Politischer Rückzug "China fürchtet den Einfluss des Dalai Lama"

Der Dalai Lama will sein Amt als politischer Führer der Tibeter abgeben. Damit wolle "Seine Heiligkeit" für den Fall seines Todes vorbeugen, aber auch die Aufmerksamkeit von seiner Person auf die Sache lenken, sagt Kelsang Gyaltsen, der Chefdiplomat des Dalai Lama, im Interview.

dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Gyaltsen, der 14. Dalai Lama strebt seinem Statement zufolge seit den sechziger Jahren an, die politische Macht an einen gewählten Führer abzugeben. Warum setzt er das gerade jetzt in die Tat um?

Gyaltsen: Diese Entscheidung ist in erster Linie ein Hinweis auf den Erfolg des Demokratisierungsprozesses der Tibeter im Exil. Dieser Schritt demonstriert die Zuversicht und das Vertrauen des Dalai Lama in die politische Reife der Exil-Tibeter sowie deren demokratische Institutionen. Außerdem bin ich überzeugt, dass der Dalai Lama im Aufbau von tragfähigen und funktionierenden demokratischen Institutionen das beste Mittel sieht, ein politisches Vakuum nach seinem Ableben zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Geht es dem Dalai Lama gesundheitlich nicht gut?

Gyaltsen: Er ist in bester gesundheitlicher Verfassung. Als buddhistischer Mönch lebt er sehr diszipliniert, trinkt keinen Alkohol, raucht nicht und nimmt kein Abendessen zu sich. Auch auf seinen vielen Reisen hält er sich an seinen täglichen Ablauf von vier bis fünf Stunden Gebeten und Meditation. Viele Tibeter und Buddhisten glauben, dass der Dalai Lama länger leben wird als die Ein-Parteien-Diktatur der Kommunistischen Partei Chinas.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet die Abgabe der politischen Macht für seine Rolle als geistliches Oberhaupt?

Gyaltsen: Das karmische Band zwischen dem Volk und der Institution des Dalai Lama ist Teil des tibetischen Selbstverständnisses und unzerstörbar. Die heutigen chinesischen Machthaber fürchten nichts so sehr wie den nach wie vor ungebrochenen Einfluss des Dalai Lama auf das Volk in Tibet. Der Dalai Lama sieht aber die Notwendigkeit, seine Rolle dem Lauf der Geschichte anzupassen.

SPIEGEL ONLINE: Lassen sich die geistliche und die politische Rolle des Dalai Lama überhaupt trennen?

Gyaltsen: Der Dalai Lama hat stets die Trennung von Staat und Kirche befürwortet und darauf gedrängt, dies auch in der Charta der tibetischen Regierung im Exil festzuschreiben. Mit seinem heutigen Statement fordert er einmal mehr nachdrücklich, dies nun rechtlich in die Wege zu leiten. Es ist daher absehbar, dass es zukünftig eine klarere Trennung der politischen und religiösen Führung geben wird. Dies wird sowohl für die Religion als auch für die Politik von Vorteil sein.

SPIEGEL ONLINE: Der 14. Dalai Lama gilt als das Symbol für die Hoffnung auf ein autonomes Tibet. Verlieren die Menschen mit seinem Abgang nicht den Glauben daran?

Gyaltsen: In Tibet leben inzwischen Generationen von Tibetern, die den Dalai Lama nie zu sehen bekommen haben. Sie verehren ihn, weil sie ihn als in der Welt angesehenen Vertreter ihrer Anliegen und Hoffnungen wahrnehmen. Auf der politischen Bühne in der internationalen Politik muss diese Rolle nun vermehrt von Mitgliedern der frei gewählten tibetischen Führung übernommen werden. Ich glaube, der Dalai Lama hofft auch, dass in Zukunft weniger seine Person im Brennpunkt des öffentlichen Interesses steht, sondern vielmehr die Situation und das Anliegen des tibetischen Volkes - vertreten durch eine frei gewählte tibetische Führung.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Tibeter schon einen neuen Hoffnungsträger? Oder wird es künftig zwei starke Figuren geben: eine politische und eine geistliche?

