Ist es rassistisch, wenn du schwarze Menschen nicht auseinanderhalten kannst?

"Für mich sehen die alle gleich aus"
Von Thembi Wolf

Dieser Beitrag wurde am 13.05.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Letztes Jahr hat mir ein Kollege zur Beförderung gratuliert. Ressortleitung, Personalverantwortung. Nächster Schritt: Chefredaktion.

Nur war ich gar nicht befördert worden – den Job hatte eine neue schwarze Kollegin bekommen. Passiert. Alle sind peinlich berührt. Schwamm drüber, dachte ich. Bis mir der nächste Kollege zum neuen Job gratulierte.

Die "Washington Post" hat diesem Phänomen gerade einen Namen gegeben: "work twin". Büro-Zwillinge sind zwei Kolleginnen oder Kollegen, die ständig verwechselt werden. Nicht, weil sie sich ähnlich sähen: Sondern nur, weil sie dieselbe ethnische Herkunft oder Hautfarbe haben.

Klar, auch weiße Menschen werden verwechselt.

Der Unterschied: People of Color sehen den Personen, mit denen sie verwechselt werden, oft nicht einmal ähnlich. 

Sie sind unterschiedlich groß, alt oder dick, haben eine andere Haarfarbe, Haarstruktur, Stimmfarbe und Auftreten. So wie die beförderte Kollegin und ich: Sie ist deutlich größer und hat schulterlange Haare. Ich hatte zu dem Zeitpunkt einen Undercut. Dazu kam: Ich war bereits ein halbes Jahr im selben Büro – sie erst ein paar Tage.

Sie war nicht mein erster "Twin". An meinem Gymnasium gab es genau eine andere schwarze Schülerin. Sie war vier Jahre jünger, zwei Köpfe größer und so extrovertiert, dass sie nach einer starken Kampagne zur Schülersprecherin gewählt wurde. Ich saß immer in der letzten Reihe und las unter der Bank ein Buch. Meldete ich mich doch, nannte meine Mathelehrerin mich bis zum Abi konsequent "Kira".

Ist das schon rassistisch?

Es gibt gute Erklärungen für das Phänomen "Für mich sehen die halt alle gleich aus". Der Psychologe und ehemalige Uni-Professor Roy S. Malpass nennt es den "Other-Race-Effect". Das Gefühl, alle Menschen einer Ethnie sähen gleich aus, sei subjektiv gesehen gar nicht so falsch, erklärte er der "New York Times ". 

Das habe nichts mit Vorurteilen oder Bigotterie zu tun, sondern mit der Umgebung in der jemand aufgewachsen ist. Sei man in der Frühphase des Lebens nicht viel mit Menschen anderer ethnischer Herkunft in Kontakt gekommen, tue man sich schwer damit, sich nicht-weiße Gesichter zu merken.

Weiße Menschen würden damit aufwachsen, Menschen anhand von Haar- und Augenfarben zu unterscheiden, während Afroamerikaner subtilere Hautschattierungen zu unterscheiden lernten. (New York Times )

Für den "Other-Race-Effect" gibt es jede Menge Beispiele:

Da ist das virale Live-Interview mit dem schwarzen Schauspieler Samuel L. Jackson, in dem er mit Laurence Fishburne verwechselt wurde. "Ernsthaft? ERNSTHAFT?", fragte Jackson genervt zurück. "Wir sind vielleicht alle schwarz und berühmt, aber wir sehen nicht alle gleich aus." Später entschuldigte sich der Moderator für den Fehler. (Hollywood Reporter )

Ein Doktorand aus Kiel hat den Effekt 2005 im deutschen Kontext untersucht: Er legte 128 Probanden Bilder von Menschen deutscher und türkischer Herkunft vor. Dabei entfernte er äußere Merkmale wie Haare und Ohren. Wie erwartet, wurden die "türkischen Gesichter" von den Teilnehmenden türkischer Herkunft besser erkannt – und andersrum. Auch er vermutet, dass zu wenig Kontakt mit Menschen anderer Kontexte ein Grund dafür sei. (Studie )

Denn der Effekt funktioniert auch umgekehrt.

Die koreanische Agentur Solfa hat das in einem ziemlich lustigen Experiment gezeigt. Sechs Koreanerinnen und Koreaner die nichts über westliche Popkultur wissen, sollten Bilder von Promis ordnen. Welche zeigen dieselbe Person?

Zooey Deschanel und Katy Perry auseinanderzuhalten ist auch für Menschen aus dem Westen schwierig, so ähnlich sehen sich die beiden. Aber zuzuschauen, wie Jodie Foster, Natalie Portman und Keira Knightley verwechselt werden, ist sehr lustig.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Nicht immer sind Verwechslungen so harmlos.

Im Büro die falsche Kollegin anzusprechen oder auf einer Party die falsche Person zu umarmen – das kann man bestenfalls mit einer Entschuldigung ausräumen.

Aber was ist, wenn Gesichtserkennung über Recht und Unrecht entscheidet? Die Fehlerquote bei polizeilichen Gegenüberstellungen ist zum Beispiel höher, wenn die Verdächtigen nicht weiß sind (Studie ). Und nicht nur Menschen sind fehlbar. Amazon musste im Januar einräumen, dass seine Gesichtserkennungs-Software rassistische Bias, also strukturelle Vorurteile hat: Schwarze Frauen wurden häufig als Männer erkannt. Der Konzern wollte die Software an Polizei und Sicherheitsbehörden vermarkten. (New York Times )

Eine mögliche Lösung: Nachdenken.

Die positive Nachricht: Zumindest für Menschen gibt es einen Ausweg aus der "Die sehen alle gleich aus"- Falle. Einer Studie zufolge wird der "Other-Race-Effect" verringert oder löst sich sogar ganz auf, wenn Studienteilnehmer vorgewarnt sind, dass sie Vorurteile haben könnten. (Studie )

Oder anders gesagt: Wer auch nur einmal darüber nachgedacht hat, dass es in allen Ethnien Diversität gibt, wer sich schon mal für eine Verwechslung entschuldigen musste und sich ertappt gefühlt hat, sei künftig sensibilisiert.

Wer People of Color trotzdem verwechselt, verhält sich tendenziell respektlos. Und wer tatsächlich annimmt, dass sich alle Schwarzen oder Asiaten ähneln, ist leider ein Rassist.