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Werbung Quelle des Staunens

Blech, Glut und Sehnen - ein Bildband zeigt Automobilreklame der Nachkriegszeit.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Fahre Prinz - und Sie sind Königin« versprach die Reklame. Die Dauphine von Renault veredelte, so andere Plakate, die brave deutsche Mutti zur glutäugigen »Pariserin bis in die Fingerspitzen«.

Und wer weder Prinz noch Königin oder Pariserin werden wollte, dem verhieß die Autowerbung der Fünfziger und frühen Sechziger zwei weitere Endstationen Sehnsucht: Rennfahrer oder Big Daddy in schwerer Limousine. Aufgesetzt, kokett und, von heute aus gesehen, rührend wirkt, wie die Anzeigen jener Jahre den Aufbruch der Nachkriegsdeutschen ins Automobilzeitalter unterstützten. Was damals flott und spritzig sein wollte, erscheint im Zeitalter des Verkehrsinfarktes wie ein charmant-abstruses Sammelsurium aus der rhetorischen Klamottenkiste: verwelkte Stilblüten, eingegangen in die Poesiealben deutscher Werbelyrik.

Zu einem nostalgischen Autokorso werden sie noch einmal zusammengestellt in Michael Kriegeskortes Bildband »Automobilwerbung in Deutschland 1948 - 1968« - die Borgwards, Goliaths und DKWs, die Lloyds, Goggos und Wartburgs*. Ein illustrer Markenkonvoi, in dem die Garanten des Aufschwungs, die Kultobjekte und Statussymbole der Nachkriegsära, majestätisch einherrollen.

Mitte der Fünfziger ließen sich die Deutschen von der Konsumbegeisterung _(* Michael Kriegeskorte: ) _("Automobilwerbung in Deutschland 1948 - ) _(1968«. Verlag DuMont, Köln 1994; 192 ) _(Seiten; 39,80 Mark. ) erfassen und hatten den Wunsch, der verdrängten Schuld und den offenen Minderwertigkeitsgefühlen einfach davonzufahren. Im dreirädrigen Messerschmitt-Kabinenroller mit Plexiglaskuppel zum Beispiel oder für 5950 Mark in der Limousine Goliath 1100, dem »bequemen Fünfsitzer« mit den »neuen, modernen Farbtönen«, dessen 40 PS stolze »34 Prozent Steigfähigkeit« garantieren - als ginge es über den Himalaja.

»Freie Fahrt« forderte die NSU-Werbung, doch hatte das damals noch nicht den ideologischen Beigeschmack des heutigen Slogans unverbesserlicher Auto-Erotiker: »Freie Fahrt für freie Bürger.« Frei waren jene frühen Autojahre. Zunächst gab es keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, dann, 1957, kam das erste Tempolimit für geschlossene Ortschaften. Da mochte die Karosserie des Lloyd (Volksmund: »Wer den Tod nicht scheut, fährt Lloyd") auch aus plastikbezogenem Sperrholz sein - Hauptsache, der Leukoplastbomber lief. Wenn der mutige Eroberer der Straße den ersten, unsynchronisierten Gang einlegte, standen die Nachbarn neidisch Spalier. Und die »unglaubliche Straßenlage« des Renault 4 CV war bereits 1953 »eine dauernde Quelle des Staunens«, weil sie »die Kurven zu Geraden werden« ließ.

Der Deutschen liebstes Spielzeug, Fetisch und Inkarnation des kleinen Freiheitsdrangs Marke Adenauer, avancierte vor allem aber zum Exportschlager Nummer eins. Als Automobilnation wurde man wieder wer, und die militärischen Eroberer von einst, so zeigten sie es der Welt, hatten sich in friedfertige Weltenbummler verwandelt. Ein Isabella Coupe, Borgwards »First Lady unter den Automobilen«, auch der volkstümliche Käfer machten es möglich: Raus in die Welt im deutschen Wagen!

Kriegeskorte, Kenner der Werbebranche, gräbt Trends, Images und Reklamestrategien aus, die nicht nur für eine flotte neue Welt werben, sondern gelegentlich moderate Töne anschlagen. So bestachen die Slogans der Autobauer aus Rüsselsheim schon 1956 durch einen sicheren Sinn fürs Bieder-Solide ("Rücksichtsvolles Fahren ehrt den Opelfahrer").

Doch dann erfaßte der Geschwindigkeitsrausch die Werbung. 1965 pries BMW sein weißblaues Signet ungeniert als Synonym für forsche Motorleistung und höchstes Lenkerglück.

Zierleisten aus Chrom bildeten unübersehbare Grenzlinien zwischen den gesellschaftlichen Schichten. Sie schieden Otto Normalmotoristen von jenen, deren Karossen, vom »guten Stern« geleitet, über das rapide wachsende Autobahnnetz surrten.

Ein Modell, das nie vorgab, mehr zu sein, als es war, blieb bis zum Produktionsstopp 1974 im Zentralwerk das Ei aus Wolfsburg. VW-Chef Heinrich Nordhoff ließ für seinen Dauerbrenner ("läuft und läuft und läuft") Werbeslogans kreieren, deren genieverdächtige Schlichtheit den Käfer-Produzenten ebenso viele Auszeichnungen einbrachte wie das Wunderauto, welches die Sprüche anpriesen.

Kriegeskortes akribisch zusammengetragenes Bild- und Informationsmaterial verknüpft die amüsant-nostalgische Retrospektive mit ein wenig Wirtschaftsgeschichte. Es dokumentiert Pioniergeist, Fortschrittsgläubigkeit und eine Selbstherrlichkeit, die typisch für die Herren jener Jahre ist. So führt die Daf-Werbung eine Dame mit Kaffeekanne vor, die sagt: »Von der Technik habe ich gar nichts gemerkt, und das ist genau richtig für mich.«

* Michael Kriegeskorte: »Automobilwerbung in Deutschland 1948 -1968«. Verlag DuMont, Köln 1994; 192 Seiten; 39,80 Mark.

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