Präventionsprojekt in Sachsen Neonazis im Klassenzimmer

Während Neonazis in Sachsen gegen Ausländer demonstrieren, versuchen einige Rechte den leisen Ausstieg. Sozialarbeiter Michael Ankele hilft ihnen dabei. Er lässt sie vor Schulklassen von ihren Erfahrungen in der Szene berichten. Dabei geht es mitunter ordentlich zur Sache.
Von Björn Menzel
Aussteiger-Helfer Ankele: Berichte vor Schulklassen

Aussteiger-Helfer Ankele: Berichte vor Schulklassen

Es ist eine immer wiederkehrende Reise in die Vergangenheit. David berichtet nicht zum ersten Mal davon, wie er mit Kumpels einen mutmaßlichen Linken anpöbelte, wie seine Kameraden sich aber aus dem Staub machten, als der Gegner Verstärkung bekam. Wie eine Bierflasche knapp über seinem linken Auge einschlug, wie das Blut aus der Platzwunde strömte, wie ein weiterer Schlag seinen Mund traf, er zwei Schneidezähne und einen Eckzahn verlor. Wie er davonlief, so schnell er konnte. Wie seine Wunden im Krankenhaus behandelt wurden. Wie all das letztlich dazu führte, dass aus David, dem Neonazi, David, der Aussteiger wurde.

Die Schlägerei liegt etwa acht Jahre zurück. Sie brachte David, 24, zum Umdenken. Heute tourt er mit seiner Geschichte durch sächsische Klassenzimmer. Der ehemalige Neonazi macht Präventionsarbeit gegen rechts.

Mit zwölf Jahren wurde David von einem rechten Kameraden aus der Jugendfeuerwehr rekrutiert. David bekam CDs und Zeitschriften, dann wurde er zu gemeinsamen Treffen eingeladen. Bald war er einer von ihnen. Die Masche funktionierte. Anfangs gab es nur einen Rechtsextremen in der jungen Löschtruppe, ein Jahr später waren es bereits 18, erinnert sich David. Sie soffen zusammen, feierten in einem eigenen Haus in Zittau, hörten Rechtsrock, fuhren nach Tschechien oder verprügelten Andersgesinnte.

David erzählt seine Geschichte den Jugendlichen in der Berufsschule im sächsischen Löbau. Der Ort liegt unweit der Grenze zu Polen und Tschechien. Das Gebiet um Zittau und Görlitz zählt seit den neunziger Jahren zu den rechten Hochburgen des Bundeslands. Aktuell kommen die Schlagzeilen aus dem sächsischen Schneeberg, wo Neonazis zu Demonstrationen gegen Asylbewerber aufrufen.

Zusammen mit dem Sozialarbeiter und Aussteiger-Helfer Michael Ankele tingelt David nun durch Schulen und berichtet von seinen Erlebnissen in der rechten Szene. Als Zeuge, zur Abschreckung - aber auch zur eigenen Therapie.

Lehrern gehen die Argumente aus

Diese Art der Prävention ist umstritten. Vor etwa zwei Jahren machte ein Schreiben der "Demokratie AG Ostsachsen" die Runde. Das Bündnis aus 16 Vereinen, das über den Rechtsextremismus aufklären will, empfahl eine kritische Auseinandersetzung mit Ankeles Methoden. Dem Sozialarbeiter wurde unter anderem vorgeworfen, sein Vorgehen sei "fachlich problematisch". Besonders die Vorträge vor Schulklassen zusammen mit Aussteigern wurden kritisiert. Rechtsextremismus würde als Event verkauft. Ankele verdient mit den Projekten sein Geld, auch die Ex-Neonazis erhalten eine geringe Aufwandentschädigung.

Vor den Berufsschülern in Löbau liegen Fragebögen auf den Tischen. "Ich feiere mit meinen Freunden den Jahrestag der Machtergreifung der NSDAP", steht da. Strafbar oder nicht strafbar? "Nicht strafbar", ruft ein Schüler. "Ich habe das 'Horst-Wessel-Lied' als Klingelton auf meinem Handy." "Strafbar", sagt einer. "Na dann löschen!", ruft ein anderer.

"Rechtsextremismus ist ein großes Thema in der Berufsschule", sagt Christina Renger-Pelz. Sie ist Lehrerin an der Einrichtung und hat Michael Ankele und David eingeladen.

Viele der jungen Leute sehen weder die NPD noch den Rechtsextremismus kritisch, hat die Pädagogin beobachtet. Als vor der Bundestagswahl die Berufsschüler mithilfe des "Wahl-O-Mat" herausfinden sollten, mit welcher Partei sie die meisten Gemeinsamkeiten hätten, wäre bei fast allen die NPD herausgekommen, sagt Renger-Pelz. Die Jugendlichen stünden der rechten Partei nicht kritisch gegenüber. "Die Slogans auf den NPD-Wahlplakaten zu Kinderschändern oder Ausländern finden sie richtig." Irgendwann seien ihr die Argumente ausgegangen.

Neonazis versuchen zu stören

Als David berichtet, traut sich niemand dazwischenzureden. Seine Erlebnisse scheinen Eindruck zu hinterlassen. Doch das ist nicht immer so. Oft sitzen den Aussteigern in der Klasse aktive Neonazis gegenüber. "Die versuchen zu stören", sagt Ankele. Sie würden mit Gegenfragen provozieren, das Berichtete leugnen oder Unruhe stiften. Wenn die Stimmung zu kippen droht, wenn es laut wird, mischt sich Ankele ein. "Die haben zwar Erfahrung im Agitieren, aber ich habe auch Erfahrung", sagt der Sozialarbeiter.

Seit zwölf Jahren betreut Ankele Aussteiger. Mehr als 80 Rechtsextreme hat er schon aus der Szene geholt. Etwa zehn seiner Klienten haben sich an den bislang 400 Präventionsveranstaltungen beteiligt. "Natürlich ist es für die Schüler glaubhafter, alles von einem ehemaligen Neonazis, quasi aus erster Hand, zu erfahren", sagt Ankele.

Doch zu 90 Prozent seien die Veranstaltungen Therapie für seine Aussteiger. "Die Jungs müssen das Erlebte in der rechten Szene immer und immer wieder durchleben." Den Suff, die Arbeitslosigkeit, die Schulden, die Gewalt, die Obdachlosigkeit, die Straftaten. Den sozialen Abstieg.

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