Prozess gegen Berliner Neonazi Hitlergruß am Denkmal

Er soll einen Mann mit einem Messer lebensgefährlich verletzt haben: In Berlin hat der Prozess gegen den Neonazi Maurice P. begonnen. Laut Anklage machte er aus seiner rassistischen Gesinnung keinen Hehl.
Gerechtigkeitsgöttin Justitia (Symbolbild)

Gerechtigkeitsgöttin Justitia (Symbolbild)

Foto: DPA

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Vor Gericht verdeckt Maurice P. seine linke Hand konsequent mit seiner rechten. Vielleicht ist es Zufall. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass der 29-Jährige auf seinem linken Zeigefinger, wie es in der Anklage heißt, eine SS-Rune als Tattoo trägt.

Der Berliner Neonazi muss sich seit Dienstag vor einem Schöffengericht am Amtsgericht Berlin-Tiergarten unter anderem wegen des Vorwurfs der Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen und der gefährlichen Körperverletzung verantworten. Maurice P. schweigt vorerst, am nächsten Verhandlungstag will er sich zu den Vorwürfen äußern.

In der Nacht zum 4. Juli 2021 soll Maurice P. mit einem Freund zwischen 3.15 und 4 Uhr in Berlin-Neukölln vor drei Männern und zwei Frauen zweimal den Hitlergruß gezeigt haben. Den Worten des Staatsanwalts zufolge soll er zuvor versucht haben, die fünf Personen in ein politisches Gespräch zu verwickeln. Er soll demnach über »Kanaken« und eine angebliche Überfremdung Deutschlands geschimpft haben. Eine der Frauen habe das Gespräch daraufhin mit den Worten beendet, sie wollten »nicht mit Nazis chillen«. Der Angeklagte und ein Freund sollen daraufhin den rechten Arm in die Höhe gestreckt haben.

Am selben Morgen gegen sechs Uhr soll sich Maurice P. dann vor einem Dönerimbiss gegenüber dem Jamaikaner Steve W. stark alkoholisiert und unter Einfluss von Kokain rund drei Stunden lang als rechtsradikal und Hitlerverehrer dargestellt haben.

Angriff mit dem Cuttermesser

In der Anklage heißt es, Maurice P. habe eine Bierflasche in Richtung des Jamaikaners geworfen. Es sei zu einer Schlägerei gekommen. Die Schlägerei habe geendet, nachdem der Angeklagte zweimal beteuert habe, er wolle nicht kämpfen. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft soll sich der Angeklagte dann jedoch »aus Hass gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe« entschlossen haben, Steve W. »tödlich zu verletzen«. Mit einem Cuttermesser soll er seinem Opfer eine klaffende Schnittwunde am Hals zugefügt und dabei die Halsschlagader nur knapp verfehlt haben. Der Angeklagte soll dann einen Passanten aufgefordert haben, die Polizei zu rufen.

Die Staatsanwaltschaft hatte zunächst Anklage wegen versuchten Mordes aus niedrigen Beweggründen erhoben. Das Landgericht sah jedoch einen strafbefreienden Rücktritt von einem versuchten Tötungsdelikt. Aus dem Vorwurf des versuchten Mordes wurde der Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung. Statt vor dem Landgericht muss sich Maurice P. nun vor dem Amtsgericht verantworten.

Dass der Prozess erst mehr als ein Jahr nach dem mutmaßlichen Messerangriff beginnt, könnte mit einem anderen Verdacht des Generalbundesanwalts gegen den Angeklagten zu tun haben. Ursprünglich sollte die Hauptverhandlung bereits im April starten. Just an jenem Morgen ließ die Bundesanwaltschaft die Wohnung von Maurice P. und weiteren Beschuldigten in insgesamt elf Bundesländern durchsuchen. Es ging um den Vorwurf der Mitgliedschaft in der rechtsterroristischen Vereinigung »Atomwaffen Division«. Die Neonazi-Vereinigung stammt ursprünglich aus den USA und gilt als extrem gewaltbereit .

Das Bundeskriminalamt verdächtigt Maurice P., ein Mitglied der Terrortruppe zu sein. Sein Verteidiger Wolfram Nahrath wollte sich am Dienstag auf Anfrage nicht zu diesem Verfahren äußern.

Wenn stimmt, was die Staatsanwaltschaft Berlin Maurice P. vorwirft, dann fiel er auch im Herbst 2018 als militanter Neonazi auf. Damals soll er sich für die NPD in einer Art Bürgerwehr engagiert haben. Ziel der sogenannten Schutzzonen-Kampagne sei es gewesen, den Staat als schwach erscheinen zu lassen. Laut Selbstdarstellung ging es um die Schaffung eines Orts, »an dem Deutsche Sicherheit finden können«. In der Nacht zum 29. September 2018 soll Maurice P. mit bis zu 19 Gleichgesinnten in Neukölln patrouilliert haben. Sie sollen drei Männer und eine Frau als »Zecken« und »verdammte Juden« beschimpft und mit Stühlen und Tischen auf sie eingeprügelt haben. Die Frau und die zwei Männer wurden verletzt. Die Angreifer sollen den Hitlergruß gezeigt haben.

Rechtsextreme Gesinnung offenbar gern zur Schau gestellt

Den Hitlergruß soll Maurice P. auch am Nachmittag des 7. Mai 2019 im Berliner Tiergarten vor dem Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma gezeigt haben. Mit einem Freund ließ er sich dabei fotografieren. Maurice P. schickte das Foto an seinen Bruder und diverse Bekannte. In einer seiner zahlreichen WhatsApp-Nachrichten kommentierte er das Bild mit: »Haben heute den 6 Millionen gedacht am Holocaust-Schandmal.« So liest es der Staatsanwalt vor.

In weiteren Anklagepunkten geht es um nächtliche »Sieg Heil«-Rufe im März 2020 und ein »Combat 18«-T-Shirt, das Maurice P. damals trug. Die militante Neonazigruppe wurde im Januar 2020 durch das Bundesinnenministerium verboten.

Maurice P. stellt seine rechtsextreme Gesinnung offenbar nur allzu gern zur Schau. An seinem T-Shirt soll damals noch ein Button mit der Aufschrift »Adolf Hitler« und einem Hakenkreuz gesteckt haben. Und an seiner Hand mit dem »SS«-Tattoo am Finger habe er noch einen Ring mit einem »SS«-Totenkopf getragen.

Vor Gericht hat er an diesem Dienstag dezente Kleidung gewählt: weißes T-Shirt, blaues Hemd, Jeans und medizinische Maske. Auch die verräterische Tätowierung am Finger ist nicht zu erkennen. Sie bleibt verdeckt von seiner rechten Hand.

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