Präsidenten-Vermarktung Verrückt nach "Abe" Lincoln

Knapp 140 Jahre nach seiner Ermordung ist Abraham Lincoln in den USA noch immer eine Kult-Figur. Zum Jahrestag seines gewaltsamen Todes feiern ihn die Amerikaner mit Filmen, Ausstellungen und jeder Menge Fan-Artikeln. Weil Lincoln Gerüchten zufolge homosexuell gewesen sein soll, avanciert er nun auch zur Ikone der US-Schwulen-Bewegung.

Von Volker ter Haseborg, Washington


Lincoln-Memorial in Washington: Neuer Star der Homosexuellen
AP

Lincoln-Memorial in Washington: Neuer Star der Homosexuellen

Washington - Unter der mächtigen Kuppel im Washingtoner Kapitol steht sie - die Statue Abraham Lincolns. Sympathisch sieht der Mann nicht aus, eher angewidert blickt er in die Welt. Die Augen halb geschlossen, verzieht das steinerne Ebenbild den rechten Mundwinkel zu einer Grimasse. Touristenführer behaupten, die Fratze solle ein Lachen darstellen.

Kaum zu glauben, dass dieser Griesgram fast 140 Jahre nach seinem Tod in den USA so frenetisch gefeiert wird. Gründe dafür gibt es viele: "Abe" Lincoln war zwar wie George W. Bush ein Republikaner. Doch vor allem liberale Amerikaner sind es jetzt, die ihn toll finden. Als Kind soll er sich das Lesen selbst beigebracht und auch sonst seine Freizeit mit Büchern verbracht haben. Nachdem er zum 16. Präsidenten der USA gewählt worden war, brach der Bürgerkrieg aus. Lincoln hielt die Union der Staaten zusammen. Gerade dies bringt ihm heute so viel Sympathie ein. Viele Amerikaner wünschen sich einen Vermittler, angesichts der deutlichen Spaltung des Landes in Demokraten und Republikaner.

Lincoln-Schlafzimmer im Weißen Haus: Neue Liebe für den toten Präsidenten
DPA

Lincoln-Schlafzimmer im Weißen Haus: Neue Liebe für den toten Präsidenten

Auch bei den ethnischen Minderheiten in den Vereinigten Staaten ist Lincoln beliebt: Obwohl er die Sklaverei nicht abschaffte, bereitete er deren Ende vor. Im April 1865 wurde Lincoln in einem Washingtoner Theater erschossen. Es war die erste Ermordung eines Präsidenten in der US-Geschichte. "Lincoln verkörperte die amerikanischen Werte wie kein anderer", sagte Lincoln-Biograf Ronald White der "US Today". Weisheit und Selbstverachtung hätten den 16. US-Präsidenten geprägt. Er sei bescheiden und strebsam gewesen.

Mit dem andauernden posthumen Ruhm des ehemaligen Präsidenten stieg die Zahl jener, die Geld mit Lincolns Popularität verdienen wollen. Die Historikerin Doris Kearns Goodwin hat eine Biografie über Lincoln geschrieben, Steven Spielberg plant bereits die Verfilmung mit Liam Neeson in der Hauptrolle. Das Gerücht, Lincoln sei homosexuell gewesen, macht den Ex-Präsidenten dabei noch interessanter. Neuerdings sieht man sein Konterfei auf T-Shirts von Aktivisten der Schwulen-Bewegung, die gegen das von George W. Bush und seiner Regierung angestrebte Verbot von Homo-Hochzeiten protestieren.

Lincoln: Wunsch nach einem Vermittler
AFP

Lincoln: Wunsch nach einem Vermittler

Das Magazin "U.S. News & World Report" hob Lincolns Bild auf die Titelseite und versuchte, seinen Mythos zu ergründen. In Springfield, Illinois, wo Lincoln aufwuchs, eröffnet im April ein Museum. Darin: ein großer Themenpark zum Leben und Wirken des ermordeten Politikers und eine Lincoln-Bibliothek.

Auch die Textilindustrie hat entdeckt, dass Lincoln sich gut verkauft. Im Internet können sich seine Bewunderer T-Shirts mit der Aufschrift "Vote for Lincoln" oder Hemden, die für die Einheit der Vereinigten Staaten werben, bestellen. Fürs Auto gibt es den Aufkleber "I love Lincoln".

Dem Amtsinhaber dürfte Lincolns Popularität wohl nicht in den Kram passen. Das Urteil des Historikers Ronald White zumindest fällt eindeutig zu Gunsten Lincolns aus: "Er war charismatischer als heutige Politiker."



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.