Bericht zum Würzburger Priesterseminar KZ-Witze und Führers Lieblingsmarsch

Antisemitische Sprüche, Hitlergruß, rechte Musik: Eine externe Kommission hat Vorwürfe gegen Priesteramtsanwärter in Würzburg bestätigt - und sogar noch weitere Verfehlungen aufgedeckt. Zwei Seminaristen müssen nun gehen. Womöglich droht ihnen ein Strafprozess.
Von Rainer Leurs
Portal des Würzburger Priesterseminars: "Kein braunes Netzwerk"

Portal des Würzburger Priesterseminars: "Kein braunes Netzwerk"

Foto: Daniel Peter/ dpa

Würzburg - Seinen Ohren habe er nicht getraut - so schilderte Regens Herbert Baumann den Moment, als er von den Vorwürfen gegen seine Seminaristen hörte. "Viele schlaflose Nächte" habe er seither gehabt, sagte der Leiter des Würzburger Priesterseminars Ende Mai SPIEGEL ONLINE.

Tatsächlich waren es heftige Anschuldigungen, die aus verschiedenen Quellen über die angehenden katholischen Geistlichen ruchbar wurden: Von KZ-Witzen war die Rede, außerdem von rechtsradikaler Musik und Saufgelagen zu Hitlers Geburtstag. Eine externe Untersuchungskommission, die die Vorwürfe klären sollte, hat nun ihren Abschlussbericht vorgelegt. Das Ergebnis des 204 Seiten starken Dokuments: Tatsächlich kam es am Priesterseminar zu zum Teil haarsträubenden Vorgängen.

So heißt es in einer Stellungnahme des Kommissionsvorsitzenden Norbert Baumann, ein Student habe seinen Kommilitonen "mindestens drei 'KZ-Witze' zur Unterhaltung" erzählt . Der gleiche Seminarist habe mit einem Kameraden im Bierkeller des Seminars Adolf Hitler imitiert und den Hitlergruß gezeigt. Die Kommission habe dafür "keine auch nur im Ansatz nachvollziehbare Begründung gefunden", hieß es.

"Neger zum Abräumen"

Bestätigt wird in dem Bericht auch, einer der Seminaristen habe nach einem Mittagessen nach einem "Neger zum Abräumen" verlangt. Ein weiterer habe ein Konzert der umstrittenen Band Frei.Wild besucht und sich dafür vom Besuch eines Gottesdienstes freistellen lassen. Welches Konzert er genau besuchen wolle, habe der Student dem Leiter der Einrichtung damals nicht mitgeteilt, wohl, um unangenehmen Nachfragen aus dem Weg zu gehen.

Beunruhigend ist auch die Feststellung der dreiköpfigen Kommission, ein angehender Priester habe sich abfällig über eine antirassistische Demonstration in Würzburg geäußert. "Den Teilnehmern der Kundgebung gehöre 'eine reingehauen' oder 'auf die Fresse gehauen'", sagte der Seminarist dem Bericht zufolge gegenüber Kommilitonen.

Während sich keine Feier zu Adolf Hitlers Geburtstag am 20. April nachweisen ließ, wurde nach Erkenntnissen der Kommission im Bierkeller des Seminars "wiederholt der Badenweiler Marsch gespielt, im Wissen, dass es sich dabei um 'Hitlers Lieblingsmarsch' handelte".

Zwei Studenten müssen gehen

Von den Vorwürfen "im engeren Sinn" betroffen sind laut Baumann zwei Mitglieder des Seminars. Beide müssen als Konsequenz die Einrichtung verlassen. Mit einem dritten Seminarteilnehmer würden noch Gespräche geführt, sagte nach Angaben des Münchner Kirchenradios der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Bei ihm soll es sich um den Studenten handeln, der die Drohungen gegen Demonstranten geäußert hatte.

"Als Weltkirchenbischof beunruhigen mich antisemitische und rassistische Äußerungen sowie die Verherrlichung von Nazisymbolen und Nationalismus aufs Äußerste", teilte Schick mit. Der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann fügte hinzu, jede kirchliche Tätigkeit erfordere eine "eindeutige Identifikation mit unserer demokratischen Grundordnung". Das Priesterseminar in Würzburg wird von Studenten aus beiden Bistümern besucht.

Offenbar auch, um den Eindruck eines Generalverdachts gegenüber dem Priesterseminar zu vermeiden, betonte Baumann bei der Vorstellung des Berichts, es gebe in der Einrichtung trotz allem "kein braunes Netzwerk und keinen braunen Sumpf". Bischof Hofmann zeigte sich darüber erleichtert. "Gleichwohl hat es sich gezeigt, dass das Fehlverhalten einiger Seminaristen die Atmosphäre insgesamt belastet hat", schränkte er ein.

Staatsanwaltschaft prüft Ermittlungen

Zufrieden mit der Arbeit der Kommission zeigte sich der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Er finde es positiv, dass sie binnen zwei Monaten zu einer klaren Aussage gefunden habe, sagte er SPIEGEL ONLINE. "Auch die Konsequenz daraus halte ich für richtig", sagte er in Bezug auf die Entlassung der beiden Seminaristen. "Die Frage wird jetzt sein, ob sich aus dem Bericht Dinge ergeben, die man an die Strafverfolgungsbehörden weitergeben muss."

Würzburgs Leitender Oberstaatsanwalt Dietrich Geuder bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass man den Inhalt des Berichts seit dem Morgen prüfe. Im Vorfeld hatte Geuder angekündigt, gegebenenfalls Ermittlungen einleiten zu wollen. In Frage kämen unter anderem Straftatbestände wie Beleidigung oder Volksverhetzung.

Die grüne Parlamentarierin Simone Tolle kündigte an, gegen die Seminaristen Strafanzeige erstatten zu wollen. Sie sei "ehrlich gesagt entsetzt", sagte sie SPIEGEL ONLINE über die Ergebnisse der Kommission. "Die Kirche muss sich fragen lassen, ob sie ihren Boden nicht genauer betrachten muss, in dem so eine Saat aufgeht." Für sie sei die Geschichte noch nicht aufgearbeitet.

Die Vorwürfe gegen das Priesterseminar hatten im Mai bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Regens Baumann hatte sich damals bestürzt über die Anschuldigungen gezeigt. "Wir haben das Gefühl, vor einem Abgrund zu stehen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Um die Anschuldigungen aufzuklären, wurde die externe Kommission unter der Leitung von Norbert Baumann eingesetzt - letzterer ist Richter am Bamberger Oberlandesgericht und nicht verwandt mit dem gleichnamigen Seminarleiter.

Gut fünf Wochen lang hatte die Kommission gearbeitet und dabei nach eigenen Angaben 28 Personen befragt, darunter die Seminarleitung und die angehenden Priester selbst. Richter Baumann betonte, die Kirche habe seiner Kommission bei der Aufarbeitung keinerlei Einschränkungen vorgegeben.