Rätsel unter dem Meeresspiegel Die Kinder mit den Superaugen

Die Kinder des thailändischen Seenomadenvolkes Moken haben eine Gabe: Sie können unter Wasser scharf sehen. Selbst mit Schwimmbrille nehmen die meisten Menschen die geheimnisvolle Welt unter dem Meeresspiegel nur verschwommen wahr. Eine Schwedin hat versucht, das Rätsel der Kinder mit den Zauberaugen zu lösen.

Von , Andrew Testa (Fotos)


Moken-Kinder im Meer: Von früh bis spät im Wasser
Andrew Testa

Moken-Kinder im Meer: Von früh bis spät im Wasser

Anna Gislén lebt damit, dass ihr die Gesprächspartner mitunter tief in die Augen sehen. Wenn sich der Blick des Gegenübers in ihrer Pupille, nun ja, verbeißt. Wenn er versucht, ihr unter die Hornhaut zu blicken, vorbei an Glaskörper, Linse bis zur Netzhaut. Denn dort, zwischen Cornea und Retina, spielt der größte Teil der Geschichte. Das Starren ist ihr stets ein bisschen unangenehm, einerseits. Andererseits: Wer so stiert, versucht zu folgen. Man muss sehr dicht ran, um Anna Gisléns Thema zu begreifen.

Oder erst einmal sehr weit weg. Aus ihrem Labor im schwedischen Lund nach Thailand. An einen Strand wie unzählige in diesem bemerkenswerten Teil Asiens. Auf eine Insel mit Namen Mu Ko Surin. 100 Kilometer südlich liegt Patong, einer der sonnigen Kontakthöfe Siams, so berühmt wie Pattaya, der billigen Mädchen wegen und der Transvestiten und der hemmungslosen Europäer.

Ein schnelles Boot braucht gute anderthalb Stunden vom Port Khuraburi, vom Festland, nach Mu Ko Surin. Hier ist das andere Thailand, das schöne. Der Dschungel greift bis nah ans Wasser, Affen flitzen zwischen den Zelten der Camper, ein paar Ranger wachen über Papierkörbe und die Häuschen der Einsiedlerkrebse, hier ist Nationalpark. Wer sich ungebührlich benimmt, auch das ein Unterschied zu Patong, fliegt raus. Bisher hatten die Moken Glück.

Kaum 200 sind es auf gerade 200 Meter Sand, zugeteilt vom Nationalpark. "Seezigeuner", Halbnomaden mit dunkler Haut und schwarzem Haar, rotblonde Strähnen darin. An die 20 Bambushütten sind ans Ufer gestellt, mit Stelzen gleich hochbeinigen Insekten, die vordersten stehen im Wasser. Hinten lärmt der Wald, ein ewiges Feuer qualmt, kein Unrat darf ins Meer. An den Rändern dieser Welt türmen sich kantige Steine, links entleeren sich die Männer, rechts die Frauen. Die Kinder tun es, wo sie stehen.

Mit ihren Booten segelten die Moken einst über die Andamanensee, uferlos, staatenlos noch immer, bis Burma hoch und runter nach Phuket und weiter bis vor Thailands Golf - Tausende Quadratkilometer Raum. Ihr Leben war eine stete Reise, das Hier, die unfassbare Spanne zwischen den Horizonten. Zwei, drei Familien teilten sich ein Boot und die Ernte des Meeres, Fische, Muscheln, Seegurken. Sie hatten Netze und Speere und Lungen, die das Wasser zu atmen schienen. Stundenlang klaubten sie ihre Beute von den Gründen, jagten, speerbewehrt, den Barschen hinterher, so tief die Sonne reichte. Sie schlugen mit den Paddeln auf das Wasser, wenn ein Hai kam, die unten zu warnen. Sie klammerten sich an die Boote zum Essen und, sagen die Alten, rauchen mussten wir ja auch mal.

Abgetaucht: Mit ihren Superaugen können die Moken unter Wasser sehr gut sehen
Andrew Testa

Abgetaucht: Mit ihren Superaugen können die Moken unter Wasser sehr gut sehen

Nur der jährliche Monsun trieb sie nach Surin, Hütten zu bauen, Unterstände gegen Regen und Wind, bis es wieder hinausging für Monate. Es ist der Ort, an dem ihre Nachgeburten vergraben wurden, ihr Zuhause ist es nicht, das ist längst verrottet. Ihr Meer ist aufgeteilt unter Staaten, deren Bürger sie nicht sein dürfen. Die sie an die Strände zwingen wie diesen und wieder vertreiben, wenn es nötig scheint. Der Wald hat ihre Boote gegriffen, Gras wuchert über Planken. "Wir kommen hier nicht mehr weg", sagt Salama, grau, faltenlos der Bauch, der Älteste. "Wir dürfen kein Holz mehr hauen, keine Stämme, um neue Boote zu bauen."

Vor einigen Jahren schwamm eine schwedische Wissenschaftlerin mit ihnen um die Korallen. Wo, wenn nicht bei diesen zweibeinigen Amphibien, ließe sich besser klären, was die Forscherin umtrieb: die Physiologie der Tauchreflexe, jene Regungen des Körpers, die im Wasser das Herz langsamer schlagen lassen, die Atmung verzögern, die zusätzliches Blut in die wichtigsten Organe schießen, um ihnen mehr Sauerstoff zu geben. Die Kinder hatten ihren Spaß; immer wieder stießen sie hinab, zielgenau, brachten Kiesel vom Grund. Sie wollte nicht undankbar sein und verstaute den Ballast. Erst an Land merkte sie, was die Steinchen wirklich waren: winzige Muscheln, Schnecken in den Farben des Meeresbodens. Wie nur konnten die Kinder mit bloßem Blick entdecken, was sich ihr selbst mit Schwimmbrille nur als fahles Einerlei offenbarte? Anna Gislén hatte das Thema ihrer Doktorarbeit.

