Post aus Peking Wo Olympia fern ist

Für die Menschen in Chinas westlichster Stadt Kashgar sind die Spiele in Peking so weit weg wie eine Reise zum Mond. Andreas Lorenz hat in Xinjiang nach dem olympischen Geist gesucht und festgestellt: Die Uiguren haben andere Sorgen.


Der Vorplatz der Idkah-Moschee ist ein beliebter Treffpunkt am Abend. Männer mit traditionellen Kappen und langen Bärten sitzen auf den Steinen, Frauen in traditionellen Trachten plaudern. Auf der Straße fährt eine Hochzeitsgesellschaft in einem Autokonvoi vorbei, die uigurischen Weisen einer Musikkapelle wehen über den Platz.

Ein riesiger Bildschirm überträgt die Nachrichten des Zentralfernsehens aus Peking, der Ton ist abgeschaltet. Gerade läuft eine Reportage über die High-Tech-Kameras im Pekinger Nationalstadion. Doch nur wenige Menschen auf dem Platz schauen hin.

Auf dem Volksplatz in der Nähe, den eine riesige Mao-Statue überragt, ist Olympia ebenfalls auf einer großen Projektionswand zu sehen. Auch hier scheint das Interesse der Passanten nicht allzu groß.

Kashgar in der riesigen Wüstenregion Xinjiang ("Neue Grenze") ist die westlichste Stadt Chinas mit rund 400.000 Einwohnern. Sie liegt näher an Moskau als an Peking. Hier am Fuße des Pamirgebirges geht die Sonne zwei Stunden später auf als in der chinesischen Metropole. Xinjiang ist die Heimat der muslimischen Minderheit der Uiguren, einem Turkvolk.

Islamische Extremisten haben in den letzten Tagen versucht, die Spiele zu stören und Aufmerksamkeit auf ihr Ziel, ein unabhängiges "Ost-Turkestan", zu lenken. In bislang drei Anschlägen töteten sie Soldaten, Polizisten und Wachleute als Symbol der chinesischen Herrschaft.

Yoa Ming strahlt - auf einem Werbeplakat

Wie stark interessieren sich die Uiguren unter diesen Umständen für die von den Chinesen organisierten Spiele? Als die Olympische Fackel Mitte Juli durch Kashgar getragen wurde, hatten die Sicherheitsbehörden noch alles dafür getan, den Bürgern das Ereignis zu verleiden. Sie schlossen Straßen und Plätze, Geschäfte und Basare und sperrten die Bevölkerung bis auf ein paar Jubelgruppen aus.

Wer in diesen Tagen nach Kashgar reist, dem strahlt auf dem Vorplatz des Flugplatzes der chinesische Basketball-Star Yao Ming auf einen Plakat einer Versicherungsgesellschaft entgegen. Auf einer Werbefläche daneben ist eine riesige chinesische Nationalfahne abgebildet. In gelben Schriftzeichen steht die offizielle Losung der Spiele: "Eine Welt - ein Traum".

In der Altstadt von Kashgar mit ihren verwinkelten Gassen und überdachten Gängen flimmern auf Marktständen und Geschäften kleine Fernseher mit Olympia-Berichten. Der Empfang ist mancherorts so schlecht, dass die Sportler im fernen Peking viele Schatten haben.

Auch das uigurischsprachige Fernsehen ist bei den Spielen dabei. Drei Moderatoren sitzen nebeneinander im Studio und reden mit ernsten Minen, als ob in Peking gerade eine Trauerfeier stattfände.

Live-Berichte auf Uigurisch sendet es nur wenige, die Reporter sprechen dann ihre Kommentare über die Stimmen der chinesischen Kollegen. "Natürlich wollen wir, dass China mehr Medaillen gewinnt als die USA", sagt ein Rosinenhändler in der Altstadt. Ein Kunde erklärt: "Zum ersten Mal finden Olympische Spiele in China statt, darauf kann man stolz sein."

"Das können wir uns nicht leisten"

Ob sie wirklich meinen, was sie sagen oder ob sie gegenüber einem Ausländer nur die offizielle Sprachregelung weitergeben, bleibt offen. Drei uigurische Boxer gehören jedenfalls zur chinesischen Mannschaft, zwei sind ausgeschieden.

Aber der Weltergewichtler Hanati Silamu hat das Viertelfinale erreicht. Am Sonntag abend kämpft er gegen einen Kameruner. In Athen war er vor vier Jahren Neunter geworden.

Warum sind nur so wenige Uiguren in Peking dabei? Dies, sagt ein Geschäftsmann, sei keine Frage, welcher Nationalität ein Sportler angehöre. "Aber bei uns sind die Trainingsbedingungen rückständiger als in anderen Teilen des Landes."

Auf der Terrasse eines Teehauses sitzen drei Männer, einer mit Strickkäppchen, einer mit der uigurischen Dopa, einer mit einem Strohhut. Kopfschüttelnd schauen sie auf eine Gruppe leicht bekleideter Touristinnen, die unten die mit Wassermelonen und Gemüse beladenen Eselskarren fotografierten.

"Würden Sie nach Peking fahren, um sich die Spiele anzuschauen?" Man hätte sie auch fragen können, ob sie auf den Mond fliegen wollen. "So etwas ist viel zu teuer, das können wir uns nicht leisten", sagt einer schließlich.

Im Flugzeug zurück nach Peking sitzt ein junges chinesisches Pärchen aus Guangzhou. Sie haben in Xinjiang Ferien gemacht. Die Frau trägt eine schwarze Basketball-Kappe mit der Aufschrift "Italien".

Aus einer schwarz-roten Adidas-Tasche zieht sie zwei Olympia-Karten für das Finale der Turmspringerinnen vom Dreimeter-Brett am heutigen Sonntag. "Ich habe sie über das Internet gekauft", sagt sie stolz. "Deswegen fliegen wir über Peking zurück nach Hause. Das wird eine Supersache."



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