Hambach: Polizei setzt bento-Mitarbeiter 10 Stunden fest – hier erzählt er, was ihm passiert ist

Jannis Große musste sich komplett ausziehen, die Polizei nahm ihm die Kamera ab.
Foto: Jannis Große

Dieser Beitrag wurde am 29.10.2018 auf bento.de veröffentlicht.

Tausende junge Aktivistinnen und Aktivisten haben am Wochende gegen den Braunkohleabbau von RWE am Hambacher Forst protestiert. Sie besetzten Gleise, blockierten Züge – und  forderten den sofortigen Kohleausstieg. Einige Aktivisten kletterten außerdem auf einen riesigen Braunkohlebagger.

Foto-Journalist Jannis Große, 21, war im Auftrag von bento vor Ort – er sollte Fotos machen und für uns berichten. Dass ihm das nicht gelang, lag an der Polizei. Sie setzte ihn mehr als zehn Stunden lang fest, nahm ihm Kamera und Speicherkarte ab. Obwohl er sich als Journalist auswies, mit dem bundeseinheitlichen Presseausweis. Im Interview erzählt er, was passiert ist – und wie er behandelt wurde.

27.10.2018, Nordrhein-Westfalen, Kerpen: Aktivisten des Aktionsbündnisses «Ende Gelände» sind auf einem Feld am Tagebau Inden von der Polizei eingekesselt. Die Aktivisten des Aktionsbündnisses protestieren im Braunkohlegebiet mit verschiedenen Aktionen. Foto: Christophe Gateau/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
27.10.2018, Nordrhein-Westfalen, Kerpen: Aktivisten des Aktionsbündnisses «Ende Gelände» sind auf einem Feld am Tagebau Inden von der Polizei eingekesselt. Die Aktivisten des Aktionsbündnisses protestieren im Braunkohlegebiet mit verschiedenen Aktionen. Foto: Christophe Gateau/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit Foto: dpa / Christophe Gateau

Jannis, du solltest für uns von der Blockade am Hambacher Tagebau von RWE berichten – die Polizei hat das verhindert. Was ist passiert?

Ich habe einen Finger von "Ende Gelände" begleitet. Das waren ungefähr 35 Personen, die als Gruppe in den Tagebau Hambach auf das Gelände von RWE gegangen sind und einen Bagger besetzten. Ich habe Fotos gemacht, um für bento von der Blockade zu berichten. Ich bin bewusst nicht selbst auf den Bagger gegangen.

Relativ schnell war Security da. Vielleicht zehn Minuten später kam auch die Polizei. Ich habe mich dann der Polizei ausgewiesen, mich als Journalist zu erkennen gegeben.

Hast du also auch deinen Presseausweis vorgezeigt?

Genau, den und meinen Perso. Meine Daten wurden dann überprüft. Als die Polizistin wiederkam, sagte sie zu mir, dass ich nicht weiter fotografieren dürfe. Falls ich doch weiter Fotos machen sollte, würde mir meine Kamera abgenommen. 

Hat die Polizistin das begründet?

Nicht wirklich. Sie sagte, ich hätte Hausfriedensbruch begangen und dürfte deswegen nicht weitermachen. Ich habe erwidert, dass ich hier arbeite, auf die Pressefreiheit hingewiesen.

Das hat nichts gebracht?

Nein, ich musste mich zu den Aktivisten in den Kessel stellen, hinsetzen durfte ich mich nicht. Dann habe ich ein paar meiner Bilder von der Kamera aufs Handy geladen, um sie auf Twitter zu posten. Neben mir stand ein Polizist, mit jeder meiner Handlungen wurde er nervöser.

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Hattest du dich räumlich von den Aktivisten distanziert?

 Ja, ich bin extra ein paar Meter weggegangen als die Polizei kam. Ich kann verstehen, dass es für die Polizisten eine schwierige Situation war: Ich bin jung, sah den Aktivisten vielleicht ähnlich, weil ich genauso verdreckt war. Aber die Polizei hat ja auch meinen Ausweis gesehen. Es war wirklich allen klar, dass ich Journalist bin.

Und dann?

Wir wurde alle zusammen in einen Gefangenentransporter gebracht, das war ein umfunktioniertes RWE-Fahrzeug. Mein Handy wurde mir abgenommen, in den Rucksack gepackt, der wurde mir abgenommen. Auch meine Kamera nahm mir die Polizei weg.

Die Polizei hat dich wie einen der Aktivisten behandelt?

Ja. Gefühlt war ich für sie eine noch größere Gefahr. Ganz offensichtlich haben einzelne Polizisten während der ganzen Sache meinen Twitter-Account verfolgt.

