Präsidentschaftswahl im Cholera-Chaos Haiti hofft auf die letzte Chance

In Haiti ist ein knappes Jahr nach dem Erdbeben vom Wiederaufbau kaum etwas zu sehen: Dreck, Hunger und Seuchen bestimmen den Alltag. Geberstaaten wie die USA halten Gelder zurück. Erst nach der Wahl am Sonntag soll die Milliardenhilfe fließen.

Klaus Ehringfeld

Aus Port-au-Prince berichtet


Wenn es einen Ort gibt, den Gott verlassen hat, dann muss es dieser sein: Wharf Jeremie, Port-au-Prince, Haiti. Das Wort Slum beschreibt nur unzureichend diese Ansammlung von Hütten aus rostigem Wellblech, Planen und Platten, aufgestellt dort, wo andere Unrat und Exkremente verklappt haben.

In der Regenzeit und jetzt nach dem Wirbelsturm "Tomás" steht schwarz schimmernd das Brackwasser in den Hütten, knöchelhoch. Wharf Jeremie, Jeremies Kai, liegt gleich am Hafen von Port-au-Prince. Irgendwo am Horizont schimmert türkis und surreal das Meer, während sich hier die Probleme versammeln, die Haiti zu einem Stück Afrika in Amerika machen: Dreck, Hunger, Armut, Gewalt und Sklaverei.

Wer in Wharf Jeremie gelandet ist, erwartet nichts mehr vom Leben. Dacheline Dinius ist zehn Jahre alt und schon lange hier. Sie kam aus der Provinz, als Halbwaise, und wurde von einer fremden Familie aufgenommen. Seitdem schuftet sie in einer dieser Hütten, fegt den Schmutz zusammen oder schöpft das Brackwasser aus. Zur Belohnung gibt es Schläge von der Frau, die sie "Tante" nennt, die eigentlich aber eine Fremde ist.

Täglicher Horror

Das Mädchen mit den roten Schleifen im Haar erzählt leise von dem täglichen Horror in der Gruppe, die sie ihre Familie nennt. Dacheline ist ein sogenanntes Restavec-Kind, eines von geschätzten 300.000, die in Haiti bei anderen als der eigenen Familien leben. Und arbeiten. Vor allem arbeiten. Ihr Schlaflager ist der nackte Boden. Restavec kommt aus dem französischen. "Rester avec" - bei jemandem bleiben. In Haiti bedeutet es: für jemanden knechten.

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Slum in Port-au-Prince: Am Ende der Welt
Morgens vor der Schule muss Dacheline das Essen machen, fegen, abwaschen, dann darf sie zur Schule, nachmittags muss sie Wasser holen, immer wieder: fünf- bis sechsmal am Tag. Jetzt, in Zeiten der Cholera, ist frisches Wasser besonders wichtig, denn auch in Wharf Jeremie haben sich Dutzende Menschen mit dem Vibrio-Cholerae-Erreger infiziert, der die tückische Durchfallerkrankung auslöst.

Wer Wharf Jeremie gesehen hat, fragt sich nur eins. Warum hat es so lange gedauert, bis die Cholera in Haiti ausgebrochen ist? Vom Erdbeben, der Jahrhundertkatastrophe am 12. Januar 2010, ist der Ort, der zum berüchtigten Slum Cité Soleil gehört, weitgehend verschont geblieben. Als der Boden damals 37 Sekunden lang bebte, fielen nur wenige Hütten zusammen, viel konnte ja nicht kaputtgehen.

Das ärmste Land der westlichen Welt

Haiti ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Neun der zwölf Millionen Menschen leben im Elend, viele von ihnen unter Bedingungen wie in Wharf Jeremie. 70 Prozent der Haitianer haben keinen Job oder verkaufen von A wie Apfelsinen bis Z wie Zahnbürsten alles auf den Straßen, die Tauschbörsen und Freiluftsupermärkte zugleich sind.

