Prozess um Geiselnahme von Beslan Drei Tage im September
Wladikawkas - Auf dem Flughafen der südrussischen Stadt Wladikawkas wachen schwer bewaffnete Polizisten mit grimmigen Gesichtern. Mit unfreundlichem Tonfall stellen Sie den Reisenden die Routinefragen: Woher kommen Sie? Wo wollen Sie hin? Was ist der Grund Ihrer Reise? Jeder Passagier ist verdächtig, es gibt keine Ausnahmen, seit neun Monaten nicht mehr. Denn der Flughafen von Wladikawkas liegt in Beslan.
Beslan und Wladikawkas trennen knapp 20 Kilometer. Der Weg vom Flughafen nach Wladikawkas führt vorbei am Friedhof. Auf der Marmorplatte am Eingang steht: "An dieser Stelle wird ein Denkmal für all diejenigen errichtet, die zwischen dem 1. und 3. September 2004 Opfer eines schrecklichen Verbrechens wurden." Von den Fotos auf den Gräbern lachen Kindergesichter. Davor liegen bunte Plüschtiere. Bei dem Terror-Überfall auf die Schule von Beslan und der Erstürmung des Gebäudes durch Sicherheitskräfte waren 330 Geiseln ums Leben gekommen. Auch 31 der 32 Täter wurden von Sicherheitskräften getötet.
Fünf Kilometer weiter, im Zentrum von Wladikawkas, wird im streng bewachten Obersten Gericht der Republik Nordossetien dem Terrorverdächtigen Nurpaschi Kulajew der Prozess gemacht. Laut Anklage soll er einzige tschetschenische Attentäter sein, der den Überfall auf die Schule von Beslan überlebt hat. Zu Prozessbeginn forderten die Eltern der getöteten Kinder im Gerichtssaal so lautstark Kulajews Hinrichtung, dass die Sitzung vertagt werden musste. Der Terrorverdächtige Kulajew wies heute alle Anklagepunkte zurück. Auf die Frage des Richters, ob er sich schuldig bekenne, antwortete Kulajew mit Nein.
"Diese drei Tage"
Seit Monaten schon gibt es für die Bewohner Beslans kein anderes Gesprächsthema als die Geiselnahme im vergangenen Jahr. Gequält sprechen sie von "diesen drei Tagen" im September, es schmerzt sie, aber sie müssen sprechen, es drängt geradezu aus ihnen hinaus. Der 38-jährige Maler Fedar Fedarow etwa erzählt, wie ein betrunkener Vater am 2. September einen Polizisten angefahren sei: "Was stehst du hier rum, Idiot, während mein Kind dort verreckt? Mach' doch was oder lass' mich durch!" Er erzählt, wie der Kommandeur einer Eliteeinheit der Polizei geweint und seine hilflosen Untergebenen angefleht habe, ihn anzuhören. Und Andschela, Fedarows Frau, sagt, dass sie hier nicht mehr leben wolle. "Neulich habe ich meine zehnjährige Tochter zur Schule gebracht. Sie zeigte auf den Wachmann am Eingang und sagte: ,Mama, er wird doch nichts tun können, wenn etwas passiert.'"
Fatima Alikowa geht nicht zum Prozess. Sie weint nicht und sagt nicht, dass sie hier nicht mehr leben wolle. Sie sagt grundsätzlich sehr wenig, sie ist Fotografin. Alokowa geht in Stöckelschuhen über den riesigen Friedhof von Beslan und sieht mit ihren langen dunklen Haaren und in ihrem weißen Kostüm wunderschön und unwirklich zugleich aus. "Dieses Foto habe ich gemacht." Fatima zeigt auf Bild. "Konnte mir nie im Leben vorstellen, dass es hier gebraucht wird." Sie dreht sich um und geht zu einem anderen Grab: "Mit ihr saß ich am Fenster."
Fatima Alikowa ist 28 Jahre alt, sieht aus wie 18 und wiegt 49 Kilo. Das hat ihr vermutlich das Leben gerettet. Die Wucht der Detonation in der Schule von Beslan schleuderte sie aus dem Fenster. Sie rannte über den Schulhof und sprang über den Zaun. Fatima arbeitet für die Lokalzeitung "Das Leben am rechten Ufer". Am 1. September wollte sie in der Schule Nummer Eins ein Foto von den Erstklässlern machen. Dann stürmten die Terroristen herein.
Die Zeitung von Fatima Alikowa war diejenige, die trotz der offiziellen Behauptungen die ganze Welt davon überzeugte, dass in der Schule nicht 300 sondern 1000 Geiseln gefangen gehalten wurden. Fatimas Mutter arbeitet als Chefredakteurin des Blattes. Ihr Büro liegt direkt neben der Schule. Während der Geiselnahme blieb sie dort, schrieb und hoffte, dass ihre Tochter überleben würde. "Fatima ist als Fotografin oft in Regionen unterwegs, in denen geschossen wird", sagte sie später einer russischen Zeitung. "Ich habe an ihre Fähigkeiten und ihre Vernunft geglaubt."
Doch weder Vernunft noch Talent, sondern ein Sprengsatz rettete ihrer Tochter das Leben.