Foto: Jannis Große

Was ist dann passiert?

Es hörte sich so an, als ob ein zweiter Tatvorwurf dazukam. Offenbar war eine RWE-Mitarbeiterin gestürzt und den Aktivisten wurde das möglicherweise vorgeworfen. Das habe ich aber nicht genau verstanden. Ich habe auch nie eine RWE-Mitarbeiterin gesehen. Wir wurden dann alle in die Gefangenensammelstelle gebracht.

Und was passierte mit deiner Kamera und den Bildern?

Ein Polizist sagte mir, dass er sie zur Sicherung von Beweisen sichergestellt habe. Dem habe ich widersprochen. Dann sagte er: "Okay, dann ist sie beschlagnahmt."

Was ist in der Genfangenensammelstelle passiert?

Ich wurde behandelt wie die anderen Aktivisten. Es wurde eine Foto von mir gemacht. Dann musste ich mich komplett ausziehen. Alle Klamotten, inklusive Unterhose, wurden durchsucht.

Wie hast du dich dabei gefühlt?

Die Beamten waren freundlich, haben aber sehr deutlich gezeigt, dass sie Macht über mich haben. Sie haben mich geduzt, haben es völlig ignoriert, wenn ich auf meine Rechte hingewiesen habe. Ich fühlte mich ausgeliefert.

Wo wurdet ihr festgehalten?

Wir kamen in eine Art Käfig. Der war rund fünf mal fünf Meter groß. Ungefähr 20 Menschen saßen darin. Auf dem Boden lagen Matten, die mich an Yoga-Matten erinnert haben.

Bei zwei Kripo-Beamten habe ich erneut ausgesagt, dass ich als Journalist im Auftrag von bento gearbeitet habe. Und ich habe klargemacht, dass ich eine Sicherstellung der Kamera widerspreche – und auch der Auswertung meiner Bilder.

Zehneinhalb Stunden, nachdem ich in den Kessel musste, wurde ich freigelassen. Davon saß ich rund acht Stunden in dem Käfig. Die Kamera und meine Bilder aber habe ich nicht bekommen. Ein Polizist sagte, die sei beschlagnahmt.

Einige wenige Fotos konnte Jannis retten:

Hier geht es zu seiner Geschichte

Gibt es dazu ein Protokoll von der Polizei?

Nein, danach habe ich auch gefragt, bestimmt zwölf Mal. Die Polizisten sagten mir: "Das können Sie gerne wollen, Sie bekommen es aber nicht." Inzwischen habe ich noch eine E-Mail geschrieben und schriftlich ein Beschlagnahmungsprotokoll verlangt.

Das war am Samstag, am heutigen Montag hast du deine Kamera immer noch nicht wieder?

Nein. Dazu kommt: Die Kamera ist voller Schlamm, wenn sie nun einfach nur eingelagert wird, könnte sie kaputt gehen. Neu ist sie inklusive Objektiv 1500 Euro wert. Auch meine Bilder sind weg.

War das für dich absehbar?

Ich habe im Vorfeld damit gerechnet, dass es zu einem Konflikt mit der Polizei kommt. Ich habe auch ähnliche Situationen schon erlebt. Teilweise habe ich meine Bilder löschen müssen, wurde festgehalten, durchsucht. Aber dass meine Kamera beschlagnahmt wurde, dass ich stundenlang in einem improvisierten Gefängnis saß – damit hatte ich nicht gerechnet.

Hättest du im Nachhinein anders gehandelt?

Ich bin der Meinung, dass in solchen Fällen die Pressefreiheit Vorrang hat. Darüber müssen letztlich Gerichte entscheiden, ich rechne damit, dass RWE Anzeige erstattet. Aber ich finde es wichtig, dass über solche Aktionen berichtet wird. Selbst wenn RWE daran kein Interesse hat.

Unsere Stellungnahme

Ole Reißmann, Redaktionsleitung bento: "Die Polizei muss sicherstellen, dass Journalistinnen und Journalisten ihrer Arbeit nachkommen können. Das schließt die begleitende Berichterstattung bei öffentlichen Aktionen mit ein. Wir protestieren gegen die Beschlagnahmung des Fotoapparats unseres freien Mitarbeiters. Die Bilder dienen der Berichterstattung und sind von öffentlichem Interesse. Wir erwarten die Herausgabe von Kamera und Bildern. Etwaigen Bestrebungen der Behörden, das beschlagnahmte Bildmaterial für Zwecke der Strafverfolgung zu missbrauchen, ist dringend Einhalt zu gebieten."

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