Schwedische Kinder beim Unterwasser-Sehtest: Verbesserte Fähigkeiten nach einem Monat Training
Andrew Testa

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Man muss übersetzen mit dem Langboot der Ranger, der Strand der Nomaden liegt nahe der Station, doch ein Hügel, unpassierbar, schiebt sich davor. Vorbei an der Schildkröte aus Fels, einem riesigen Fossil gleich oder das Werk eines Bildhauers aus der Traumzeit. Das steinerne Trumm wacht an Land, im Wasser herrscht Kijui loko, der Hai. Er soll schon bis an die vordersten Hütten geschwommen sein, seine Flosse kreiste um die Stelzen, durch die Spalten im Boden sah man es genau. Kaum einer geht seither ohne Schlüssel ins Meer, nur so ist dem Biest der Schrecken zu nehmen: indem man sein Maul verschließt.

"Verrat es nicht", mahnt Salama, "aber man braucht auch einen Spruch." Ein Boot gleitet auf den Sand, es ist früher Morgen, ein Mann und eine Frau tragen ein Netz ans Ufer, schütten es aus. Der erste Fang, aus den Hütten stürzen die Frauen, greifen hinein, nicht mehr als eine Handvoll jede. Die Männer steigen in die Boote, die Parkwächter geben ihnen Arbeit in der Saison, sie fahren Touristen um die Insel, sammeln ihren Dreck. Auf dem Bug hocken die Kinder, ein Kanu im Schlepptau, Speere darin. Über den Korallen springen sie ab.

"Wir fahren jetzt nicht mehr so oft raus", sagt Salama, "das Muscheln sammeln ist verboten, auch das Fischen. Mein Sohn ist auf das Festland gegangen zum Arbeiten." Den Hai nur fürchten sie, ihn und die hohen Wellen. Nicht die weit draußen, sondern jene am Ufer. Die Wellen schlagen die Kinder, manchmal kommen sie aus dem Nichts, und wer sieht schon immer hin, wenn sie im Seichten toben? Sie sind ja ständig dort oder bei den Riffen, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Die Riffe, das ist ihr Spielplatz.

Mag sein, dass uns die Evolution landwärts gestoßen hat. Wir mögen Fische gewesen sein, vor Äonen, schon deshalb ist der Blick zurück eher verschwommen. Doch auch buchstäblich: Unser, das menschliche Auge, ist nur der Luft gefügig. Unter Wasser verlieren Hornhaut und Glaskörper ihre lichtbrechende Kraft, allein die Linse muss für Klarheit sorgen. Doch was sie gen Netzhaut schafft, reicht nicht weit, unter Wasser verliert der Mensch zwei Drittel seiner Sehfähigkeit. Da wird wenig scharf, klitzekleine Muscheln schon gar nicht. Zuerst wollte Gislén herausfinden, wie gut die Kinder tatsächlich unter Wasser sahen. Eine Vergleichsgruppe mit den Kindern europäischer Touristen sollte den Unterschied zeigen. "Wir fanden sie an den Urlauberstränden naher Inseln", sagt Anna Gislén, Schamröte färbt die Wangen. Was ist los, Anna? "Nun, man gerät in der Gegend leicht unter Verdacht. Wir auch." Sie knetet die Hände. "Ich meine, wir waren dort unten nicht die Einzigen, die nach Kindern suchten." Es half, dass sie ihre Tochter dabei hatte. Am Ende folgten ihr 6 junge Moken und 28 Urlauberkinder ins Wasser. Die Sehschärfe misst man mittels Scheiben, denen entweder Quer- oder Längsstreifen aufgedruckt sind. Ein Gestell fixierte den Kopf knapp unter der Wasseroberfläche auf 50 Zentimeter Abstand. Jede Scheibe zeigte dünnere, enger aneinander liegende Linien. Die Kinder sollten bestimmen, welche Richtung sie hatten, vertikal oder horizontal. "Machten sie zu viele Fehler, war klar, dass sie nichts mehr sahen." Die Mokenkinder erkannten noch einen Millimeter dünne Streifen. Oder anders: Sie sehen fast drei Mal so gut.

Anna Gislén saß am Strand der Moken und dachte nach, bald ging ihr Flug. Sterne fielen, Fische sprangen. Jene besitzen extrem runde Linsen, die mangelnde Brecheigenschaften kompensieren. Auch eine flachere Hornhaut ist in dieser Hinsicht nützlich, bei Wasservögeln etwa. Robben gar haben hinter der Cornea eine feine Luftschicht, gleich einer natürlichen Taucherbrille; ihnen ist das Wasser Luft, optisch betrachtet. Die Muskeln an der Linse sind zudem stark ausgebildet, was erhebliche Verformungen möglich macht. Seekühen geht es ähnlich.

Nein, nein, Anna schüttelt den Kopf. "Ihre Augen", sagt sie, "sind die eines jeden Menschen auf dieser Welt, wir haben das untersucht." Tatsächlich wuchtete sie einen Großteil ihres Labors nach Thailand, darunter ein Ophthalmometer, jenes Getüm, in das der Optiker seinen Kunden bittet. Auch das schwer wiegende Vokabular ihres Fachgebiets trug sie an den fernen Strand, sie folgte Krümmungsradien, schlängelte durch Sinuskurven, schnitt die Blicke in Raumfrequenzen. Danach war sie ratlos.

  • 1. Teil: Die Kinder mit den Superaugen
  • 2. Teil


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