Gyaltsen: Wir Tibeter haben viele starke Persönlichkeiten. Im religiösen Bereich haben wir Tausende junge, hoch angesehene Lamas, die eine solide, traditionelle und qualifizierte buddhistische Schulung an unseren Kloster-Universitäten in Indien absolviert haben. Im politischen Bereich findet zurzeit ein heißer Wahlkampf um das Amt des de-facto-Premierministers der tibetischen Exilregierung sowie um einen Sitz im 44-köpfigen tibetischen Exilparlament statt. Am 20. März wird gewählt. In tibetischen Gemeinschaften in allen Teilen der Welt wird mit einem noch nie dagewesenen Interesse und Engagement Wahlkampf geführt.

SPIEGEL ONLINE: Der Dalai Lama wurde aufgrund mehrerer Visionen und Zeichen gefunden. Ändert sich an der traditionellen Findung etwas, wenn er künftig nur noch einen Job hat?

Gyaltsen: Ich glaube nicht, dass die Abtretung der politischen Führungsrolle Konsequenzen für die Suche nach der Wiedergeburt des Dalai Lama hat. Die Anerkennung der Reinkarnation von hohen Lamas ist in erster Linie eine Sache des Glaubens und nicht des Prozederes. Die Reinkarnation basiert auf dem Glauben, dass die Person eine spirituelle Entwicklungsstufe erreicht hat, die sie befähigt, zum Wohle aller leidenden Wesen wiedergeboren zu werden. Dabei entscheidet die Person selbst, wann, wie und wo sie geboren wird. Daher sind die kürzlichen Äußerungen der chinesischen Regierung zur Reinkarnation des Dalai Lama für gläubige Buddhisten respektlos und verletzend. Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama, wird über seine Wiedergeburt entscheiden. Die Exilregierung, Äbte und andere hohe Lamas werden bei der Findung des nächsten Dalai Lama nach seinen Anweisungen vorgehen.

Die Fragen stellte Simone Utler.



