Post aus Peking "Tolle Sache, aber ein bisschen lang das Ganze"

Nur die wenigsten Chinesen können die Wettkämpfe der Olympischen Spiele live verfolgen. Vielen bleibt nur der Fernseher zu Hause oder in der Kneipe. Andreas Lorenz hat sich während der Eröffnungsfeier in Peking aufs Fahrrad geschwungen und unters Volk gemischt.


Es ist die große Stunde Chinas, im Nationalstadion läuft die Eröffnungsfeier für die Olympischen Spiele. Die Mannschaften marschieren ein, nach einer komplizierten Reihenfolge, ausgerichtet nach chinesischen Schriftzeichen. Die deutsche Equipe kommt an 198. Stelle.

Es ist Zeit, die Stimmung in der Stadt zu erkunden: Ich greife mein Rad, fahre durch Peking, das an diesem Abend ungewohnt ruhig ist, so leer wie deutsche Städte gegen acht Uhr morgens am Neujahrstag.

Auf den Straßen fahren kaum Autos, kaum Fahrräder, laufen kaum Passanten. Vor vielen Restaurants stehen Kellnerinnen und Köche und plaudern. Es gibt nichts zu tun, die Kundschaft ist ausgeblieben.

Die Pekinger Behörden übertragen die Eröffnungszeremonie an einigen Plätzen auf großen Bildschirmen, aber die meisten Bewohner sitzen daheim vor dem Fernseher. Viele fürchten sich auszugehen. Den ganzen Tag schwirrten Gerüchte über Bombenanschläge. Da ist es besser, die Schau zu Hause zu sehen.

Ich passiere das Nordtor des Arbeiterstadions, wo schon bald die Fußballerinnen um Gold kämpfen werden. Hier sitzen etwa 200 Menschen auf dem Fußboden und sehen auf einem Monitor, wie die Sportler aus Uruguay ins Stadion tanzen.

Weiter im Norden biege ich in eine kleine Straße. Gegenüber liegt der Chaoyang-Park, am Sonnabend werden hier die Beach-Volleyballer die ersten Bälle über das Netz schlagen. Der Mann vom Zigarettenkiosk an der Ecke hat einen kleinen Fernseher aufgestellt, rund 20 Männer und Frauen stehen davor, manche eine Bierflasche in der Hand. "Tolle Sache", sagt einer über die Eröffnungsveranstaltung, "aber ein bisschen lang das Ganze".

Es ist die Gegend der Wanderarbeiter, der Taxifahrer, der Hausmädchen und der Karaoke-Girls. Hier wohnen sie in einfachen Unterkünften, reparieren ihre Autos, spielen Billard, lassen sich die Haare machen, essen ihre Nudeln. Doch die sonst so quirlige Straße ist dunkel. Vereinzelt leuchten Neonlichter, nackte Glühbirnen hängen vor vielen Läden.

"Hey, ich verpasse dir eine Massage"

Grillen zirpen laut. Ich rolle an einem leeren Friseursalon vorbei. Nur ein Mädchen im roten Kleid sitzt drin. Sie winkt aufgeregt: "Hey, ich verpasse dir eine Massage."

Unter den Brücken und an den Fußgänger-Übergängen am Vierten Stadtring langweilen sich Wachmänner. Ich wende mich in Richtung Olympiastadion, vielleicht komme ich rechtzeitig zum Feuerwerk. Die Straßen beleben sich. Stadtbusse stehen in einer langen Reihe, sie dürfen nicht am Olympiagelände vorbeifahren. Die Passagiere warten geduldig an den Haltestellen, bis es weitergeht.

Je näher das Stadion rückt, desto mehr Menschen sind auf der Straße. Sie tragen Fahnen und rote Stirnbänder: "China – los!" steht drauf. Doch das Olympiagelände ist weiträumig abgesperrt.

So drängen sich viele Anwohner an den Straßenkreuzungen und zwischen den Häusern, um einen Blick auf das Stadion und das Feuerwerk zu erhaschen. Hier ist niemand auf die Idee gekommen, die Feier auf einem großen Bildschirm zu übertragen. Ein Wachmann brüllt: "Weiterfahren".

Ich kaufe in einem Lädchen kalten Tee, drei Yuan (knapp 30 Cent) die Flasche. Ein kleiner Fernseher läuft. "Die Deutschen sind gerade einmarschiert", sagt der Besitzer. "Waren so fünfzig Leute." "Kann nicht sein", erwidere ich. "Müssen so um die 300 gewesen sein." Er nickt, die deutsche Mannschaft ist ihm ziemlich egal.

Ich: "Und: wie laufen die Geschäfte?" Er: "Nicht so gut, von hier aus kann man das Feuerwerk nicht richtig sehen. Man muss den Hals recken, die Leute gehen woanders hin."

Auf der großen Straße passieren Busse mit Soldaten, offenbar waren sie bei der Eröffnungsveranstaltung dabei. Sie winken den Schaulustigen zu, die winken nicht zurück. Vor dem Schaufenster des Restaurants "Nicht-traditionell gebackener Fisch" stehen Menschen. Innen läuft der Fernseher, vor mir wedelt ein älterer Herr mit der chinesischen Fahne. Rogge redet. Die Stimmung im Saal ist gut, junge Frauen mit roten Fahnen auf der Wange klatschen.

Plötzlich taucht ein deutscher Diplomat auf, der offenbar auch die Atmosphäre nahe des Stadions spüren will. "Haben Sie die deutsche Mannschaft gesehen? Die wedeln sich mit unseren Fächern Luft zu", sagt er stolz. Die schwarz-rot-goldenen Fächer sind ein PR-Gag der Botschaft.

Innen schwebt der dreifache Goldmedaillengewinner im Turnen, Li Ning, als letzter Fackelträger durch das Stadion. "Wer ist das?" fragen die Leute vor dem Restaurant. Keiner weiß die Antwort.

Dann rennen sie zur Kreuzung, um das Feuerwerk zu sehen. Es ist enttäuschend kurz, ich radele nach Hause. Plötzlich blinkt es blau und rot in der Nacht, Polizisten versperren den Weg. Die schwarze Kolonne des US-Präsidenten surrt vorbei.

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