Ausbilder über Rassismus in der Polizei "Viele Polizisten merken gar nicht, dass Respekt keine Einbahnstraße ist"

Nach dem Tod von George Floyd muss sich auch die deutsche Polizei mit Vorwürfen zu Gewalt und Rassismus auseinandersetzen. Nicht zu Unrecht, auch hier gibt es eine "Cop Culture", sagt der Polizeiausbilder Rafael Behr.
Ein Interview von Andreas Ulrich
Vereidigung von Kommissaranwärterinnen und -anwärtern bei der Polizei in NRW (Archivbild)

Vereidigung von Kommissaranwärterinnen und -anwärtern bei der Polizei in NRW (Archivbild)

Foto: Jochen Tack/ imageBROKER/ picture alliance

SPIEGEL: Herr Behr, in den USA ist der Schwarze George Floyd bei einem Polizeieinsatz zu Tode gekommen. Ist so etwas auch in Deutschland denkbar?

Behr: Prinzipiell ja, wir kennen solche oder ähnliche Todesfälle auch, aber die Häufigkeit ist doch erheblich unterschiedlich. In Deutschland bewegt sich die Zahl der Todesopfer von polizeilichem Überwältigungshandeln in einem niedrigen zweistelligen Bereich, im Jahr 2018 waren davon elf Personen betroffen, und meistens handelte es sich um einen tödlichen Schusswaffeneinsatz. Todesfälle durch exzessive körperliche Gewalt sind noch seltener.

Zur Person
Foto:

picture alliance/ dpa

Rafael Behr, Jahrgang 1958, ist Professor für Polizeiwissenschaften an der Fachhochschule der Akademie der Polizei Hamburg. Er lehrt Kriminologie und Soziologie und leitet die Forschungsstelle Kultur und Sicherheit. Behr begann als Polizeibeamter bei der hessischen Polizei, ab 1987 studierte er Soziologie und Psychologie an der Universität in Frankfurt am Main. 1999 promovierte er mit der Schrift "Cop Culture" über die Organisationskultur der Polizei. Von 2005 bis 2007 leitete er das Projekt "Migranten in Organisationen von Recht und Sicherheit" am Institut für Sicherheits- und Präventionsforschung in Hamburg.

SPIEGEL: Der Polizei in den USA wird struktureller Rassismus vorgeworfen. Sind Polizisten besonders anfällig für rechte Tendenzen?

Behr: Polizisten sind nie ganz weit weg von der Grundstimmung der Bevölkerung. Sie sind nicht autoritärer als andere, aber wertkonservativ. Sie kommen in der Regel aus einer Welt, in der gesetzliche Normen anerkannt werden, und wollen sich dafür auch aktiv einsetzen. Die Ordnungsaffinität umschließt die Anerkennung von Autorität und Hierarchie, und sie wollen zu den "Guten" gehören.

SPIEGEL: Die Gewerkschaften in Deutschland haben entsetzt auf den Vorwurf reagiert, dass es auch hierzulande ein Problem mit Rassismus innerhalb der Polizei gebe. Was sagen Sie dazu?

Behr: Polizeigewerkschaften sehen sich meines Erachtens als Gralshüter der guten Polizei. Sie reden ihren Mitgliedern schon seit Langem ein, dass sie Opfer einer aggressiver werdenden Gesellschaft sind. Wenn man dieses Bild inhaliert, glaubt man auch irgendwann daran. Dabei merken viele Polizisten gar nicht: Respekt ist keine Einbahnstraße.

Protest im Namen von George Floyd in den USA: Eine Demonstrantin brüllt einen Polizisten an

Protest im Namen von George Floyd in den USA: Eine Demonstrantin brüllt einen Polizisten an

Foto:

DUSTIN CHAMBERS/ REUTERS

SPIEGEL: Was wäre Ihrer Meinung nach stattdessen wichtig?

Behr: Das große Missverständnis besteht darin, dass die Berufsvertretungen wenig Verständnis dafür haben, dass Polizei manchmal vom Teil der Lösung zum Teil des Problems wird. Deshalb fordern sie stets von der Politik oder der Gesellschaft ein, die Bedingungen herzustellen, damit Polizisten besser arbeiten können. Das ist zu kurz gegriffen.

SPIEGEL: Immer wieder werden Rechtsextremisten unter den Polizisten entdeckt. Gibt es davon heute mehr als früher?

