreffen. Dokumentarfilmer Quambusch leitet aus dem Wissen zu den Sicherheitskonzepten und seinen persönlichen Erfahrungen im Land eine eindeutige Empfehlung für Besucher ab: "Ich würde ausländischen Fans raten, nicht unbedingt in die Dörfer rund um die Fußballstadien zu fahren. Wer in den Städten bleibt, dem wird aber nichts passieren."