Prostitution in der Coronakrise Die einen wollen wieder arbeiten, die anderen das dauerhafte Verbot

Wegen des Coronavirus sind Bordelle geschlossen. Prostituierte wie Anna aus der Hamburger Herbertstraße fürchten um ihre Existenz. Eine Aussteigerin hingegen fordert ein dauerhaftes Verbot von käuflichem Sex.
Zimmer in einem Bordell im Stuttgarter Leonhardsviertel: Wegen der Coronakrise wurden Etablissements im März geschlossen

Zimmer in einem Bordell im Stuttgarter Leonhardsviertel: Wegen der Coronakrise wurden Etablissements im März geschlossen

Foto: Max Kovalenko / imago images/Lichtgut

Auf dem Hamburger Kiez hat Anna schon vieles ausprobiert. Sie arbeitete im Eroscenter, in Peepshows, Tabledance-Läden und Nachtklubs. Anna ist seit 28 Jahren Prostituierte, seit 12 Jahren sitzt sie in einem Koberfenster in der Herbertstraße. Neben ihren Stammfreiern empfängt sie hier Laufkundschaft. Mehr als 200 Prostituierte arbeiten in der Gasse nahe der Reeperbahn. Der Zutritt ist nur Männern über 18 gestattet. An manchen Abenden habe sie zwei bis drei Freier gehabt, sagt Anna, die ihren Nachnamen für sich behalten möchte. An anderen Tagen wartete sie in ihrem Schaufenster ewig.

Und dann kam das Coronavirus und seitdem niemand mehr.

Seit Mitte März haben Bordelle, Laufhäuser und Saunaklubs in Deutschland geschlossen, Sexarbeit ist vorübergehend verboten. Anna sagt, sie und ihre Kolleginnen und Kollegen hielten sich strikt daran. Sie empfangen keine Kunden und hoffen, dass es bald weitergeht. Mehr können sie nicht tun. Ganz schön langweilig sei das, sagt die 46-Jährige. Doch viel schlimmer ist die Angst vor dem finanziellen Ruin.

Mitte Juli demonstrierten in der Hamburger Herbertstraße Hunderte Prostituierte für die Wiedereröffnung der Etablissements. "Das älteste Gewerbe braucht Eure Hilfe" oder "Der Staat fickt uns, aber zahlt nicht" stand auf den Plakaten, die Gesichter verbargen sie hinter Masken. Auch in Berlin, Köln oder Stuttgart gingen Prostituierte auf die Straße.

Plakate vor dem Eingang der Hamburger Herbertstraße: Mehr als 200 Prostituierte arbeiten in der Gasse nahe der Reeperbahn

Plakate vor dem Eingang der Hamburger Herbertstraße: Mehr als 200 Prostituierte arbeiten in der Gasse nahe der Reeperbahn

Foto: HANNO BODE/ imago images/Hanno Bode

"Sexy Aufstand Reeperbahn" nennt sich die Gruppe, die zu der Kundgebung in Hamburg aufgerufen hatte. Das Milieu fühlt sich von der Politik im Stich gelassen, vielmehr ungerecht behandelt. Andere Berufsgruppen wie Tätowierer, Physiotherapeuten oder Friseure dürfen wieder nah am Menschen arbeiten. Prostituierte aber sind zum Nichtstun verdammt. Dabei hat die Branche ein Hygienekonzept erarbeitet.

Demnach würde eine Plexiglasscheibe Anna und einen potenziellen Kunden trennen, beide wären zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes verpflichtet. Sobald der Gast das Bordell beträte, bekäme er eine neue Maske, seine Hände würden desinfiziert und Fieber gemessen. Außerdem müsste er sich registrieren, so wie es Prostituierte und Hauswirtschafterinnen vor Arbeitsbeginn auch tun und wie es seit der Coronakrise in jedem Restaurant Pflicht ist. Gruppenbesuche sind nicht mehr gestattet.

Auch die sexuellen Praktiken sind durch das Hygienekonzept geregelt. Das Waschen des Intimbereichs und das Tragen eines Kondoms gehören dazu, der Mund-Nasen-Schutz wird beim Akt nicht abgenommen. Drei Positionen sind möglich, bei allen wenden die Sexarbeiter den Kunden ihren Rücken zu. Oralverkehr ist erlaubt, Küssen verboten.

Das Fenster ihres Zimmers könne sie beim Geschlechtsverkehr die ganze Zeit geöffnet lassen, sagt Anna. Danach würde sie weiter lüften, die Laken abziehen, waschen und duschen gehen. Die Räume würden desinfiziert, Treppenläufe und Türklinken abgewischt. Anna möchte wieder arbeiten. Deshalb ging sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen auf die Straße.