Behr: Ich glaube nicht, dass es mehr geworden ist. Was es noch in den Sechzigerjahren an rechtsradikalem Gedankengut in der Polizei gegeben hat, gibt es heute nicht mehr. Damals wurde auch anderes Personal rekrutiert, heute haben die meisten Bewerber mittlere Reife und Abitur. Der Praxisschock kann aber bewirken, dass sie abgleiten in Weltsichten, die wir nicht mehr kontrollieren können. Viele unserer Bewerberinnen und Bewerber kommen ja mit 18 bis 20 Jahren zur Polizei, also in einem Alter, in dem die politische Haltung noch nicht gefestigt und die moralische Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist.

SPIEGEL: Das heißt: Polizisten radikalisieren sich im Dienst?

Behr: Davon gehen wir heute aus. Das Erleben der echten Polizeiarbeit ist für viele ein Abenteuer, es kann aber eben auch schnell zu einem Praxisschock führen. Wir begleiten die jungen Leute nach der Ausbildung nicht mehr mit Bildungs- oder Trainingsangeboten, die Bildungseinrichtungen verlieren sie sogar nach der Ausbildung. Es dauert Jahre, bis wir sie endlich wieder in eine Fortbildung bekommen, die es ihnen ermöglicht, ihre Erfahrungen zu reflektieren. In der Zwischenzeit kann es passieren, dass sich zum Beispiel eine Gewaltaffinität entwickelt. Je nachdem, wo die Polizistinnen und Polizisten eingesetzt werden und was sie erleben, kann das schon krass werden.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Behr: Polizisten machen jeden Tag Vergeblichkeitserfahrungen. Ihre Arbeit führt nicht zum gewünschten Erfolg. Man fühlt sich verletzt und schlecht behandelt. Einige werden dann nur noch durch Sekundärtugenden gehalten, etwa Pflichterfüllung. Daraus resultiert Frust.

SPIEGEL: Frust ist keine Entschuldigung für extreme Einstellungen.

Behr: Aus Frust entsteht oft Zynismus. Eine Haltung, die sich selbst sehr stark überhöht und die anderen abwertet. Der Zyniker behandelt sein Gegenüber vielleicht rechtlich formal richtig, empfindet ihn aber nicht als gleichwertig. Der Mensch wird nicht mehr als Mensch wahrgenommen, sondern als polizeiliches Gegenüber.

SPIEGEL: Seit einigen Jahren werden immer Fälle bekannt, in denen Polizisten durch rassistische oder rechtsextremistische Äußerungen auffallen. In Hessen wurden Anwälte mit ausländischen Wurzeln bedroht.

Behr: Wir können nicht beurteilen, ob es mehr geworden ist, weil wir keine Vergleichsdaten haben. Es gibt da einen großen Mangel an Forschung. Aber ja, die Artikulationsformen sind insbesondere durch die sozialen Medien anders und schneller geworden. Man muss sich nicht mehr in der Hinterstube treffen, um einen dummen Spruch loszuwerden, sondern kann schnell etwas posten.

SPIEGEL: Sind diese Fälle denn nicht ein Zeichen dafür, dass radikales oder ausländerfeindliches Gedankengut in der Polizei verbreitet ist?

Behr: Zunächst ist es ein Ergebnis zeit- und ortsunabhängiger Vernetzung. Diese Chatgruppen entstehen in der Regel in der Ausbildung und bleiben über viele Jahre bestehen. Wenn dann einer etwas postet, hat man gleich 30 Verdächtige. Daher der Eindruck, dass es zahlenmäßig mehr werden. Ich bin aber unsicher, ob das tatsächlich so ist. Und wir müssen bei aller Empörung immer noch rassistische Haltungen von diskriminierenden Handlungen unterscheiden.

SPIEGEL: Es entsteht der Eindruck, dass vieles verschwiegen, nicht gemeldet wird. Warum?

Behr: Das ist ein Phänomen der Polizistenkultur, der sogenannten Cop Culture. Das ist auch in Deutschland ein Thema. Polizisten kennen sich untereinander gut, sind vernetzt, da dauert es lange, bis einer die Kollegen verrät. Die Gruppe empfindet sich als Gefahrengemeinschaft, und es gibt eine gewisse Angst, sich aus der Gruppe zu lösen, da jeder auf die Solidarität des anderen angewiesen ist. Selbst wenn einer ein blödes Gefühl hat, dauert es lange, bis sich daraus Kritik oder gar Aktion entwickelt.