Prostitution in Afghanistan Teufelskreis aus Angst und Armut

Prostitution ist ein Tabu im islamischen Afghanistan: Nach dem Recht der Scharia können verheiratete Huren dort sogar zu Tode gesteinigt werden. Dennoch blüht in dem besetzten Land das Geschäft mit dem käuflichen Sex.


Kabul - Die kleine Afghanin war gerade elf Jahre alt, als ein beinamputierter Mann sie sexuell belästigte. Er gab ihr hinterher fünf Dollar. Mit 13 Jahren war sie bereits die Haupternährerin ihrer Familie. Als sie sich Sozialarbeitern anvertraute, schickten ihre Eltern den zehnjährigen Bruder zum Zuhälter des Mädchens. Als Ersatz.

Bittere Armut nach den Wirren langjähriger Kriege zwingt viele Mädchen und Frauen in Afghanistan in die Prostitution. Schätzungen zufolge gehen allein in Kabul rund 900 Frauen auf den Strich. Etwa 40 Prozent werden von Familienmitgliedern an ihre Kunden vermittelt, wie die deutsche Hilfsorganisation Ora International herausgefunden hat. In 17 Prozent der Fälle war die Mutter die treibende Kraft, zu 15 Prozent waren es die Ehemänner.

Dass chinesische Prostituierte in den Bordellen von Kabul ihre Dienste anbieten, ist hinreichend bekannt. Ihre Kunden sind in der Regel westliche Geschäftsleute, Sicherheitsbeamte oder Mitglieder internationaler Hilfsorganisationen. Viele Chinesinnen wurden nach eigenen Angaben mit falschen Versprechen nach Afghanistan gelockt. Ihnen sei Arbeit in Restaurants oder in Privathaushalten in der Golfregion zugesagt worden, doch stattdessen seien sie in schäbige Etablissements in Kabul verfrachtet worden.

"Die sind alle freiwillig hergekommen"

Die afghanische Polizei geht mit aller Härte gegen die illegale Prostitution vor. Rund 180 Frauen wurden im vergangenen Jahr in Kabul verhaftet, darunter nach amtlichen Angaben 154 Ausländerinnen zumeist aus China. Sie und ihre westlichen Kunden werden für einen Verfall der Sitten verantwortlich gemacht, was zu öffentlichen Übergriffen auf Frauen asiatischer Herkunft geführt hat. "Die sind alle freiwillig hergekommen, um ein gutes Geschäft zu machen", sagt der Chef der Kabuler Ermittlungsbehörde, General Ali Schah Paktiawal.

Diese Einstellung ist bezeichnend. Prostitution ist ein Tabu im streng islamisch geprägten Afghanistan. Ist dies schon für Ausländerinnen ein großes Problem, so ist es für Einheimische gänzlich unmöglich, sich irgendjemandem anzuvertrauen. Nach afghanischem Strafrecht wird Prostitution häufig mit Ehebruch gleichgesetzt, der mit 15 Jahren Haft geahndet werden kann. Nach dem Recht der Scharia könnten verheiratete Prostituierte sogar zu Tode gesteinigt werden.

Angesichts der weitverbreiteten Armut wird dieses Risiko in Kauf genommen. Um sich dennoch ihre Jungfräulichkeit zu bewahren, was für die Ehre unverheirateter afghanischer Frauen unabdingbar ist, praktizieren viele junge Prostituierte nur Analverkehr. Von Kondomen haben die meisten laut einer Umfrage noch nie etwas gehört. Auch die Gefahr von Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten ist ihnen unbekannt.

Probleme werden ignoriert

"Unsere Gesellschaft ignoriert die Probleme völlig", kritisiert die afghanische Frauenrechtlerin Orsala Aschraf. "Die Tradition besteht auf ihrem Ehrbegriff, also brechen wir mit der Tradition, wenn wir ein Tabu ansprechen." Hinzu komme, dass viele Mädchen schlicht Angst hätten, ergänzt Dschamila Ghairat von der Hilfsorganisation "Frauen für afghanische Frauen" - Angst vor der eigenen Familie, die sie umbringen könnte, Angst vor der Polizei, die sie einsperren könnte. Aus diesem Teufelskreis fänden sie kaum noch heraus.

Das Mädchen, von dem eingangs die Rede war, wurde irgendwann aufgegriffen und inhaftiert. Die 13-Jährige kam jedoch wieder frei, weil sie mit den Behörden zusammenarbeitete und nützliche Informationen über einen Ring für Kinderprostitution preisgab. Sie fand Aufnahme bei einer Frauenhilfsgruppe, arbeitete dort in der Küche und wurde therapeutisch betreut. Doch eines Tages sah eine Sozialarbeiterin sie mit ihrem früheren Zuhälter.

Seitdem ist sie verschwunden.

jdl/AP



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