Prozess um mutmaßlichen Schwestermord »In einen Koffer passt doch kein Mensch«

Im Juli 2021 wurde die 34-jährige Maryam H. brutal ermordet. Ihre Brüder gelten als verdächtig. Im Prozess wurde nun das Vernehmungsvideo gezeigt und eine DNA-Sachverständige angehört. Die Hinweise verdichten sich.
Aus Berlin berichtet Wiebke Ramm
Angeklagte Mahdi H. und Bruder Yousuf im Kriminalgericht Berlin-Moabit: Verteidigung durch Schweigen

Angeklagte Mahdi H. und Bruder Yousuf im Kriminalgericht Berlin-Moabit: Verteidigung durch Schweigen

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Jörg Carstensen / picture alliance/dpa

Er habe da mal eine Frage, sagt der junge Mann in seiner Vernehmung bei der Polizei. Warum sollte jemand, der eine solche Straftat begangen habe, so verrückt sein und im Land bleiben? Der Kriminalhauptkommissarin fällt die Antwort nicht schwer. »Da gibt es verschiedene Möglichkeiten«, sagt sie: »Entweder hat derjenige kein Geld oder keine Gelegenheit, um ins Ausland zu gehen. Oder er fühlt sich so sicher, dass er meint, ihm könne nichts passieren.«

Zeichen von Unsicherheit zeigt Mahdi H. nicht, als er am 3. August 2021 von der Beamtin des Landeskriminalamts Berlin und ihrem Kollegen knapp zwei Stunden lang als Beschuldigter vernommen wird. Der Verdacht der Ermittler: Der damals 22-Jährige und sein vier Jahre älterer Bruder Yousuf sollen drei Wochen zuvor, am 13. Juli 2021, ihre Schwester Maryam ermordet haben. Ihre Leiche sollen sie noch am selben Abend in einem Koffer mit dem ICE von Berlin nach Bayern gebracht haben.

Videovorführung im Gerichtssaal

Seit März müssen sich die beiden Afghanen wegen des Vorwurfs des Mordes vor der 22. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin verantworten. Vor Gericht verteidigen die Brüder sich schweigend. Bei der Polizei schwieg Mahdi H. noch nicht. Einen Anwalt hatte er damals nicht an seiner Seite.

Das Video der Vernehmung zeigt die Kammer in dieser Woche im Prozess. Yousuf H. schaut am Mittwoch sehr aufmerksam zur Leinwand im Gerichtssaal und hört seinem Bruder zu, wie er die Vernehmungsbeamten zu überzeugen versucht, nichts mit dem Verschwinden seiner Schwester zu tun zu haben.

Während der Vernehmung wird Mahdi H. ein Überwachungsvideo vom Bahnhof Berlin-Südkreuz gezeigt. Darauf ist zu sehen, wie er und sein Bruder einen offensichtlich schweren Koffer schleppen. Immer wieder wird Mahdi H. von der Polizistin und ihrem Kollegen gefragt, was in dem Koffer war. Nur Kleidung seines Bruders, sagt Mahdi H., sonst nichts. Er lächelt.

»Der Koffer wirkt sehr schwer«, bemerkt die Kommissarin. »Weil ein Fuß gebrochen war, mussten wir ihn tragen«, entgegnet Mahdi H. und meint damit, dass sich der Rollkoffer nicht mehr rollen ließ. Ihr Kollege fragt noch einmal: »Sagen Sie mir, was da drin war?« »In einen Koffer passt doch kein Mensch«, antwortet Mahdi H. Mit dem Drehstuhl, auf dem er sitzt, wackelt er hin und her.

Viele Widersprüchlichkeiten

Mahdi H. behauptet bei der Polizei, dass sein Bruder Yousuf am 13. Juli allein mit dem Zug nach Donauwörth, seinem Wohnort, gefahren sei. Er selbst habe an jenem Tag in Berlin noch einen Termin bei seinem Betreuer gehabt. Vor Gericht hat der Betreuer bereits ausgesagt, dass es keinen Termin mit Mahdi H. gab. Und Yousuf H.s Lebensgefährtin berichtete, dass sie damals beide Brüder in Donauwörth vom Bahnhof abgeholt habe.

Die Verteidigung hat vergeblich gegen die Vorführung des Vernehmungsvideos im Prozess protestiert. Die Anwälte monieren, dass Mahdi H. nicht ausreichend über seine Rechte als Beschuldigter aufgeklärt worden sei und der Dolmetscher stellenweise falsch übersetzt habe. Ihren Antrag, den Film vor Gericht nicht zu zeigen, hat die Kammer abgelehnt. Über die Verwertbarkeit des Gesagten wollen die Richter und Richterinnen später entscheiden.

Zum Zeitpunkt der Vernehmung galt die 34-jährige Maryam H. noch als vermisst. Zwei Tage nach der Vernehmung, am 5. August 2021, führt die Lebensgefährtin von Yousuf H. die Ermittler zu ihrer Leiche. Die Tote lag verscharrt in einem kleinen Wäldchen rund 30 Kilometer von Donauwörth entfernt. Maryam H. war gedrosselt und erwürgt worden, ihre Kehle durchtrennt. Über ihrem Kopf war ein blauer Müllsack gestülpt, ihre Hände waren mit Klebeband gefesselt.

An diesem Freitag berichtet eine DNA-Expertin des Landeskriminalamts Berlin vor Gericht, dass sich zwischen den Klebebandschichten um Maryam H.s rechtes Handgelenk die Fingerkuppe eines Einweghandschuhs fand. Der Sachverständigen gelang es, eine minimale DNA-Mischspur zu sichern, die einerseits auf Maryam H. und andrerseits auf Mahdi H. als Verursacher hindeute. Ob sich Mahdi H.s DNA auf der Außen- oder Innenseite der Fingerkuppe befand, lasse sich nicht mehr feststellen, sagt die Gutachterin auf Nachfrage seiner Verteidigung.

Der Freund als Grund für den Mord?

Maryam H. lebte mit ihren beiden Kindern in einem Heim für Geflüchtete in Berlin. Mehrere Zeuginnen und Zeugen sagten vor Gericht aus, dass Maryam H. alles für ihre Brüder getan habe. Sie gab ihnen Geld, kochte für sie, wusch ihre Wäsche und ertrug ihre Schläge und Demütigungen. Maryam H. war eine religiöse Frau, ihre Familie war ihr wichtig. Ihren Freund versuchte sie, vor ihren Brüdern geheim zu halten. Möglicherweise gelang ihr das nicht. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die afghanische Familie von Maryam H. mit ihrem Lebensstil nicht einverstanden war und ihren Tod beschloss.

Am 13. Juli 2021 war Maryam H. mit ihrem Bruder Yousuf verabredet. Angeblich habe er mit ihr eine Wohnung besichtigen wollen. Ihr Sohn berichtete, wie seine Mutter sich morgens von ihm verabschiedet hatte.

Es war das letzte Mal, dass er sie sah.

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