Pornoindustrie Kalifornischer Politiker fordert Kondomzwang

Der millionenschweren amerikanischen Pornoindustrie steht Ungemach ins Haus: Ein kalifornischer Politiker will die Darsteller per Gesetz zwingen, zum Schutz vor HIV beim Dreh Kondome zu benutzen. Doch das gilt in der Branche als unerotisch und ist nach Meinung von Insidern kaum durchzusetzen.


Pornodreh in Los Angeles: So intim wie möglich
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Pornodreh in Los Angeles: So intim wie möglich

Los Angeles - Der demokratische Abgeordnete Paul Koretz hat einen offenen Brief verfasst, in dem er 185 Produzenten und Vertreiber pornografischen Materials auffordert, unverzüglich "Maßnahmen zur Schadensvermeidung" zu ergreifen. Sollten Darsteller in Pornofilmen darauf verzichten, Kondome zu tragen, würde er dafür sorgen, dass ein entsprechendes Gesetz erlassen würde.

Die schon zu Beginn des Jahres von einer regelrechten HIV-Epidemie heimgesuchte Pornofilmindustrie im "Golden State" sieht schlechten Zeiten entgegen. Zwar geht die Mehrheit der Sexdarsteller grundsätzlich mit der Idee eines permanenten Schutzes konform. Präservative gelten in der Branche allerdings nach wie vor als "unsexy".

"Die Konsumenten wollen ihre Darsteller ohne Kondome sehen", beklagt sich ein Produzent der "Elegant Angel Video" gegenüber der "New York Times". Nur, was so realistisch und intim wie möglich wirke, habe auf dem Markt eine Chance. Aber auch unter den Darstellern sei ein gesetzliches Kondom-Gebot schwer durchzusetzen. "In jedem Fall würden sich eine Menge Leute aus dem Geschäft zurückziehen", prophezeit der Pornoproduzent.

Eine 20-jährige Darstellerin mit dem Künstlernamen Nautica Thorn betont gegenüber der "New York Times": "Die Leute stehen heutzutage auf das Schockierende, den hoch riskanten Kram." Und der sei mit Kondom schwer zu praktizieren. Sie selbst gehe zurzeit zweimal statt einmal im Monat zum Bluttest. Es zahle sich zudem aus, "etwas über die Arbeitskollegen zu wissen".

Sharon Mitchell, ehemalige Porno-Aktrice, die nach ihrem Studienabschluss die kalifornische "Adult Industry Medical Health Foundation" mitgründete, sieht wenig Anlass zur Hoffnung. Nach Erhebungen der Stiftung sei der Gebrauch von Kondomen bei Porno-Dreharbeiten direkt nach dem rasanten Anstieg der HIV-Infektionen im März von 17 auf 23 Prozent gestiegen. Heute griffen genauso wenige Darsteller zum Präservativ wie vor dem Ausbruch.

"Schätzchen, das ist Pornografie", erklärte Mitchell dem Reporter der "New York Times". "Die Leute kümmern sich nicht um den Gesetzgeber. Warum sollten sie sich um Koretz' Brief scheren?"

Die ungewöhnliche Forderung des Abgeordneten Koretz hatte einen konkreten Auslöser: den dramatischen Anstieg der HIV-Infektionen unter Pornodarstellern zu Beginn des Jahres. Ein Mann hatte sich bei Aufnahmen in Brasilien mit dem Aids-Erreger angesteckt und ihn an mindestens drei Kollegen in Los Angeles weitergegeben.

Etwa 60 Darsteller waren in der Folge mit dem Virus in Kontakt gekommen, berichtete ein Sprecher von Mitchells Gesundheitsstiftung, deren Mitarbeiter bis zu 1200 Pornodarsteller im Monat auf sexuell übertragbare Krankheiten testet. Das Ergebnis war so verheerend, dass sämtliche Dreharbeiten bis zum Mai eingestellt wurden.



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