Die Schere zwischen Arm und Reich ist nirgendwo in Lateinamerika so groß wie in der Inselrepublik. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei rund 950 Dollar und damit fast zehnmal niedriger als in der benachbarten Dominikanischen Republik. Es gibt kaum befestigte Straßen und nur sporadisch Strom.

Die Rate der HIV-Infektionen ist lediglich in afrikanischen Ländern höher als in Haiti. Die Lebenserwartung liegt bei 61 Jahren. Jeder zweite Haitianer kann nicht lesen und schreiben. Ohne die Hilfe der internationalen Gemeinschaft und den 1,5 Milliarden Dollar, die Auslands-Haitianer überweisen, stürben Hunderttausende den Hungertod.

Das alles war schon lange vor Beben und Cholera so. Edmond Mulet ist ein schmaler Mann von 59 Jahren, der Haiti seit langem kennt. Der Guatemalteke leitete bereits von Juni 2006 bis August 2007 die Uno-Stabilisierungsmission Minustah. Und nach dem Beben ersetze er wiederum seinen Nachfolger Hédi Annabi, der starb, als das Uno-Hauptquartier in Port-au-Prince zusammenfiel.

"Kreislauf von Hilfe und Spenden"

Mulet, neben Präsident René Préval vermutlich der mächtigste Mann in Haiti, hat klare Vorstellungen, wie es mit dem karibischen Chaos-Staat weitergehen kann. "Haiti muss aus dem ständigen Kreislauf von Hilfe und Spenden heraus", sagt er in seinem gekühlten Arbeitszimmer in einem Container am Flughafen von Port-au-Prince. "Die Haitianer wollen Arbeitsplätze, Einkommen und wirtschaftliche Entwicklung. Und wir müssen dafür sorgen, dass die Voraussetzungen hier für Investitionen geschaffen werden."

Mulet, der fast 12.000 Blauhelme und Uno-Polizisten sowie 1200 zivile Mitarbeiter regiert, sieht in dem Jahrhundertbeben eine Chance für das Land: "Die sozialen Probleme bestanden ja schon lange vorher. Die Katastrophe hat sie nur sichtbar gemacht. Schon früher lebten die Menschen in entsetzlichen Verhältnissen, an Abhängen, wo ihnen buchstäblich die Abwässer auf den Kopf gegossen wurden. Vielen von ihnen geht es heute sogar besser in den Lagern, in denen sie mit dem Nötigsten versorgt werden."

Die staatlichen Strukturen lagen in Haiti schon vor dem Beben in Trümmern. Es gab keinen Rechtsstaat, kein Grundbuchamt, kein Kataster, kaum geteerte Straßen und zu wenige Krankenhäuser, keine Müllabfuhr und nur sporadisch Strom. Das letzte Kino des Landes hat zwei Monate vor dem Beben den Betrieb eingestellt.

"Kollektiver Selbstmord einer Nation"

86 Prozent der Haitianer, die einen Mittelschulabschuss haben, sind weggegangen und leben heute in New York, Miami, Paris oder Montréal. "Das gleicht dem kollektiven Selbstmord einer Nation", sagt Mulet und beantwortet damit zugleich die Frage, die sich jeder stellt, der fast ein Jahr nach dem Beben nach Port-au-Prince kommt: Warum ist von dem Wiederaufbau kaum etwas zu sehen? Warum leben noch immer 1,5 Millionen Menschen in Zelten und unter Planen auf Plätzen und Bürgersteigen?

Arnold Antonin, Bürgerrechtler und Filmemacher nennt die Zeltstädte die neuen Slums von Port-au-Prince und kritisiert die Plan- und vor allem Ideenlosigkeit der Regierung. "Entweder wir bauen alles schlimmer als zuvor auf oder wir nutzen die Gelegenheit und entwerfen ein neues Haiti, eine gerechtere Gesellschaft, dezentral, geordnet, mit Chancen für alle", sagt der 68-Jährige und unterstreicht jede seiner Ideen mit rudernden Handbewegungen. "Und aus Port-au-Prince machen wir eine avantgardistische Stadt des 21. Jahrhunderts." Doch die Realität hat seine Ideen überholt. "Die Stadt macht einfach auf den Trümmern weiter wie immer." Der Notfall ist zur Normalität geworden.

