"Kultur" statt "Rasse" – wie Rassismus wieder salonfähig wurde und woran man ihn erkennt

Ein Gespräch über Vorurteile und ihre gesellschaftliche Akzeptanz.

Dieser Beitrag wurde am 16.09.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Rassismus hat sich verändert: Wo früher – wissenschaftlich falsch – mit Anatomie und Genen argumentiert wurde, wird heute über Kultur- oder Religionszugehörigkeit gesprochen, um ganzen Bevölkerungsgruppen bestimmte Eigenschaften zuzusprechen. 

Die Ungleichheits-Forscherin Aylin Karabulut, 26, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen und forscht zum Thema Rassismus in der Schule. Wir haben mit ihr über den neuen Rassismus gesprochen – und was er für unsere Gesellschaft bedeutet.

Früher wurde Rassismus biologisch begründet, es gab absurde und wissenschaftlich falsche Behauptungen, wie zum Beispiel, dass bestimmte Menschengruppen kleinere Gehirne hätten. Wissenschaftler haben sich überdeutlich von dem Konzept der menschlichen Rassen distanziert. (DER SPIEGEL) Stattdessen wird heute mit "Kultur" argumentiert, wenn Menschengruppen homogenisiert werden. Woran liegt das?

Biologischer Rassismus ist gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert. Er wurde in Deutschland insbesondere nach den Auswirkungen der Rassenlehre im Nationalsozialismus umfänglich tabuisiert. Was wir verstärkt wahrnehmen können, ist stattdessen eine Verschiebung zum kulturellen Rassismus.

Denn beim Rassismus ging es nie wirklich um Menschenrassen, weil es keine gibt. Es geht immer um die Konstruktion von Rassen. 

Heutzutage sind es Kulturkreise, die als Rasse konstruiert werden: Man geht davon aus, dass Verhaltensweisen in einem verankert sind, weil man zu einem bestimmten Kulturkreis oder zu einer bestimmten Ethnie gehört.

Woher kommt diese Verschiebung?

Kultureller Rassismus ist gesellschaftlich akzeptierter. Er folgt aber den selben Logiken und Strukturen wie der biologische. Die "Kultur" wird an die Stelle der "Rasse" gesetzt. 

Gerade wegen der Sarrazin-Debatte ist kultureller Rassismus aussprechbar geworden. Zur Veröffentlichung seine Buches "Deutschland schafft sich ab" war Thilo Sarrazin eine Person mitten in der SPD, ein ehemaliger Berliner Finanzsenator und früheres Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, nicht etwa ein NPD-Funktionär. Das hat die Grenzen der Sagbarkeit stark verschoben. 

Sein Buch wurde Beststeller und die rassistischen Thesen standen plötzlichen mitten in der Gesellschaft. Es wurde gesellschaftlich akzeptierter, solche Thesen zu vertreten. Kultureller Rassismus existiert schon länger. Aber gerade wegen solcher Debatten nimmt er mehr Raum ein. 

Wer ist besonders von diesem neuen Rassismus betroffen? 

Der antimuslimische Rassismus wird beispielsweise oft nicht als solcher erkannt und benannt. Dabei werden Muslime und Musliminnen aufgrund einer zugeschriebenen "kulturellen Fremdheit" als grundsätzlich nicht zugehörig konstruiert. In der Folge erfahren sie vielfältige Formen struktureller Benachteiligung in unterschiedlichen Lebensbereichen.

In meiner Masterarbeit habe ich die Rassismuserfahrungen von Schülerinnen und Schülern erforscht. Eine Schülerin erzählte zum Beispiel, dass sie in einer Arbeit Rechtschreibfehler hatte. Ein Lehrer sagte dann mitten im Unterricht, dass man bei ihr merke, dass sie keine Deutsche sei. Die Schülerin konnte das nicht akzeptieren, weil ihr Sitznachbar ohne Migrationshintergrund mehr Rechtschreibfehler hatte. Bei ihm wurde das aber nicht thematisiert, seine Zugehörigkeit wurde nicht in Frage gestellt. 

Und was sind die Ergebnisse deiner Masterarbeit?

Ein Ergebnis ist, dass Rassismus fester Bestandteil der Erfahrungswelt von Schülerinnen und Schülern ist, die ich befragt habe. Viele Schüler erfahren Rassismus von Lehrern, aber können diesen nicht artikulieren, weil es keine unabhängigen Antidiskriminierungsstellen an Schulen gibt. Das sorgt für ein Gefühl der Ohnmacht und der Ausweglosigkeit. Schulische Rassismuserfahrungen sind besonders biographisch einschneidend, da die Schule stark über den weiteren Lebensweg entscheidet.

Für die Betroffenen ist es da eher zweitrangig, ob der Rassismus auf Vorurteilen gegenüber der Kultur oder der Biologie basiert. Der Effekt bleibt Rassismus. 

*In einer früheren Version dieses Artikels schrieben wir, Thilo Sarrazin sei Vorstandsmitglied der Deutschen Bank gewesen. Das ist falsch, er war Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank.

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