Prostituierte in ihrem Zimmer in Hamburg: Freier dürfen hier noch nicht empfangen werden

Prostituierte in ihrem Zimmer in Hamburg: Freier dürfen hier noch nicht empfangen werden

Foto: Markus Scholz/ dpa

"Wir wollen nicht benachteiligt, stigmatisiert und kriminalisiert werden", sagt die 46-Jährige. Sie ist als Prostituierte angemeldet. Als Soloselbstständige beantragte sie eine Corona-Soforthilfe, 2500 Euro bekam sie einmalig. Dazu erhält sie bis zum 31. August Grundsicherung, der Staat übernimmt die Kosten für ihre Wohnung. "Ich habe Glück", sagt Anna. "Andere bekommen diese Hilfen nicht."

Denn nicht alle Prostituierten sind registriert. Manche leben ohne Aufenthaltsgenehmigung im Land, andere melden sich aus Angst vor Stigmatisierung nicht an. Sie sorgen sich, dass Familie oder Freunde erfahren könnten, wie sie ihr Geld verdienen.

Mehr als 40.000 Menschen gingen laut dem Statistischen Bundesamt Ende 2019 offiziell der Prostitution nach. Sie tragen einen speziellen Ausweis bei sich. Demnach besaßen 35 Prozent der gemeldeten Frauen und Männer die rumänische Staatsbürgerschaft. Aus Bulgarien stammten elf Prozent, acht Prozent aus Ungarn. 19 Prozent der Prostituierten und damit 7700 Personen hatten die deutsche Staatsangehörigkeit.

Anna aus Hamburg zahlt als Solo-Selbstständige Steuern und ist krankenversichert. Wer nicht registriert ist, kann nur schwer Hilfen beantragen. Kenner der Szene schätzen, dass die Coronakrise die Situation der Betroffenen verschlimmert. Sie arbeiten trotz des Verbots weiter, verabreden sich heimlich über das Internet oder besuchen Kunden zu Hause, weil sie auf das Geld angewiesen sind. Damit driftet die Prostitution wieder mehr ins Verborgene.

"Alle für eine, eine für alle"

Anna über die Solidarität unter den Prostituierten

Anna kennt Frauen, die keine Rücklagen hatten, um in ihre Heimatländer zurückzufliegen, und die sich zugleich kein Zimmer leisten können. In der Szene sei man füreinander da. Sie könne eine Kollegin nicht auf der Reeperbahn stehen lassen. Man biete einander Schlafplätze an, helfe mit Geld aus. "Alle für eine, eine für alle", sagt sie. Trotzdem habe die Unterstützung Grenzen. "Wer trägt die Verantwortung für diese Frauen?", fragt Anna - und sieht den Staat in der Pflicht.

Im Mai forderten 16 Bundestagsabgeordnete von CDU und SPD, die Prostitution vom temporären in den langfristigen Shutdown zu schicken. Den Frauen helfe nicht die Wiedereröffnung der Bordelle, schrieben sie, unter ihnen die Gewerkschafterin Leni Breymaier (SPD), der Vizechef der Unionsfraktion und ehemalige Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und der Mediziner Karl Lauterbach (SPD).

Die Frauen sollten in einem "existenzsichernden Beruf" arbeiten. Die Prostitution sei menschenunwürdig, zerstörerisch und frauenfeindlich. Die Betroffenen würden dazu gezwungen werden. Die Abgeordneten-Gruppe plädierte in ihrem Brief an die Regierungschefs der Länder für ein Sexkaufverbot nach dem sogenannten nordischen Modell.

Als erstes Land verfügte Schweden 1999 ein Sexkaufverbot. Länder wie Norwegen, Irland oder Frankreich folgten. Das Modell stellt den Erwerb sexueller Dienstleistungen unter Strafe und verfolgt damit den Freier. Prostituierte werden entkriminalisiert, ihnen werden Hilfen zum Ausstieg aus dem Milieu angeboten.

In der Coronakrise lockerte der Bund temporär das Prostitutionsschutzgesetz. Demnach ist es eigentlich verboten, in den für sexuelle Dienstleistungen genutzten Räumen zu übernachten. Derzeit ist es in vielen Bundesländern gestattet - solange keine Prostitution stattfindet. Damit soll verhindert werden, dass Betroffene obdachlos werden.

Sandra Norak kämpft seit Jahren für ein Sexkaufverbot

Sandra Norak kämpft seit Jahren für ein Sexkaufverbot

Foto: LICHTGUT/ Leif Piechowski / Leif Piechowski

Ein fahrlässiger Schritt, sagt Sandra Norak. Denn damit würden Frauen und Männer noch mehr in die Abhängigkeit von Bordellen und Zuhältern getrieben. "Nichts im Milieu ist umsonst. Sie stehen damit in der Schuld anderer und leben noch isolierter."

Sandra Norak wurde als Schülerin Opfer eines Loverboys. Er versprach ihr die große Liebe, sie ging für ihn anschaffen. Sechs Jahre lang verkaufte Norak, die eigentlich anders heißt, ihren Körper. Dann schaffte sie den Ausstieg. Heute setzt sie sich für die Abschaffung der Prostitution ein. Den Begriff Sexarbeit hält sie für verharmlosend. (Lesen Sie hier mehr über Sandra Noraks Geschichte.)