Aber wie soll man von einer Regierung Erfolge bei der Bewältigung der größten Katastrophe der Neuzeit erwarten, die schon vorher nicht in der Lage war, Schlaglöcher in der Straße zu schließen. Hinzu kommt eine internationale Gemeinschaft, die abwartet, wer am Sonntag die Wahl gewinnt, bevor sie den Großteil der zugesagten Milliardenhilfe auszahlt. Und dann konzentrieren die Hilfsorganisationen seit sechs Wochen ihre Kraft auf die Eindämmung der Cholera, an der rund 1500 Menschen gestorben sind und mit der sich mehr als 20.000 infiziert haben.

Krisen aller Art

Und nun sollen Wahlen Veränderung bringen. Die internationale Gemeinschaft, allen voran die Uno und die Europäische Union, drängt auf die Abstimmung, trotz Krisen aller Art. Verschieben ist keine Lösung", sagt Lut Fabert-Goossens, Leiterin der EU-Delegation in Haiti. "Das würde die politische Instabilität nur verschlimmern." Minustah-Chef Mulet fürchtet gar das "totale Chaos", sollte die Abstimmung noch verschoben werden. Der Nenner ist bei allen derselbe: Haiti braucht eine Regierung, die endlich den Wiederaufbau im Zusammenschluss mit der internationalen Gemeinschaft in die Hände nimmt.

Auch die Bevölkerung will Veränderung. Sie hat die Nase voll von einer Regierung, die sie nach dem Beben alleine ließ, von einem Präsidenten Préval, der erst Tage nach der Katastrophe auftauchte. Jeden Tag stellen sich die Menschen, die beim Beben alle ihre Dokumente verloren haben, zu Tausenden an den Polizeirevieren für einen provisorischen Ausweis trotz großer Hitze in die Schlange, damit sie am Sonntag die Wahl haben.

Vielleicht schafft eine neue Regierung ja auch für Dacheline Dinius, dem Restavec-Mädchen aus Wharf Jeremie, eine Lösung. Bislang kümmert sich der haitianische Staat nicht um die Sklavenkinder. Sie werden weggegeben, verkauft oder unter Verwandten getauscht. Dacheline aber geht wenigstens zur Schule.

Die Duisburger Kindernothilfe unterstützt in Wharf Jeremie eine Schule, die von der evangelischen Kirche geführt wird. 200 Kinder zwischen drei und 13 Jahren sitzen bei Saunatemperaturen dicht gedrängt unter einem Wellblechdach. Die Mädchen haben kleine Schleifen im Haar, die Jungs stecken in roten Stoffhosen. Als der Besuch hereinkommt, schmettern sie zur Begrüßung ein Lied.

Es steckt ihr ganzer Lebensmut darin - und sehr viel Wut.