insgesamt 8 Beiträge
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Lustigmacher, 14.03.2011
1. Reinkarnation
---Zitat--- Die Reinkarnation basiert auf dem Glauben, dass die Person eine spirituelle Entwicklungsstufe erreicht hat, die sie befähigt, zum Wohle aller leidenden Wesen wiedergeboren zu werden. [...] Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama, wird über seine Wiedergeburt entscheiden ---Zitatende--- Na, dann würde ich vorschlagen, dass er sich als eines der Oberhäupter des Chinesischen Politbüros reinkarniert und sich so u.a. für die Freiheit Tibets einsetzt.
thomas bode 14.03.2011
2. Respektlos?
"Daher sind die kürzlichen Äußerungen der chinesischen Regierung zur Reinkarnation des Dalai Lama für gläubige Buddhisten respektlos und verletzend..." Die chinesische Regierung spielt zwar seit den 50er-Jahren eine katastrophale Rolle in Tibet, aber diese Aussage kann ich nun nicht nachvollziehen. Was auch immer sie gesagt hat, der wahre Buddhismus ist keine Religion in der jemand beleidigt sein kann weil jemand seinen Glauben in Frage stellt. Der Dalai Lama betont selbst immer dass es nur um eigene Prüfung und Erfahrung geht, nicht darum dass man irgendetwas glaubt, nur weil das die Eltern so taten, oder es ein Robenträger verlangt. Herr Gyaltsen redet da wohl eher als Politiker. Und da sieht man schon wie die Vermengung mit Politik der Religion schadet. Die Formulierung klingt den Verlautbarungen der chinesischen Regierung so ähnlich, die sich bei Kritik auch ständig beschwert dass die Gefühle des chin. Volkes verletzt werden. Der Dalai Lama hat es sich verdient endlich mit Politik in Ruhe gelassen zu werden. Und noch mal: Im Buddhismus gibt es keinen Glauben an Dogmen wie die Jungfrauengeburt, den letzten Propheten Mohammed oder die Heiligkeit des Sabbath. Auch nicht an das Reinkarnations-Orakel.
Caroline 14.03.2011
3. Dalai Lama
Man darf getrost die Meinung von Kelsang Gyaltsen in Frage stellen, wenn er sagt, das karmische Band zwischen dem Volk und der Institution des Dalai Lama sei Teil des Selbstverständnisses und unzerstörbar - unzerstörbar!??? Auch die Aussage, daß nach dem Ableben des Dalai Lama ein politisches Vakuum entstehen würde, halte ich für übertrieben. Er ist ein schlauer buddhistischer Politiker - sonst nichts! Die aktuellen Zahlen aus China: 1,3 Milliarden Einwohner ca., davon 8 % Buddhisten (stagnierend). Die Zahl der Christen in in den letzten Jahren stark gestiegen (6 % + !)
Egberth 14.03.2011
4. Aber er grinst doch immer so drollig
Zitat von thomas bode"Daher sind die kürzlichen Äußerungen der chinesischen Regierung zur Reinkarnation des Dalai Lama für gläubige Buddhisten respektlos und verletzend..." Die chinesische Regierung spielt zwar seit den 50er-Jahren eine katastrophale Rolle in Tibet, aber diese Aussage kann ich nun nicht nachvollziehen. Was auch immer sie gesagt hat, der wahre Buddhismus ist keine Religion in der jemand beleidigt sein kann weil jemand seinen Glauben in Frage stellt. Der Dalai Lama betont selbst immer dass es nur um eigene Prüfung und Erfahrung geht, nicht darum dass man irgendetwas glaubt, nur weil das die Eltern so taten, oder es ein Robenträger verlangt. Herr Gyaltsen redet da wohl eher als Politiker. Und da sieht man schon wie die Vermengung mit Politik der Religion schadet. Die Formulierung klingt den Verlautbarungen der chinesischen Regierung so ähnlich, die sich bei Kritik auch ständig beschwert dass die Gefühle des chin. Volkes verletzt werden. Der Dalai Lama hat es sich verdient endlich mit Politik in Ruhe gelassen zu werden. Und noch mal: Im Buddhismus gibt es keinen Glauben an Dogmen wie die Jungfrauengeburt, den letzten Propheten Mohammed oder die Heiligkeit des Sabbath. Auch nicht an das Reinkarnations-Orakel.
Ob das die Anhänger des vom Dalei Lama verbotenen Shugden-Kults ebenso sehen, kann bezweifelt werden. Interessant auch unter dem Aspekt, welche Toleranz der tibetische Gottkönig walten läßt, wenn er vor der eigenen Haustür kehrt.
user_01 14.03.2011
5. klerikaler Grinseonkel ist Marketingprofi in eigener Sache
Zitat von thomas bode"Daher sind die kürzlichen Äußerungen der chinesischen Regierung zur Reinkarnation des Dalai Lama für gläubige Buddhisten respektlos und verletzend..." Die chinesische Regierung spielt zwar seit den 50er-Jahren eine katastrophale Rolle in Tibet, aber diese Aussage kann ich nun nicht nachvollziehen. Was auch immer sie gesagt hat, der wahre Buddhismus ist keine Religion in der jemand beleidigt sein kann weil jemand seinen Glauben in Frage stellt. Der Dalai Lama betont selbst immer dass es nur um eigene Prüfung und Erfahrung geht, nicht darum dass man irgendetwas glaubt, nur weil das die Eltern so taten, oder es ein Robenträger verlangt. Herr Gyaltsen redet da wohl eher als Politiker. Und da sieht man schon wie die Vermengung mit Politik der Religion schadet. Die Formulierung klingt den Verlautbarungen der chinesischen Regierung so ähnlich, die sich bei Kritik auch ständig beschwert dass die Gefühle des chin. Volkes verletzt werden. Der Dalai Lama hat es sich verdient endlich mit Politik in Ruhe gelassen zu werden. Und noch mal: Im Buddhismus gibt es keinen Glauben an Dogmen wie die Jungfrauengeburt, den letzten Propheten Mohammed oder die Heiligkeit des Sabbath. Auch nicht an das Reinkarnations-Orakel.
Nanu, welche katastrophale Rolle sollte das denn sein? Etwa die, dass die Kindersterblichkeit ebenso stark zurückging, wie das Gesundheitswesen ausgebaut wurde? Oder meinen sie die Tatsache, dass das Schulsystem überhaupt erst entwickelt wurde und die Nettohaushaltseinkommen gestiegen sind? Bleiben wir doch mal bei der Wahrheit: Das politische System des Dalai Lama war nichts anderes als finsterster klerikaler Despotismus. Und das der stets im folkloristischen Gewand 'wandelnde' Dalai Lama hierzulande als freundlicher Grinseonkel wahrgenommen wird, ist zwar extrem gutem Marketing zu verdanken, enspricht aber nicht den realen Gegebenheiten.
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