Noraks Erfahrung nach handelt es sich in Laufhäusern und Bordellen in den wenigsten Fällen um selbstbestimmte Frauen. Viele kämen aus osteuropäischen Ländern wie Rumänien, ihre Familien oder Lebensgefährten würden sie zum Anschaffen ins Ausland schicken, erinnert sich Norak. Der Menschenhandel werde nicht nur von fremden Zuhältern, sondern auch der eigenen Familie als Zuhälter forciert. Später säßen die Frauen in einem Saunaklub in einem Industriegebiet im Nirgendwo, oft ohne der fremden Sprache mächtig zu sein oder zu wissen, in welcher Stadt Deutschlands sie seien. "Diese Frauen haben nicht für die Legalisierung gekämpft", sagt Norak. "Sie hatten nicht den Traum, in einem Großbordell zu arbeiten."

Die aktuelle Coronakrise zum Vorstoß für das nordische Modell zu nutzen, findet Anna aus der Herbertstraße unverschämt. "Ich liebe meinen Job und habe mich frei dafür entschieden", sagt die 46-Jährige. "Als deutsche Staatsbürgerin habe ich ein Recht auf eine eigene Berufswahl." Sie habe es satt, als unterdrückte und gebeutelte Frau dargestellt zu werden. Ihr Beruf sei eine Berufung.

Zudem bräuchten die Menschen Sex, mit einem Verbot würden Bedürfnisse und Nachfrage nicht verschwinden. Vielmehr, glaubt Anna, würde sich die Prostitution stärker in die Illegalität verschieben. Schon heute sei die Zwangsprostitution verboten, Ermittler im Milieu unterwegs. Trotzdem sei die illegale Prostitution nur schwer zu verfolgen. "In jeder Branche gibt es schwarze Schafe", sagt Anna.

"Niemand hat das Recht auf Sexualität mit einem anderen Menschen."

Sandra Norak

Norak lässt diese Argumente nicht gelten. Jeder habe das Recht auf Sexualität, sagt sie. "Aber niemand hat das Recht auf Sexualität mit einem anderen Menschen." Sie habe erlebt, wie Männer gewaltvolle Fantasien mit ihr ausleben wollten, wie frühere Kolleginnen vergewaltigt worden seien. Es brauche ein neues Verständnis für Prostitution. "Wir sind alle durch die Evolution gegangen. Männer müssen sich im Griff haben", sagt Norak. Prostitution dürfe nicht mehr so einfach wie eine Schachtel Zigaretten zur Verfügung stehen.

Das nordische Modell sei "der einzige Weg, um die betroffenen Frauen besser zu schützen". Aktuell aber schaffe Deutschland unter dem Schein der Legalität lukrative Voraussetzungen für Menschenhändler, findet Norak. Auch Zwangsprostituierte würden sich registrieren lassen, daher sei mit einer Anmeldung keine Sicherheit gegeben, dass die Frauen es freiwillig täten. Sie hofft, dass bezahlter Sex eines Tages auch in der Bundesrepublik verboten wird.

Am 31. August läuft in Hamburg Annas Grundsicherung aus. Sollte die Prostitution weiter untersagt werden, müsste sie sich ab September arbeitssuchend melden, sagt sie. Anna hat Angst. Dass sie aus ihrer schönen, großen Wohnung fliegt. Dass sie gezwungen wird, einen anderen Beruf auszuüben. Manche Kolleginnen seien beim Amt schon gefragt worden: "Sie arbeiten doch nah am Menschen, warum gehen Sie nicht in die Pflege?"

Demonstration in Hamburg: In anderen europäischen Ländern arbeiten Prostituierte wieder, in Deutschland bangen sie um ihre Existenz

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Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

In anderen Ländern wie der Schweiz, den Niederlanden oder Belgien dürfen Prostituierte inzwischen wieder arbeiten. In Bayern bleiben Bordelle weiterhin geschlossen, Prostitution ist aber in Wohnungen und Hotels erlaubt. Berlin gestattet seit Anfang August sexuelle Dienstleistungen ohne Geschlechtsverkehr. Ab September soll laut der Gesundheitsverwaltung der Hauptstadt unter strengen Hygieneauflagen auch wieder käuflicher Sex angeboten werden dürfen.

Ende Juli demonstrierten erneut rund 80 Hamburger Prostituierte. Gemeinsam zogen sie von der Herbertstraße zur Davidswache auf der Reeperbahn. Das Bezirksamt Mitte, das für St. Pauli zuständig ist, stellte ihnen Lockerungen in Aussicht. Demnach sollen Bordelle ab dem 1. September unter Beachtung eines Hygienekonzepts wieder öffnen. Vorausgesetzt, die Infektionszahlen bleiben niedrig.

Anna will sich bis dahin strikt an das Verbot halten. Das gebiete die Solidarität mit den anderen Frauen, sagt sie. Anna will zurück in die Herbertstraße. Und zwar legal.

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