Port-au-Prince "Starker Regen - das wäre die nächste Katastrophe"

Die Situation auf den Straßen von Port-au-Prince spitzt sich zu: Den Menschen in der haitianischen Hauptstadt fehlt es an allem, es kommt zu ersten Plünderungen. Eine Helferin vor Ort schildert SPIEGEL ONLINE das Leid der Erdbebenopfer.

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Hamburg - Grauenvoll, erschütternd, beängstigend - das sind Worte, mit denen Politiker die Situation in Port-au-Prince beschreiben. Worte, die Regina Tauschek, 43, gar nicht erst findet - so schlimm sind ihre Eindrücke aus der haitianischen Hauptstadt. Mehrmals setzt sie an: "Die Situation hier ist ... ja ... man kann es gar nicht beschreiben", sagt sie SPIEGEL ONLINE. "Tote liegen auf der Straße, Tausende Menschen verbringen die Nächte im Freien. Es fehlt wirklich an allem: Wasser, Nahrung, medizinischer Versorgung."

Seit zwölf Jahren arbeitet Tauschek für humanitäre Organisationen, seit 2007 ist sie für die Welthungerhilfe in Haiti. Sie hat in ihrem Leben viel Leid gesehen - doch nichts sei vergleichbar mit Port-au-Prince nach den verheerenden Erdstößen am Dienstag. "Es ist eine wahre Katastrophe", sagt die Österreicherin.

Der bitterarme Karibikstaat wurde von dem Beben völlig überrascht. Tauschek war im Büro, als alles zu wanken begann. "Ich habe nur geschrien: Raus hier!", erinnert sie sich. Außer den Sachen, die sie am Körper trägt, ist ihr nicht viel geblieben. Ihr Appartement im Hotel Montana ist komplett zerstört, die Nächte verbringt sie seither im Auto. Mehr als zwei Stunden Schlaf waren bislang nicht drin.

Vielen der Überlebenden ist nicht einmal das vergönnt. Sie stehen vor dem Nichts, die Hauptstraßen der Stadt sind zu großen Nachtlagern geworden. Insgesamt sind nach Angaben des Roten Kreuzes etwa drei Millionen Menschen in Not. Luftbilder zeigten Landschaften wie nach einem Bombardement. Haitis Regierung befürchtet zwischen 50.000 und 100.000 Tote.

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Erdbeben: Port-au-Prince: Chaos, Elend, Verwüstung und erste Hilfe
Die weltweite Betroffenheit löste eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. US-Präsident Barack Obama versprach 100 Millionen Dollar Unterstützung, ebenso die Weltbank und der Internationale Währungsfonds.

Aus allen Teilen der Welt sind Helfer auf dem Weg nach Haiti. Doch was sie dort erwartet, wissen viele selbst nicht genau - zu chaotisch scheint die Lage in Port-au-Prince. Die Kommunikation in der Stadt ist zusammengebrochen. Für die Leute vor Ort ist dies ein immenses Problem, denn die Erdbebenopfer brauchen so schnell wie möglich Hilfe.

"Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit", sagt Tauschek. "Die Leute haben nichts zu essen, Plünderungen beginnen. Nachts setzen sich Bewohner in Gruppen vor ihre Häuser, um sie zu bewachen, doch einzelne Überfälle können sie nicht verhindern."

"Helft uns, helft uns"

Alle Hoffnungen ruhen nun auf den internationalen Hilfsgruppen, denn die haitianische Regierung ist mit der Situation völlig überfordert. "Wir bekommen nur unspezifische Hilferufe", sagt Hans-Peter Debelius, der im Nachbarstaat Dominikanische Republik das Büro der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit leitet. "Sie bitten: Helft uns, helft uns. Aber was genau benötigt wird und an welcher Stelle - das wissen sie nicht."