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Seite 1
frubi 26.11.2010
1. .
Zitat von sysopIn Haiti ist ein knappes Jahr nach dem Erdbeben vom Wiederaufbau kaum etwas zu sehen: Die internationale Gemeinschaft wartet ab, wer am Sonntag die Wahl gewinnt, bis sie den Großteil der Milliardenhilfe auszahlt. Das Land versinkt derweil im Elend. Dreck, Hunger, Seuchen bestimmen den Alltag. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,731291,00.html
Demokratie kann schon was feines sein. Nix im Magen. Das was im Magen ist wurd durch die Cholera hinausgeschleudert, so dass dies auch noch das eigene Leben bedroht aber hauptsache man hat sein Wahlrecht. Und wieso wird mit den Milliardegeldern ein derartiges Spielchen betrieben? Die Menschen dort benötigen dringend medizinische und bauliche Hilfen. Wenn das Geld doch schon da ist, dann könnte man doch wenigstens die akuten Gefahren bekämpfen.
semper fi, 26.11.2010
2. -
Zitat von sysopIn Haiti ist ein knappes Jahr nach dem Erdbeben vom Wiederaufbau kaum etwas zu sehen: Die internationale Gemeinschaft wartet ab, wer am Sonntag die Wahl gewinnt, bis sie den Großteil der Milliardenhilfe auszahlt. Das Land versinkt derweil im Elend. Dreck, Hunger, Seuchen bestimmen den Alltag. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,731291,00.html
Haiti ist rettungslos verloren. Das gesamte Volk ist - mehr oder weniger - zu einem Anarchistenhaufen verkommen. Jeder denkt nur an sich selbst. Für die Gemeinschaft bleibt nichts übrig. Und die Nimm-Mentalität hat ungeahnte Aussmasse erreicht. Weit und breit ist auch niemand in Sicht, der diesen "Staat" so führen könnte, dass er noch eine Chance hat. All das hat sicherlich viel mit dem zu tun, was in der Vergangenheit unter den diversen Diktatorn gelaufen - oder auch nicht gelaufen - ist. Für jeden Rettungsversuch ist es zu spät. Das Beste wäre einen Zaun zu ziehen zwischen DomRep und Haiti, und die Küsten mit einer Seeblockade abzuriegeln. Niemand darf raus, nichts darf rein. Das hat sich das Problem bald von selbst erledigt.
Berta, 26.11.2010
3. die westliche Wertgesellschaft
Zitat von sysopIn Haiti ist ein knappes Jahr nach dem Erdbeben vom Wiederaufbau kaum etwas zu sehen: Die internationale Gemeinschaft wartet ab, wer am Sonntag die Wahl gewinnt, bis sie den Großteil der Milliardenhilfe auszahlt. Das Land versinkt derweil im Elend. Dreck, Hunger, Seuchen bestimmen den Alltag. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,731291,00.html
Das ärmste Land der westlichen Welt.
taiga, 26.11.2010
4. ----
Zitat von sysopIn Haiti ist ein knappes Jahr nach dem Erdbeben vom Wiederaufbau kaum etwas zu sehen: Die internationale Gemeinschaft wartet ab, wer am Sonntag die Wahl gewinnt, bis sie den Großteil der Milliardenhilfe auszahlt. Das Land versinkt derweil im Elend. Dreck, Hunger, Seuchen bestimmen den Alltag. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,731291,00.html
Mich erinnert Haiti stark an den bekannten Verfall der Osterinsel im Pazifik, als seine Ureinwohner ein rasantes Bevölkerungswachstum hinlegten, die ökologischen und ökonomischen Ressourcen des Eilands komplett überdehnten und demzufolge dann die Kultur zusammenbrach. http://de.wikipedia.org/wiki/Osterinsel#Fr.C3.BChgeschichte
the_flying_horse, 26.11.2010
5. Kann man so nicht vergleichen
Zitat von taigaMich erinnert Haiti stark an den bekannten Verfall der Osterinsel im Pazifik, als seine Ureinwohner ein rasantes Bevölkerungswachstum hinlegten, die ökologischen und ökonomischen Ressourcen des Eilands komplett überdehnten und demzufolge dann die Kultur zusammenbrach. http://de.wikipedia.org/wiki/Osterinsel#Fr.C3.BChgeschichte
Kann man so nicht vergleichen. In Haiti war der Hauptauslöser das Erdbeben, auf der Osterinsel ist völlig unbekannt, was den Niedergang ausgelöst hat; alles was dazu irgendwo geschrieben steht, sind reine Vermutungen. Die Insel selber gibt archäologisch außer den Maois nichts her, um Licht in das Dunkel der Vergangenheit zu bringen
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