Tatsächlich ist die Koordination der Hilfslieferungen die größte Herausforderung der kommenden Tage. Die Verteilung der Lebensmittel könnte ein großes Sicherheitsrisiko darstellen. Das Hauptgefängnis in Port-au-Prince ist nach Uno-Angaben zerstört worden. Einige Häftlinge wurden von den Trümmern begraben, andere sind entflohen. "Das ist durchaus ein Problem", sagte Uno-Nothilfekoordinator John Holmes in New York. Tauschek betet, dass es nicht zu Ausschreitungen kommt.

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Haiti: Inselstaat in der Erdbebenzone
Die Sätze sprudeln jetzt nur so aus ihr heraus. "Ich hoffe, dass die Hilfe möglichst schnell kommt, dass sie effizient umgesetzt wird, dass die Menschen geduldig sind." Wenn sie aus dem Fenster schaue, seien dunkle Wolken am Himmel zu sehen, sagt sie. "Starker Regen - das wäre die nächste Katastrophe."

Gemeinsam mit den anderen Helfern vor Ort steht sie selbst vor großen Problemen. "Auch wir müssen schauen, dass wir Nahrung und Trinkwasser bekommen, dass wir Elektrizität haben, um überhaupt kommunizieren zu können." Momentan herrsche in der Stadt großes Chaos.

Heikle Aufgabe für die Blauhelm-Soldaten

Viele Überlebende verlassen aus diesem Grund Port-au-Prince. In der Dominikanischen Republik kommen ganze Busladungen von Verletzten an. Das kleine Krankenhaus in Jimani unmittelbar hinter der Grenze kann den Andrang kaum bewältigen.

In die andere Richtung brechen die ersten Lastwagen mit Wasser und Lebensmitteln auf, um die Menschen in Haiti mit dem Nötigsten zu versorgen. Die Uno soll die Verteilung der Hilfsgüter organisieren und sichern, doch die Vereinten Nationen wurden von dem Beben selbst schwer getroffen. Die Zentrale in Port-au-Prince ist eingestürzt, mindestens 36 Mitarbeiter kamen dabei ums Leben. Viele weitere werden noch vermisst. Neben der Suche nach Überlebenden und der Koordination der Helfer soll die Uno auch auf den Straßen von Port-au-Prince für Ordnung sorgen. Das war schon vor der Katastrophe eine heikle Aufgabe für die Blauhelm-Soldaten.

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Vorher-nachher-Bilder: Was das Beben in Haiti angerichtet hat
"Es ist wirklich außerordentlich kompliziert. Niemand kann behaupten, die Lage sei momentan unter Kontrolle", sagt ein Sprecher in New York, "das ist zur Zeit unmöglich."

Die USA schicken 3500 Soldaten nach Haiti, um die Sicherheitslage zu stabilisieren. Außerdem werden 2000 Marineinfanteristen nach Haiti verlegt. Der US-Flugzeugträger "USS Carl Vinson" ist ebenfalls auf dem Weg. Er bringt weitere Hubschrauber für die Rettungsarbeiten und könnte als Landeplatz für Hilfsgütertransporte dienen.

Die Erdbebenopfer warten verzweifelt auf die Ankunft der Helfer. Auch die Welthungerhilfe hat ein Notteam losgeschickt. Während Tauschek am Telefon vom Leid in Port-au-Prince berichtet, kreisen die Männer in einem Flieger über der Stadt. Es hat bislang keine Landeerlaubnis gegeben. "Die Flughäfen sind der Flaschenhals", sagte auch Uno-Koordinator Holmes. Der Airport von Port-au-Prince sei durch das Erdbeben beschädigt und derzeit völlig überlastet. "Zudem ist die Infrastruktur nicht so, dass wir nachts fliegen können."

"Das alles ist Wahnsinn", sagt Tauschek. Dann rauscht es in der Leitung, die Verbindung nach Haiti wird schlechter. Sie muss auflegen. Es gibt noch viel zu tun.

Mit Material von dpa

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